Die letzten Mohikaner?

Katholisch in der Merkel-Union: Zu Besuch bei den Bundestagsabgeordneten Norbert Geis und Hubert Hüppe

Der 3. Februar 2009: Er wird als Zeitenwende in die Geschichte der CDU eingehen. Die protestantische Kanzlerin schalt den Papst an der Seite des kasachischen Diktators Nasarbajew öffentlich. Nach Stichtagsverschiebung, Krippenbetreuung, Schavan und von der Leyen war für viele Katholiken klar: Diese Partei vertritt uns nicht mehr. Sachsen-Anhalts früherer Ministerpräsident Münch trat lärmend aus der CDU aus – nach 37 Jahren Mitgliedschaft. Doch es gibt sie noch, die katholischen Abgeordneten, für die das „C“ für mehr steht als für „soziale Gerechtigkeit“ allein.

Norbert Geis empfängt in seiner Anwaltskanzlei in Aschaffenburg. Fränkische Provinz. Der Charme der siebziger Jahre durchweht die Räume. Funktionales Büromobiliar, juristische Handbücher, kein Schnickschnack. Geis ist dieses Jahr siebzig geworden. Man merkt es dem schlanken, flinken Mann nicht an. Er ist verbindlich. All die Jahre in der Politik – seit 1987 sitzt er als direkt gewählter Abgeordneter der CSU im Bundestag – haben ihn geübt gemacht im Umgang mit Menschen. Und dennoch: Der freundliche vierfache Familienvater ist das rote Tuch der Homo-Lobby. Dafür haben Sätze wie diese gesorgt: „Die Aufdringlichkeit, mit der sich Homosexuelle öffentlich prostituieren, ist nur noch schwer zu ertragen. Sie lassen jede Scham vermissen. Der Verlust der sexuellen Scham aber ist immer ein Zeichen von Schwachsinn, wie es Freud formuliert hat.“

Kein Politiker im Parlament findet so klare Worte – und bekommt so klare Reaktionen. „Bei mir gehen ständig E-Mails von Homo-Aktivisten mit den widerlichsten Ausdrücken ein. Ich will das jetzt gar nicht wiederholen. Aber eins ist klar: Die Homo-Lobby ist die intoleranteste Gruppe, die ich kenne.“ Dennoch hat er mit ihr immer wieder qua Amt zu tun. Geis ist rechtspolitischer Sprecher der Unionsfraktion. Sein Intimfeind und größter Gegenspieler ist dabei Volker Beck. Der Geschäftsführer der Grünen-Fraktion ist bekennender Schwuler. „Totalitäre Tendenzen“ warf Geis ihm in dieser Zeitung (DT vom 23. April) vor, als Beck die Teilnahme von Psychologen an einem Kongress in Marburg verhindern wollte, weil sie Homosexualität für heilbar halten. Die Homo-Lobby kochte. Auf queer.de und romeoundjulian.de türmten sich die Kommentare.

Geburtstagsgrüße an Volker Beck

Sie schreiben sich dennoch Karten zu Weihnachten und zum Geburtstag. „Die Abneigung, die Herr Beck gegen mich hegt, ist nicht gegenseitig.“ Geis will richtig verstanden werden: „Ich meine, dass der Staat erwachsenen Menschen nicht vorschreiben kann, wie sie ihr Leben zu führen haben. Aber bei der Adoption muss es zuerst um das Kindswohl gehen.“ Er hätte es deshalb befürwortet, wenn Bayern die Normenkontrollklage gegen Teile des „Lebenspartnerschaftsergänzungsgesetzes“ weitergeführt hätte. Damit sollte die Stiefkindadoption verhindert werden. „Es ist uns aber bedeutet worden, dass das keine Aussicht auf Erfolg haben wird.“ Er hätte CSU-Chef Seehofer geraten, es dennoch zu tun – wegen der Symbolwirkung. „Aber das wäre nicht gegangen wegen der FDP, mit der wir in Bayern regieren.“ Geis will aber das Schlimmste verhindern. Im August bekräftigte er im ZDF im Hinblick auf eine völlige Freigabe des Adoptionsrechts für Schwule und Lesben das Nein der Union: „In der Ehe und bei heterosexuellen Paaren liegt die Zukunft. Und nicht bei irgendwelchen Fehlentwicklungen.“

Kompromisse in Grundsatzfragen sind Geis' Sache nicht. So hatte er 1990 als einer von 13 Abgeordneten gegen den Einigungsvertrag gestimmt. Nicht, weil er gegen die Wiedervereinigung gewesen wäre. „Es war für mich ungeheuer schmerzlich. Aber ich konnte dem Vertrag nicht zustimmen, weil er die Beibehaltung der DDR-Fristenlösung für die neuen Länder vorsah.“ 1992 strengte die Fraktion unter seiner maßgeblichen Führung eine Verfassungsklage gegen die zuvor vom Bundestag beschlossene Fristenlösung für das ganze Bundesgebiet an – und bekam Recht. Dass heute jedes Jahr 120 000 Abtreibungen jährlich erfasst werden, lässt ihm keine Ruhe. „Und das in einem sterbenden Volk.“ Der Katholik sieht hier auch die Kirche in der Pflicht. „Die Bischöfe dürfen dieses Thema nicht einschlafen lassen.“ Sie sollten nicht unterschätzen, welches Gewicht ihr Wort in der Union noch immer habe. Andererseits: „Die CDU ist kein Orden und der christliche Grundwasserspiegel sinkt auch hier.“ Ob er verstehen könne, dass sich viele Katholiken nicht mehr ernst genommen fühlten. „Ja, das kann ich“, sagt er und beeilt sich hinzuzufügen, dass es keine andere Partei gebe, in der „wenigstens im Ansatz christliche Positionen eine solche Bedeutung“ hätten. „Das ,C‘ bindet. Noch immer.“ Er weiß um die verletzte katholische Seele. Die Kanzlerin auch. So habe sie ihn nach der Papstschelte zu sich gerufen. „Aber ich kann die Leute nur aufrufen: Engagiert euch in der Union. Nicht gegen sie.“

