„Die Kirche ist nicht angegriffen worden“

Albin Nees, als Präsident des deutschen Familienverbandes Teilnehmer am Runden Tisch zum Thema Missbrauch, über die erste Sitzung

Sie haben am Freitag als Familienvertreter an der Auftakt-Sitzung des Runden Tisches zum Thema Missbrauch teilgenommen. Nach allen Zahlen, die uns vorliegen, kommen die allermeisten Missbrauchsfälle in Familien vor. Ist das angesprochen worden?

Ja. Es wird eine sehr wichtige Aufgabe sein, die Prävention im Bereich der Familien voranzutreiben. Aber ich habe in meinem Beitrag darauf hingewiesen, dass man nicht die Hoffnung haben könne, Missbrauch wie bei einer Epidemie nach der Entwicklung eines Impfstoffes in den Griff zu bekommen. Das ist bei diesem Thema gar nicht möglich. Prävention und Intervention sind Daueraufgaben.

Wie ist zu tun?

Familienministerin Schröder hat gesagt, dass das Jugendschutzgesetz dringend geändert werden müsse. Ich stimme ihr zu. Meiner Meinung nach muss auch das Kinder- und Jugendhilfe-Gesetz geändert werden. Vor allem müssten die Jugendämter hinsichtlich ihrer Interventionsmöglichkeiten gestärkt werden, sofern ein Anlass besteht. Außerdem müssen die Kinder- und Jugendärzte sowie die Hausärzte besonders aufmerksam sein und Verdachtsmomenten nachgehen, die sie haben, und sie nicht einfach unbeachtet lassen. Nur so können wir effektiv intervenieren.

Momentan hat man ja den Eindruck, dass Missbrauch vor allem in der katholischen Kirche vorkommt. Herrschte am Runden Tisch dieselbe Stimmung?

Nein, überhaupt nicht. Keiner der Redner hat die Kirche an den Pranger gestellt. Bischof Ackermann als Missbrauchsbeauftragter der Bischofskonferenz hat vorgetragen, was seit der ersten Veröffentlichung von Fällen durch Pater Mertes im Berliner Canisius-Kolleg an Aufarbeitung geschehen ist und welche Konsequenzen die katholische Kirche ziehen will.

Haben die anderen Teilnehmer die Missbrauchsfälle in der Kirche angesprochen?

Nicht direkt. Missbrauch wurde als breites gesellschaftliches Phänomen diskutiert, das es überall gibt. Es wurde beklagt, dass es eine sehr hohe Dunkelziffer gibt, und gefordert, dass es eine Dunkelfeld-Forschung geben müsse. Es wurde auch über den medizinische Befund gesprochen. So hat Professor Baier von der Berliner Charité dargelegt, dass das eine Prozent der Männer, das pädophil veranlagt sei, nicht nur, wie manche meinen, drei Prozent der Taten begehe. Vielmehr gingen etwa vierzig Prozent der Delikte auf ihr Konto, weshalb hier dringender Handlungsbedarf bestehe.

Was kann der Runde Tisch eigentlich erreichen?

Der Runde Tisch ist kein Beschlussgremium. Wir sind ein beratendes Gremium. Wir können Aufmerksamkeit auf das Thema lenken und Sachverstand bündeln und so die Politik beraten. Man darf jetzt aber nicht den Eindruck erwecken, mit einer kurzfristigen Aktion wie einem Runden Tisch sei das Thema hinreichend bearbeitet worden. Da muss wirklich auch über die Legislaturperiode hinaus geplant werden und es müssen Institutionen da sein, wo Betroffene sich wirklich immer hinwenden können. Aber alles in allem ist der Runde Tisch eine gute Sache, weil mit ihm ein Anfang gemacht ist, dass Kindesmissbrauch in unserer Gesellschaft als schweres Unrecht erkannt und den Opfern gegenüber auch als solches anerkannt wird.

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