Die Kinder sind extrem unterernährt

Hungersnot in Afrika: Barbara Schirmel fordert von Europa ein Umdenken in der Handelspolitik. Von Anja Kordik
Foto: Misereor | ist Afrika-Länderreferentin beim Hilfswerk Misereor.
Foto: Misereor | ist Afrika-Länderreferentin beim Hilfswerk Misereor.
Frau Schirmel, Sie sind zurzeit in Äthiopien unterwegs, südöstlich der Hauptstadt Addis Abeba. Können Sie Ihre Eindrücke vor Ort schildern?

Die Gegend hier ist im Moment relativ grün: Vor kurzem hat die Regenzeit begonnen. Trotzdem leiden die Menschen an Hunger: Weil die erste Regenzeit im Februar und März ausgeblieben ist, konnte erst vor wenigen Wochen mit der Aussaat von Mais, dem absoluten Grundnahrungsmittel, begonnen werden. Und so müssen die Menschen eine lange Zeit ohne jegliche Erträge durchstehen, und vor allem die Kinder in den Dörfern hier sind extrem unterernährt. Die einheimischen Schwestern, die mit uns zusammenarbeiten, haben deshalb in Absprache mit den Dorfältesten sofort mit Ernährungsprogrammen begonnen. Ihr Ziel ist, die akute Notperiode zu überbrücken, aber auch längerfristig neue Strukturen zur Ernährungssicherung aufzubauen und zum Beispiel den Gemüseanbau zu fördern.

Somalia steht im Mittelpunkt der Katastrophe. Wie sieht es mit der Hilfe dort aus?

Dort ist es ganz schwierig, weil es nicht wie in anderen Regionen Projektpartner gibt, die unmittelbar die Verteilung von Lebensmitteln übernehmen können. Mit Blick auf die Flüchtlinge, die über die Grenze vor allem nach Kenia kommen, unterstützt Misereor vor allem die Diözesen vor Ort und einheimische kirchliche Partner, weil da bis in die kleinsten Gemeinden Verbindungen bestehen. Es gibt bereits eine Reihe von Projekten, die jetzt zusätzliche Mittel von uns bekommen, um den Flüchtlingen helfen, zugleich aber die Ernährungssituation der eigenen Bevölkerung verbessern zu können. Denn auch Kenia ist in Teilen von der jetzigen Dürre betroffen.

Ist das verstärkte asiatische Engagement in Afrika für diese Länder mehr Fluch oder Segen?

Mit Blick auf die Ernährungssituation würde ich eher sagen: Es ist ein Fluch. In vielen Gebieten Afrikas kaufen asiatische Investoren große Landflächen auf, um Pflanzungen zur Gewinnung erneuerbarer Energien anzulegen, teilweise auch zur Nahrungsmittelproduktion. Denn immer mehr asiatische Staaten, die aus eigenen Mitteln ihre Bevölkerung nicht mehr ausreichend versorgen können, versuchen auf dem afrikanischen Kontinent Nahrungsmittel anzubauen und in die eigenen Länder zu importieren. Das sind nicht nur Chinesen, es sind auch Inder und Koreaner. Und das geht natürlich zu Lasten vor allem afrikanischer Kleinbauern, die meist nicht über Landtitel verfügen. Und was an Geldern etwa in Straßenbauprogramme aus Asien in die afrikanischen Länder fließt, auch davon profitiert wiederum nur ein kleiner Teil der afrikanischen Bevölkerung. Also, das ist sehr zwiespältig.

Wie können in Afrika Strukturen aufgebaut werden, die helfen, eine Wiederholung dieser Katastrophe zu vermeiden?

Dürreperioden werden sich nie vollkommen verhindern lassen. Worauf hingearbeitet werden muss – in Zusammenarbeit mit den afrikanischen Regierungen – sind gute Präventionsprogramme. Im Vordergrund muss die Frage stehen: Welche Maßnahmen sind geeignet, damit die Menschen auch im Falle einer längeren Dürre noch in der Lage sind, sich selbst zu versorgen und nicht immer wieder von ausländischer Hilfe abhängig zu werden? Fest steht auch, dass die europäischen Länder ihre Märkte weitgehend verschließen, sodass kein gerechter Handelsaustausch mit den afrikanischen Ländern stattfinden kann. Hier muss ein Umdenken in der europäischen Handelspolitik stattfinden. Das alles ist sehr komplex – auch durch die immer enger werdenden Verflechtungen zwischen Wirtschaft und Politik.

Themen & Autoren

Kirche