„Die Krise ist eine Krise des Relativismus“

Der italienische Politiker und Philosoph Rocco Buttiglione über Europas Menschen, die Mächtigen und die Krisen Von Stefan Meetschen
Foto: IN | Rocco Buttiglione.
Foto: IN | Rocco Buttiglione.
Herr Buttiglione, Sie haben trotz Ihrer beeindruckenden Bildung auf dem Gebiet der politischen Philosophie einmal gesagt, nicht nur intellektuelles Wissen zählt, sondern auch konkrete Erfahrungen, persönliche Erlebnisse seien wichtig. Wie erleben Sie denn abseits der Akademien, Universitäten und Bibliotheken zurzeit Europa? Was fällt Ihnen auf?

Ich erlebe Europa zurzeit als einen Raum, in dem viele Menschen Arbeit suchen und eine Sehnsucht nach einem Inhalt haben. Nach Rückgrat. Sie möchten als Menschen wahrgenommen werden. Sie möchten in Ihrer Menschlichkeit von den verantwortlichen Politikern angenommen, akzeptiert werden.

Das klingt sehr therapeutisch. Sind das nicht zu hohe Ideale, die Sie an die Politiker richten, die mit der Finanzkrise beschäftigt sind? Die heute politisch in der Verantwortung Stehenden eilen doch von Konferenz zu Konferenz, von einem Rettungsschirmbeschluss zum nächsten. Das alles geschieht unter enormem öffentlichen und medialen Druck.

Nein, ich bin überzeugt, dass die Politiker Europas gut daran tun, den Kontakt mit den Menschen nicht zu verlieren. Man muss die Sorgen, Ängste und Nöte der normalen Menschen in Italien, Spanien und Griechenland persönlich kennen, um angemessene politische Entscheidungen zu treffen.

Sie denken, diese ganzen Konferenzen dienen dazu, eine Art Gegenwelt zu erfinden? Ein politisches Podium der elitären Selbstabschottung?

Ich sehe die Gefahr, dass sich einige Politiker in einem Palast einigeln, und von dort heraus auf die Wirklichkeit schauen. Das geht nicht. Sie sollten sich auch an das erinnern, was sie am Anfang ihrer politischen Karriere dazu getrieben hat, überhaupt in die Politik zu gehen. Welche Werte für sie am Anfang wichtig waren. Viele beginnen mit dem Wunsch, etwas Gutes zu machen, doch dann spielen Motive wie Rache und Habgier eine immer stärkere Rolle.

In Deutschland hat das Bundesverfassungsgericht grünes Licht für den Rettungsschirm ESM gegeben. Ist das aus Ihrer Sicht ein Weg zu mehr Menschlichkeit in der Politik oder befürchten Sie, dass aus dem ESM eine Büchse der Pandora werden könnte? Eine Gefahr für die Demokratie, wie manche Kritiker immer wieder behaupten?

Eine Gefahr für die Demokratie ist der ESM Rettungsschirm nicht, aber eine bessere demokratische Legitimation braucht er sicherlich noch. Wir brauchen dringend eine stärkere politische Einheit Europas, sodass der ESM von Menschen verwaltet wird, die eine eindeutige politische Legitimation dafür haben. Nicht von Beamten, die lediglich eine bürokratische Arbeit ausführen.

Wagen wir etwas Optimismus. Hat aus Ihrer Sicht die europäische Finanzkrise so etwas wie einen Solidarisierungseffekt auf die laizistischen und religiös motivierten Kräfte in Brüssel und Straßburg, die sich sonst feindlich gegenüberstehen? Kann aus der Krise somit vielleicht sogar etwas Gutes wachsen?

Die Krise bringt uns alle einander näher. Doch das Problem ist die Basis dieser Nähe. Diese Krise ist eine Krise des moralischen Relativismus. Es ist auch eine Krise des ökonomischen Relativismus, sicher. Doch es gibt enge Zusammenhänge zwischen dem ökonomischen und moralischen Relativismus, davon bin ich überzeigt.

Werden wir alle geläutert aus der Krise auftauchen? Wird es vielleicht sogar eine Renaissance des Christentums in Europa geben?

Wenn Sie die Geschichte des Volkes Gottes betrachten, stellen Sie fest: In der Zeit des Erfolgs neigt das Volk dazu, Gott zu vergessen. Aber wenn die Not kommt, besinnen sich die Menschen wieder auf Gott. Betrachten Sie nur mein Heimatland. Wer hilft denn den Menschen in der Krise in Italien? Die Kirche und die Familie.

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