„Die Kirche ist strategieunfähig“

Bischof Norbert Klemens Strotmann Hoppe (Bistum Chosica/Peru) warnt bei der Weltbischofssynode vor Konzeptlosigkeit

Was ist der Unterschied zwischen der Kirche im Teutoburger Wald und in den Anden?

Der Teutoburger Wald kommt auf 150 Meter Höhe, und meine Diözese am östlichen Stadtrand von Lima reicht bis 5 000 Meter. Abgesehen davon ist das Schöne an meinem Amt, dass es Menschen verbindet, wenn man selbst nicht ziemlich schief gewickelt ist. Entscheidend ist das Maß der Zuneigung, die man seinen Leuten entgegenbringt – und das gilt unabhängig von Kulturen. Unser Glaube verbindet ungeheuer.

Gibt es bei dieser Synode wirklich einen gemeinsamen Nenner der Weltkirche?

Das frage ich mich auch. Die Bischofssynode ist ja schon ein Mammutprojekt. Die Themeneingaben könnten vielfältiger nicht sein, und die Schwierigkeit ist, eine bestimmte inhaltliche Konzentration zu erreichen. Ich habe jedenfalls vorgeschlagen, nicht nur den Binnenraum des Themas Heilige Schrift zu bedenken, sondern auch eine Außenperspektive mit hineinzunehmen.

Was meinen Sie damit?

Die Kirche ist strategieunfähig. Das ist meine Sorge. Sie hat weder Sensoren noch Entscheidungsmechanismen, um auf konkrete Situationen zu antworten. Auch bei der lateinamerikanischen Bischofsversammlung in Aparecida 2007 hatte mir die Vorarbeit in diesem Punkt nicht gefallen. Und hier fehlen ebenfalls Statistiken über die Lage der Kirche. Dabei ist die katholische Kirche in den vergangenen 40 Jahren im Verhältnis zum weltweiten Bevölkerungswachstum um vierzehn Prozent geschrumpft. Für diese Zahlen stehen Lateinamerika und Europa gerade. Noch sind in Brasilien 75 Prozent katholisch, im übrigen Lateinamerika sind es 85 Prozent. Aber wenn die Entwicklung geradlinig weiterginge – was nicht der Fall sein wird –, würden Lateinamerikas Katholiken im Jahr 2040 mit den Evangelikalen gleichauf liegen. Da muss ich doch irgendwann nachdenken, wie ich das abfange.

Was hat die Kirche falsch gemacht?

Sie hat einfach das gemacht, was sie immer gemacht hat – und damit in einer sich globalisierenden Welt ihr Monopol verloren. Was vielen in Europa nicht bewusst ist: Die lateinamerikanische Kirche ist zwar vital, aber bezogen auf Priester und Ordensfrauen hat sie die schlechtesten Zahlen weltweit. Wenn sonst im Durchschnitt auf einen Priester 2 000 Gläubige kommen, sind es in Lateinamerika mehr als 8 000. Das ging gut, solange die ganze Kultur katholisch war. Inzwischen wird aber auch für uns zum Alltag, was in Europa gang und gäbe ist: dass die Kirche in der Defensive steckt.

Das klingt nach Resignation.

Nein – wir sind als Lateinamerikaner alles, nur keine Fatalisten. Die katholische Kirche hat eine Anpassungsfähigkeit, die ihresgleichen sucht. Das liegt nicht zuletzt an der zwar strikten, aber flachen Hierarchie. Deren Dimensionen gälte es neu zu ordnen. In dieser Großwetterlage bräuchten wir neue Formen der Koordination. Aber diese Synode macht mir nicht den Eindruck, dass sie strategiefähig ist.

Sie sitzen in der spanischen Sprachgruppe. Haben Sie Impulse für die deutsche?

Man sollte nach langer Zeit im Ausland vorsichtig damit sein, Problemlösungen für Zuhause anzubieten. Nach 30 Jahren als Pendler zwischen den Kulturen wird man sensibler für die hausgemachten Neurosen der Heimat, während man in dem Land, in dem man arbeitet, Vieles schon nicht mehr sieht. Die Situation der Kirche in Deutschland ist sehr komplex. Gegenüber den deutschen Kollegen habe ich keinen Neid.

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