Kommentar um "5 vor 12"

Die Kirche ist Anwältin der Wahrheit

Sri Lankas Bischöfe stellen der Regierung ein Ultimatum: Das Volk muss alle Hintergründe des Terrors kennen.
Nach den Anschlägen in Sri Lanka
Foto: Achala Upendra (AP) | Polizisten zeigen Sprenggelatine sowie andere Materialien zum Bombenbau, die sie nach einer Anti-Terror-Razzia im Osten Sri Lankas gefunden haben.

Die freie Kirche im freien Staat ist sicher ein Ideal. Was aber, wenn der Staat einfach nicht funktioniert, wenn er – wegen Korruption, aus Machtgier oder ideologischen Motiven – dem Volk nicht dient? Dann ist die Kirche umso mehr gefordert, unerschrockene Anwältin der Wahrheit, der Menschlichkeit und der Gerechtigkeit zu sein.

Zu beobachten ist das derzeit im Libanon, wo sich die christlichen Kirchenführer gegen den drohenden Zusammenbruch des Staates stemmen. Und in Sri Lanka, wo die katholischen Bischöfe der Regierung jetzt ein Ultimatum gestellt haben, dem Volk endlich die ganze Wahrheit über die Terroranschläge vom Ostersonntag 2019 zu sagen.

Kirchen und Hotels attackiert

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Damals rissen islamistische Terroranschläge auf der mehrheitlich buddhistischen Insel im Indischen Ozean 280 Menschen in den Tod und verwundeten mindestens 600 weitere schwer. Zeitgleich wurden drei Kirchen und drei Hotels auf der Trauminsel attackiert. Es war der katholische Erzbischof von Colombo, Kardinal Malcolm Ranjith, der mit seiner Autorität damals Racheakte der zornigen, traumatisierten Angehörigen verhinderte. Das brachte der kleinen katholischen Minderheit viel Hochachtung und Respekt bei der buddhistischen Mehrheit ein.

Volle Aufklärung

Bei aller Demut im Leiden und allem Verzicht auf Vergeltung verzichtet die katholische Kirche jedoch nicht auf Wahrheit und Gerechtigkeit: Weil sich rasch zeigte, dass die Regierung Sri Lankas vom indischen Geheimdienst vor den Anschlägen konkret gewarnt worden war, aber untätig blieb, forderte Kardinal Ranjith von Anfang an volle Aufklärung. Jetzt stellen die katholischen Bischöfe des Landes der Politik sogar ein mutiges Ultimatum: Wenn die Regierung bis Mitte August nicht alle Hintergründe der Terroranschläge offenlegt, will sich die Kirche an den Internationalen Gerichtshof wenden. Begründung: „Das Volk hat ein Recht, die Verschwörung hinter den Anschlägen vom Ostersonntag zu kennen.“ Darum geht es der katholischen Kirche: Die Menschen haben ein Recht auf die Wahrheit!

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