Kirche

Die Kirche – Schutzmacht der Familie

Mit Ehe und Familie steht die Schöpfungsordnung auf dem Spiel. Von Jürgen Liminski
Papst Franziskus  während einer Audienz mit 400 Kindern aus Süd-Italien
Foto: Stefano Spaziani (Spaziani)

Der Staat lebt von Voraussetzungen, die er selbst nicht schaffen kann. Jeder kennt das Diktum des ehemaligen Verfassungsrichters Ernst Wolfgang Böckenförde. Das Wort „schaffen“ weist auf den Schöpfungscharakter, auf naturhafte Gegebenheiten hin. Eine dieser Gegebenheiten, mehr noch: die ganz grundsätzliche Voraussetzung, ist die selbstlose Liebe, jenes interessenlose Wohlwollen, das Angenommensein um der Person willen, ganz gleich was sie hat oder leistet, wie sie aussieht oder was sie tut. Es gibt das menschliche Grundbedürfnis nach dieser selbstlosen Liebe, im Geben und Empfangen. Das Streben danach ist dem Menschen in die Wiege gelegt. Die Liebe ist das Ur-Geschenk, sagt Thomas von Aquin, es ist das Geschenk Gottes an die Menschen, insbesondere an die Familie. Deshalb schafft vor allem die Familie die Voraussetzungen, von denen Staat und Gesellschaft leben. Sie ist, wie Papst Benedikt XVI. schreibt, der „Kern jeder Sozialordnung“.

Die in der Schöpfungsordnung sich entfaltende Liebe das ist es, was die Kirche heute als einzige gesellschaftliche Großinstitution schützt. Den Freiraum für diese Entfaltung bieten an erster Stelle Ehe und Familie, der Staat kennt dieses Angebot nicht, Vater Staat liebt nicht, er verwaltet. Deshalb ist die Familie auch der „Kern jeder Sozialordnung“. Aus ihm keimen und wachsen die Voraussetzungen für ein gedeihliches Miteinander. Sie verschmelzen in Lebensphilosophien, die Papst Paul VI. in dem Begriff „Zivilisation der Liebe“ zusammenfasste, und sie werden von Personen gelebt, nicht von Ämtern.

Liebe, Geborgenheit, Vertrauen, Solidarität – das ist der Humus, aus dem Persönlichkeiten erwachsen. Die Familie ist der Garten für diese Erde. Wer die Familie schützt, weil sie der selbstlosen Liebe den Boden bereitet, der sorgt auch für den Zusammenhalt der Gesellschaft, um den man sich in der Politik zunehmend Sorgen macht. Aber die Politik hat, anders als die Kirche, oft keine klare Vorstellung mehr von Familie. Die Ethnologen kennen heute rund hundert Definitionen von Familie, das Statistische Bundesamt immerhin ein gutes Dutzend, zum Beispiel „die Bedarfsgemeinschaft“. Selbst das Bundesverfassungsgericht rückt von seiner ursprünglichen Definition von Ehe („die Vereinigung eines Mannes und einer Frau zur grundsätzlich unauflöslichen Lebensgemeinschaft“, BVerfGE 10, 59/66) und damit auch der Familie ab. Der Staat ist heute meilenweit entfernt von einem Wort von Papst Franziskus, der die Familie als „Meisterwerk Gottes“ bezeichnet. Auch in diesem Wort wird der Zusammenhang zwischen Schöpfung, Natur und Gesellschaft deutlich.

Familie ist eine kulturelle, ja anthropologische Konstante. Im jüdisch-christlichen Kulturkreis galt lange Zeit unumschränkt folgende Definition: „Ein Mann und eine Frau, die miteinander verheiratet sind, bilden mit ihren Kindern eine Familie. Diese Gemeinschaft geht jeder Anerkennung durch die öffentliche Autorität voraus; sie ist ihr vorgegeben. Man muss sie als die normale Beziehungsgrundlage betrachten, von der aus die verschiedenen Verwandtschaftsformen zu würdigen sind. Indem Gott Mann und Frau erschuf, hat er die menschliche Familie gegründet und ihr die Grundverfassung gegeben. Ihre Glieder sind Personen gleicher Würde.“ Die Definition findet sich im Katechismus der Katholischen Kirche. Im Wort Beziehungsgrundlage klingt entfernt an, was der große Soziologe Alexander Mitscherlich den Funktionsverlust der Familie nannte. Er meint damit, dass die Familie im Lauf der letzten zweieinhalb Jahrhunderte, also seit der Industrialisierung und der entstehenden Sozialgesetzgebung, mehr und mehr die Aufgaben der wirtschaftlichen Erhaltung, der Daseinsvorsorge bei Krankheit, Invalidität, Alter und so weiter verloren oder an den Staat abgegeben und sich zunehmend auf die Funktionen der Zeugung des Nachwuchses, seiner Sozialisation und auf die Pflege der innerfamiliären Intim- und Gefühlsbeziehungen beschränkt habe. Das ist ihre Kernkompetenz und die kann sie nicht abgeben.

