„Die Lage in Gaza ist hochdramatisch“

Ein Gespräch mit Frank Ballot, Nahost-Experte bei Caritas International

Welches Bild von der aktuellen humanitären Lage im Gazastreifen ergibt sich für die Mitarbeiter der Caritas?

Wir stützen uns in erster Linie auf unsere lokalen Partner, vor allem die Caritas Jerusalem, die im Gaza-Streifen verschiedene medizinische Einrichtungen, darunter eine mobile Klinik, unterhält. Darüber hinaus gibt es in Gaza eine kleine, katholische Gemeinde, zu der regelmäßige Telefonkontakte bestehen. Der direkte Zugang in die umkämpften Gebiete ist natürlich nicht möglich. Aber nach allem, was wir wissen, ist die Situation hochdramatisch. Der Gaza-Streifen ist sehr dicht besiedelt, hat etwa die Siedlungsdichte von Berlin. Das heißt: Jede militärische Aktion trifft massiv die Zivilbevölkerung, wie die vielen Toten und Verletzten zeigen. Die medizinischen Zustände sind katastrophal: Krankenhäuser, die von Granateneinschlägen getroffen werden, Probleme bei der Zufuhr von Medikamenten und Verbandsmaterial. Erschwert wird die Lage in Gaza auch dadurch, dass die Verwaltung praktisch zusammengebrochen ist, es keine öffentlichen Stellen mehr gibt, an die sich Menschen wenden können. Sie können auch nicht mehr aus Gaza fliehen. Es ist eine hoffnungslose Situation, kann man sagen.

Welche Hilfsmaßnahmen hat die Caritas eingeleitet?

Erstes Ziel muss es sein, die medizinische Versorgung einigermaßen sicherzustellen. Wir versuchen, Medikamente, Verbandsmaterial, medizinische Geräte für unsere Gesundheitsstationen und einige öffentliche Krankenhäuser zu liefern. Das Geld dafür wird von den Mitgliedsorganisationen des Internationalen Caritasverbandes aufgebracht. Unser Problem ist der Zugang zum Gaza-Streifen. Grundsätzlich hat die israelische Regierung zugesagt, Hilfslieferungen passieren zu lassen. Wir haben auch eine Firma, die den Transport übernehmen will. Aber de facto ist daran in diesen Tagen, solange die Kämpfe so heftig sind, kaum zu denken.

Welche Möglichkeiten hat der von der Caritas in Gaza ernannte Koordinator?

Er hat keine Mittel, um die Hilfslieferungen zu beschleunigen. Aber er versucht, so gut es geht, die Organisation in Gang zu halten, besucht Krankenhäuser und Gesundheitsstationen, um erst einmal den Bedarf zu ermitteln und diese Informationen weiterzugeben. Er versucht auch, auf verschlungenen Wegen Benzin für den Transport von Hilfsgütern zu beschaffen – alles in allem ist es eine sehr schwierige Organisation.

Wie beurteilen Sie die politischen Perspektiven für den Nahen Osten, vor allem die Rolle der USA?

Die Caritas hält sich mit politischen Stellungnahmen zurück, denn der Konflikt ist hoch kompliziert, lässt sich nicht in einfache Kategorien fassen. Ich persönlich würde die Frage stellen, ob die USA tatsächlich noch die dominierende Rolle spielen, die ihnen immer zugewiesen wird. Israel ist militärisch und politisch nicht mehr so stark von den Vereinigten Staaten abhängig wie früher. Ich halte Verhandlungen in dieser konkreten Situation für sehr schwierig, denn eigentlich weiß niemand mehr, was genau verhandelt werden soll. Die Hamas ist ja im Grunde nicht bereit zu verhandeln.

Es hatte ja schon einen Waffenstillstand gegeben, der von ihr einseitig aufgekündigt wurde ...

