Die letzte Unruhestätte

Der verunglückte polnische Präsident Kaczynski wird auf dem Wawel neben Königen und Volkshelden beigesetzt werden – Im Land stößt das nicht nur auf Zustimmung

Schon einmal gab es in Polen heftige Diskussionen darüber, wo eine angesehene Persönlichkeit beerdigt werden solle und darf: Als der Literaturnobelpreisträger Czeslaw Milosz im Jahre 2004 starb, plädierten sämtliche Intellektuelle des Landes für eine Beerdigung in der Gruft des Paulinerklosters auf der Krakauer Ska³ka, dem zweiten Pantheon der Stadt, nach der Kathedrale auf dem Wawel. Doch national-konservative Katholiken wussten die Beisetzung Miloszs zu verhindern. Vor dem gusseisernen Tor des Klosters hängten sie Plakate an die Mauern. Darauf zu lesen waren Zitate aus Milosz-Gedichten. Sie sollten aber den Beweis für Milosz' Vergehen liefern: Seinen mangelnden Patriotismus.

Kilometerlange Schlangen von Trauernden

Denn: Schon kurz nach dem Zweiten Weltkrieg, den der in Litauen geborene Pole im Warschauer Untergrund erlebte, hatte sich Milosz nach einer kurzen Phase als kommunistischer Diplomat von seiner Heimat abgewandt. Die Rückkehr nach Krakau im Zuge der politischen Wende kam nach Ansicht der Protestler zu spät. Kein Patriotismus, kein Pantheon – erst ein Machtwort des Papstes, Johannes Paul II., beendete die peinliche Auseinandersetzung um die Beisetzung des großen Dichters. Kurz vor der Beerdigung wurde ein Brief des Papstes an den Erzbischof von Krakau, damals Kardinal Franciszek Macharski, veröffentlicht, in dem Johannes Paul II. wiederum aus einem Briefwechsel mit Milosz zitiert. Darin hatte der Papst bestätigt, dass er selbst und Milosz nach demselben Ziel streben.

Kein Papst-Brief, nirgends, ist jedoch zu finden, der die aktuelle Diskussion um die Beerdigung des polnischen Präsidenten Lech Kaczynski lösen kann, der am vergangenen Wochenende mit seiner Frau Maria und zahlreichen anderen wichtigen Repräsentanten des polnischen Staates in Smolensk (Russland) ums Leben kam.

Zwar zog die ganze Trauerwoche lang eine kilometerlange Schlange von Trauernden durch die Warschauer Altstadt, um vor dem Sarg im Präsidentenpalast persönlich Abschied zu nehmen, doch im Laufe der Woche gingen in Warschau, Posen, Breslau und Lodz auch Menschen auf die Straße, um gegen die Beerdigung Kaczynskis am kommenden Sonntag zu protestieren. Beerdigt werden soll er natürlich, doch die Frage ist wo?

„Auf heldenhafte Weise ums Leben gekommen“

Geplant (und auch nicht mehr zu stoppen) ist nämlich, ihn und seine Frau Maria mit einem Trauerakt in der Wawel-Kathedrale beizusetzen. Kardinal Stanislaw Dziwisz, Metropolit von Krakau, verkündete, dass er dies mit der Familie Kaczynskis vereinbart habe.

„Sie werden mit denen ruhen, die sich um die Wohlfahrt unseres Landes verdient gemacht haben, unter den Königen und Helden“, erklärte Johannes Pauls II. früherer Sekretär. Denn: „Der Präsident ist auf heldenhafte Weise ums Leben gekommen“, als beim Anflug auf den Flughafen von Smolensk die Regierungsmaschine abstürzte. „Die Familie will es so – und auch die Gesellschaft.“ Tatsächlich ruhen in der Gruft unter der Kathedrale viele berühmte Polen: Der Nationalheld und legendäre Militärkommandeur Tadeusz Kosciuszko, der 1794 den Aufstand gegen die Teilungsmächte Russland und Preußen anführte. Der Marschall und Architekt der polnischen Unabhängigkeit von 1918, Jozef Pilsudski (1867–1935). Der Ministerpräsident der polnischen Exilregierung im Zweiten Weltkrieg, Wladyslaw Sikorski, und der Nationaldichter Adam Mickiewicz (1798–1855). Ein Staatspräsident war hier noch nie bestattet.

Auch Präsident Obama wird zur Trauerfeier erwartet

Dass die Gesellschaft es so will, lässt sich mittlerweile auch nicht mehr so ohne weiteres sagen. Nicht nur Bürger auf der Straße, die mit Transparenten wie „Wawel gehört den Königen“, „Übertreibung!“ und „Wawel vor Schändung bewahren“ protestieren, haben eine andere Meinung – auch immer mehr Prominente sprechen offen ihre Ablehnung der „übereilten Entscheidung“ von Kardinal Stanislaw Dziwisz aus. So zum Beispiel der Filmregisseur Andrzej Wajda („Katyn“), der Historiker Wladyslaw Bartoszewski und die Philosophin Magdalena Sroda. Polens früherer Präsident Lech Walesa, der seinem langjährigen Todfeind Kaczynski erst vor wenigen Tagen öffentlich „vergeben“ hatte, soll sogar so verärgert sein, dass er nicht einmal zur Beerdigung Kaczynskis nach Krakau fahren will. Dabei werden 70 Staatsgäste aus der ganzen Welt, darunter der amerikanische Präsident Barack Obama, erwartet.

So sieht alles danach aus, dass die Hoffnung des früheren Premiers Tadeusz Mazowiecki, „dass die in der polnischen Politik zu Tage kommende Kleinlichkeit angesichts der Tragödie, die wir erlebt haben, zumindest für einige Zeit verschwindet“ enttäuscht wird. Kurz war die Zeit des Friedens und der Einheit in Polen, auch in der Trauer geht die Unruhe weiter.

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16.09.2021, 13 Uhr
Stephan Baier