Berlin. Im Reichstag ist an diesem Septembertag die Hölle los. Senioren und Schülergruppen aus dem ganzen Land latschen durch die Volksvertretung, steigen dem Parlament auf's Dach, sitzen Probe in seinen Räumen. Transparente Demokratie. Hubert Hüppe ist im Stress. Mehrere Schülergruppen aus seinem Wahlkreis Unna I in Nordrhein-Westfalen haben sich angemeldet. Irgendein seelenloser Sitzungssaal. In ihm nimmt eine Gruppe von Gesamtschülern Platz. Normale 16-Jährige, gepierct, solariumgebräunt, kopfhörerbewehrt. Die Begegnung mit dem Abgeordneten ist der letzte Programmpunkt, bevor sie zum Shoppen in die Stadt dürfen. Die Aufmerksamkeitskurve könnte höher sein. Damit weiß der unprätentiöse Ruhrpottler umzugehen. Schließlich ist er kein Haushaltsexperte, der seine Zuhörer mit Zahlen langweilen müsste, sondern behindertenpolitischer Sprecher der Union. So kann er von der Frau erzählen, die mit ihrem Blindenhund beerdigt werden möchte. Und davon, warum es wichtig ist, Behinderte nicht aus der Gesellschaft auszuschließen. Hüppe weiß, wovon er spricht: Einer seiner Söhne ist selbst schwerstbehindert. Der 52-Jährige gehört dem Parlament seit 1991 an. In dieser Zeit hat sich der Katholik als das biopolitische Schlachtross der Union bewährt. Spätabtreibung, Stichtagsverschiebung: Kein Kampf der letzten beiden Jahrzehnte, den er nicht mitgefochten hätte. Auch davon erzählt er den Schülern. Er bringt Beispiele: Von den zwei gehörlosen Lesben etwa, die auf der Suche nach dem Sperma eines gehörlosen Mannes schließlich fündig geworden sind. Auch ihr Wunschkind wird nicht hören können.

Fehlende Katholikenstimmen

Oder von der 59-Jährigen in den USA, die unbedingt nochmal schwanger werden wollte und sich die Eizelle ihrer Tochter aus erster Ehe implantieren ließ. Genetisch brachte sie damit ihren eigenen Enkel zur Welt. „In Deutschland ist die Eizellspende verboten. Und ich tue alles, damit das so bleibt.“ Den Schülern scheint es gefallen zu haben: Sie klatschen lange.

Später, im Café auf dem Dach des Reichstags. Die lärmende Millionenmetropole liegt ringsum zu Füßen. „Fühlen Sie sich in Ihrer Partei nicht manchmal auf verlorenem Posten?“ „Ich weiß, wen ich in meiner Fraktion frage, wenn ich Unterstützer suche.“ Er will aber die Kritik vieler Katholiken nicht gelten lassen, dass der Lebensschutz keinen Platz mehr in der Union hätte – im Gegenteil. „Wir sind die einzige Partei, die einen Beschluss gegen Präimplantationsdiagnostik hat. Oder nehmen Sie meine Landesgruppe: Dort fand sich überhaupt keine Mehrheit für die Stichtagsverschiebung.“ Im Übrigen müssten die Leute nur genauer hinschauen: „Bei den Jungen, Philipp Mißfelder vornweg, gibt es eine große Mehrheit für das Leben.“ Zudem dürfe man nicht glauben, dass die Abgeordneten nicht empfänglich wären für öffentlichen Druck von christlicher Seite. Nur müsste der die Richtigen treffen. Einmal seien in seinem Büro 2 000 Postkarten eingegangen, die ihn aufriefen, sich gegen Abtreibung einzusetzen. „Ausgerechnet ich!“, meint er kopfschüttelnd. Überhaupt fehle es der Pro-Life-Bewegung oft an Professionalität. „Es gibt tatsächlich Lebensschützer, die in meinem Büro anrufen und den Text des Paragrafen 218 haben wollen! In den USA gehen die Lobbyisten zur Politik und nicht umgekehrt.“ Er wünscht sich auch mehr Rückendeckung seitens der Kirche: „Es würde nicht schaden, wenn die Bischöfe das Thema Lebensschutz am Kochen halten würden.“

Hüppe ist Listenkandidat und muss deshalb von Wahl zu Wahl um seinen Wiedereinzug bangen. Er weiß, dass viele Katholiken jetzt nur noch dann Union wählen, wenn ihr Wahlkreiskandidat für das Leben abgestimmt hat. Er versteht das. „Aber ohne Zweitstimme schaden sie auch Lebensrechtlern wie mir.“ Nachdenklich ist auch Norbert Geis. „Ich kann nicht ausschließen, dass uns am Ende die zwei bis drei Prozent konservative Katholiken zum Sieg fehlen werden.“ Morgen Abend wissen wir mehr.

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