Richtig. Die Frage stellt sich deshalb: Was soll Gegenstand von Verhandlungen sein, solange die Hamas eine Agenda vertritt, die sich nicht an realpolitischen Gegebenheiten orientiert, sondern auf Destruktion abzielt und die israelische Seite als Verhandlungspartner gar nicht akzeptiert? Man könnte Israel vielleicht raten, die Kampfhandlungen für mehrere Tage einzustellen. Wenn die Hamas dann ihren Raketenbeschuss nicht stoppt, ist für alle Welt klar, dass die Vertreter der Hamas wirklich nicht an einem Dialog interessiert sind. Ich persönlich bin für den Moment relativ pessimistisch. Aber das ist meine subjektive Meinung. Der Caritasverband als solcher konzentriert sich im Augenblick auf Nothilfe für die vom Krieg betroffene Bevölkerung.

Wie schätzen Sie die Rolle der Europäer im Nahost-Konflikt ein?

Es ist sicher ein Problem, dass die europäischen Staaten aufgrund ihrer unterschiedlichen Interessen nicht mit einer Stimme sprechen. Frankreich ist einerseits sehr an einer Zusammenarbeit mit den arabischen Staaten interessiert, hat aber andererseits auch einen großen jüdischen Bevölkerungsanteil im eigenen Land. Für Deutschland steht nach wie vor das besondere Verhältnis zu Israel im Vordergrund. Von daher ist klar, dass es da keine einheitliche politische Linie geben kann. Die Frage ist eben auch: Was sollen die europäischen Staaten den Israelis konkret raten? Sollen sie die Raketenangriffe der Hamas weiterhin dulden? Man stelle sich vor, welche Reaktionen es in Europa geben würde, wenn die ETA von Spanien aus seit Monaten, Jahren immer wieder Raketen ins südfranzösische Baskenland abfeuern würde. Das ist alles sehr ambivalent.

Nach den jüngsten Raketeneinschlägen aus Richtung Libanon in Nordisrael scheint die befürchtete Ausweitung des Konflikts in greifbare Nähe gerückt zu sein – auch wenn die radikalislamische Hisbollah im Libanon bestreitet, Urheber der Angriffe zu sein...

Ich sehe trotz allem nicht die Gefahr, dass sich der Konflikt ausweitet, weil Israel nach dem Debakel im Libanon 2006 vorsichtig geworden ist. Hinzu kommt, dass die meisten arabischen Regierungen zwar nicht unbedingt Sympathien für Israel hegen – aber auch keine Sympathien für die Hamas, die vom Iran unterstützt wird. Man kann, glaube ich, sogar sagen, dass es manchen arabischen Staaten insgeheim ganz recht wäre, wenn der Einfluss der Hamas dauerhaft geschwächt würde. Ich glaube deshalb nicht an eine Ausweitung. Zwar hat Israel Raketen in den Libanon zurückgeschossen; die jüngste Attacke wird aber von der israelischen Führung als Einzelaktion eingestuft.

Wo sehen Sie Zukunftsperspektiven für die Region?

Die Perspektive liegt zunächst darin, dass die Menschen auf beiden Seiten, Israelis und Palästinenser, des endlosen Konfliktes überdrüssig werden. Es müssten allerdings auch klare Forderungen an die israelische Seite formuliert werden: Israel muss den Palästinensern endlich ein faires und annehmbares Angebot machen. Ein solches Angebot hat es bisher nie gegeben – das muss man ehrlicherweise auch sagen. Außerdem müssen die Israelis mit der Führung der gemäßigten Palästinenser unter Mahmud Abbas endlich ernsthafte Gespräche aufnehmen, statt sie zu unterminieren. Einerseits beklagt Israel, dass es auf palästinensischer Seite keine Gesprächspartner, keine ernstzunehmenden Autoritäten gibt. Andererseits versuchen die Israelis alles, um zu verhindern, dass solche Autoritäten gestärkt werden. Also, beide Seiten haben sich verrannt. Die Geschichte dieses Konflikts ist hochkompliziert; außerdem gibt es noch eine Geschichte vor der Geschichte. Es gibt daher weder einfache Schuldzuweisungen, noch einfache Lösungen.

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