Diese Kompetenz, die Pflege der emotionalen Befindlichkeit und Stabilität, besonders in den ersten Jahren, ist auch die erste Quelle des Urvertrauens und der Persönlichkeitsbildung. Diese Funktion ist nicht zu ersetzen, weil nur Personen emotionale Beziehungen, Gefühle der Selbstlosigkeit, der Liebe, zueinander unterhalten und aufbauen können. Aus dieser Funktion erwachsen die Daseinskompetenzen, die Liebes- und Bindungsfähigkeit, und das sind genau die Voraussetzungen, die es zu schützen gilt. Das wäre auch Aufgabe des Staates, siehe Artikel 6 des Grundgesetzes. Die Kirche aber ist heute de facto die einzige Institution, die diese Schutzfunktion wahrnimmt. Sie ist die Schutzmacht der Familie. Man mag im Detail hier und da Korrekturwünsche haben, aber solange die Kirche als „Treuhänderin der Wahrheit“ (Benedikt XVI.) die Schöpfungsordnung der Natur verteidigt, solange verteidigt sie auch die Ehe von Mann und Frau und damit die Familie.

Das ist doch nur eine Frage der Wertevermittlung, und die könne doch auch in der Arbeitswelt oder in staatlichen Einrichtungen wie Kita und Schule geschehen. Ein Fehlschluss. Denn die Gesellschaft ist, anders als die Familie, namenlose Sachgemeinschaft, sie erzeugt weder Liebe noch Solidarität. Als Sachgemeinschaft ist die Gesellschaft auch dem Wandel der Arbeitswelt unterworfen. Vor vierzig Jahren noch, so der amerikanische Soziologe Fitzhugh Dodson, „bereiteten die Väter ihre Söhne auf ein Leben als Erwachsene vor, das dem ihren sehr ähnlich war. Unsere Kultur aber ändert sich mit solch einer Geschwindigkeit, dass dies nicht mehr möglich ist. Man weiß, dass von hundert Kindern, die heute auf einem Schulhof spielen, fünfzig Berufe ausüben werden, die heute noch gar nicht existieren.“ Der Wandel ist schnell, konstant aber bleibt die persönliche Beziehung. Für sie zählt nicht, was der andere hat – Geld, Güter, Ideen –, sondern was er ist: Vater, Sohn, Mutter, Tochter, Freund – alles Menschen, Gesichter mit Namen. Für sie lebt man Solidarität. Die Familie ist der gesunde Nährboden für die Sozialisierung der Person, der geistige Schoß nennt es Thomas von Aquin, für das Hineinwachsen in die Gesellschaft. Es ist bezeichnend, dass – folgt man der wissenschaftlichen Literatur – „die Erzeugung solidarischen Verhaltens“ als ein Grund für den verfassungsrechtlichen Schutz der Familie genannt wird. Es sei eine Leistung, schreibt Heinz Lampert, die in der Familie „in einer auf andere Weise nicht erreichbaren Effektivität und Qualität“ erbracht werde.

Fürsorge, Emotionen, Liebe – das ist auch keine Gefühlsduselei. Die Hirn- und Bindungsforschung lehrt, dass die Emotionen die „Architekten des Gehirns“ (Stanley Greenspan) sind, dass sie das Wachstum des Gehirns beim Baby beflügeln, dass emotionale Stabilität die Bildung neuronaler Verschaltungen fördert. Hirn- und Bindungsforscher, Pädagogen und Entwicklungspsychologen sagen deshalb: Bindung geht der Bildung voraus. Mit anderen Worten: Zuwendung, Zärtlichkeit, Zeit – die drei großen Z von Pestalozzi – schaffen die Voraussetzung, dass das Kind später überhaupt lernen kann, dass es teamfähig ist, also soziale Kompetenz hat, dass es sich konzentrieren und mit Ausdauer beschäftigen, also arbeiten kann, dass es innovativ ist, dass es seine Gefühle einordnen und so mit Vernunft solidarisch sein kann – emotionale Intelligenz nennen das die Fachleute. Gelungene Bindung führt zu vollem Menschsein. Und deshalb definiert der Jahrtausendpapst und Anthropologe Johannes Paul II. Erziehung auch als „Beschenkung mit Menschlichkeit“ und ist für ihn die Familie der „wichtigste Weg der Kirche“ in die Zukunft.

Die Printausgabe der Tagespost vervollständigt aktuelle Nachrichten auf die-tagespost.de mit Hintergründen und Analysen. Kostenlos erhalten Sie die aktuelle Ausgabe

Weitere Artikel
Tagesposting: Mehr Feminismus bitte!
Tagesposting

Empathie vermag sehr viel Premium Inhalt

Menschen sind in der Regel von Natur aus dazu in der Lage, sich in Mitmenschen hinzuversetzen, deren Empfindungen und Gedanken zu verstehen und darauf zu reagieren.
14.08.2021, 11  Uhr
Anna Diouf
Themen & Autoren
Alexander Mitscherlich Benedikt XVI Bundesverfassungsgericht Emotion und Gefühl Gehirn Gesellschaft und Bevölkerungsgruppen Johannes Paul Johannes Paul II. Liebe Papst Franziskus Soziale Ordnung Soziologinnen und Soziologen Statistisches Bundesamt Thomas von Aquin Verfassungsrichter

Kirche