Die Jugend, die den Papst erwartet

Aufgewühlt und engagiert wie nie zuvor ist die Jugend in Lateinamerika: Ein Teil erlebt einen wirtschaftlichen Aufschwung, andere bleiben arm. Der christliche Glaube ist zwar stark, doch sinkt der Anteil der Katholiken. Von Marcela Vélez-Plickert
Foto: C. Mann | Tänze, Gesang, Bühnenprogramm: Freudig heißen die Brasilianer die Pilger aus aller Welt willkommen.
Foto: C. Mann | Tänze, Gesang, Bühnenprogramm: Freudig heißen die Brasilianer die Pilger aus aller Welt willkommen.

Der Papst besucht in dieser Woche zum Weltjugendtag in Rio einen gespaltenen Kontinent: Lateinamerika. In einigen Ländern hat es einen beachtlichen Wirtschaftsaufschwung gegeben, doch ist die Frustration über mangelnde Chancen, Armut, Korruption und Gewalt nach wie vor groß. In der Region leben nach Schätzungen 58 Millionen Jugendliche unter der Armutsgrenze. Einige süd- und zentralamerikanische Städte zählen zu den gefährlichsten Metropolen der Welt. Jugendliche sind das Kanonenfutter in den Drogenkriegen und für den Menschenhandel.

Anders als in Venezuela oder Argentinien, die wirtschaftlich auf dem absteigenden Ast sind, haben Chile, Kolumbien und Brasilien hohe Wachstumsraten und bieten mehr Möglichkeiten für junge Menschen. Im lateinamerikanischen Durchschnitt liegt die Jugendarbeitslosigkeit nach offiziellen Zahlen bei 14 Prozent – das erscheint günstig im Vergleich zu Europa. Die Zahl der Universitätsstudenten in Lateinamerika ist innerhalb eines Jahrzehnts um 60 Prozent gestiegen, in Chile und Brasilien hat sie sich sogar verdoppelt.

Die heutige Jugend Lateinamerikas ist die erste, die nicht die Schrecken der Militärdiktaturen der siebziger Jahre erlebt hat und nicht unter den Wirtschaftskrisen der achtziger und neunziger Jahre gelitten hat. Bis vor kurzem galt Brasilien noch als einer der Stars der Schwellenländer. Haupttreiber des Aufschwungs waren die steigenden Weltmarktpreise für seine Rohstoffexporte. Die Arbeitslosenquote fiel innerhalb eines Jahrzehnts um mehr als die Hälfte auf 5,5 Prozent, die realen Einkommen stiegen um mehr als 60 Prozent auf durchschnittlich 12 300 Dollar je Einwohner. Allerdings bleibt die Ungleichheit der Einkommen und Vermögen sehr hoch, sie bildet eine Barriere für eine breitere Entwicklung. Viele haben weiterhin kaum Bildungschancen. Hinzu kommt ein hohes Maß an Korruption in Politik, Verwaltung und Wirtschaft, das die Entwicklung des Landes hemmt.

So hat sich bei der Jugend Brasiliens innerlich viel Frust aufgestaut. Im Juni gab es in Sao Paolo, in Rio und anderen Städten wochenlange Massendemonstrationen. Auslöser war eine Preiserhöhung für Busfahrten. Daran entlud sich der ganze aufgestaute Ärger über die schlechten öffentlichen Verkehrsmittel, die veraltete Infrastruktur, die Verschwendung von Steuer-Milliarden für den Bau von Fußballstadien und über die Korruption der politischen Klasse. Die Beliebtheit der linksgerichteten Staatspräsidentin Dilma Rousseff ist in kurzer Zeit stark gefallen. Auch nachdem die Buspreiserhöhung rückgängig gemacht worden war, gingen die Demonstrationen weiter. „Schulen und Krankenhäuser statt Stadien“, lautete ein verbreiteter Ruf. In Chile gibt es schon seit Jahren Proteste von Studenten, die gegen hohe Studiengebühren kämpfen. Diesen Sommer griff nun die Protestwelle auf Argentinien über, wo ebenfalls Hunderttausende junge Leute in Buenos Aires auf die Straße gingen.

Die katholische Kirche Brasiliens hat Verständnis für die Proteste gezeigt. Es sei gut, wenn die Jugendlichen auf die Straße gingen und friedlich demonstrierten, sagte Kardinal Odilo Scherer, der Erzbischof von Sao Paolo. Er sprach von einem Zeichen des politischen Erwachens – angesichts der „strukturellen Probleme“ des Landes wie der Gewaltkriminalität, der Untätigkeit der Justiz und der verfallenden Infrastruktur vieler Städte. Die zuvor als unpolitisch geltende Jugend ist erstmals seit langem bereit, für ihre Forderungen zu kämpfen. „Die jungen Leute sind heute kritischer und politischer“, betont auch der Soziologe Gabriel Milanez, Autor des Buchs „Der brasilianische Traum“ über Jugendtrends. „Transparenz ist ein hoher Wert für sie“, fügt er hinzu.

Es waren überwiegend nicht die ganz Armen, sondern Jugendliche aus der Mittelschicht, die auf die Straße gingen. Linksgerichtete Gewerkschaften konnten davon nur wenig profitieren. In einer Umfrage des Instituts Datafolha sagten acht von zehn Demonstranten, sie hingen keiner speziellen Partei oder Ideologie an. Im Vorfeld des Weltjugendtages gab es neue Proteste, zum Teil auch gewalttätige Krawalle. Einige kritisierten, dass Steuermittel für den Papstbesuch ausgegeben würden. Andere erhoffen sich Unterstützung für ihre Anliegen durch den Papst. Proteste „für Gerechtigkeit und gegen Korruption und Missbrauch sind Gebote des Evangeliums“, sagte Tanat Resende, ein 22-jähriger Jura-Student, der an den Demonstrationen beteiligt war, vergangene Woche der Agence France Press. „Papst Franziskus ist ein sehr einfacher Mann und sich des sozialen Kontextes sehr bewusst“, betonte auch Benjamin Paz Vermal, ein Sprecher der Weltjugendtagsorganisation. „Ich wäre nicht überrascht, wenn er die Straßenproteste anspricht.“

Brasilien ist ein sehr katholisches Land, doch bröckelt der Anteil der Katholiken. Unter den Jugendlichen zwischen 10 und 19 Jahren sind laut dem jüngsten Zensus noch 67 Prozent Mitglied der katholischen Kirche. Ein Jahrzehnt zuvor lag der Anteil noch bei 74 Prozent. Pfingstlerische und evangelikale Kirchen haben viel Zulauf, vor allem in der Unterschicht. In der Mittelschicht ist ein Teil der Jugendlichen noch stark religiös, manche sind aber nur aus Familientradition in der Kirche, andere werden religions-indifferent. Unter der Jugend nehmen auch gesellschaftspolitische Positionen zu, die explizit denen der katholischen Kirche – aber auch vieler Evangelikalen – widersprechen, etwa die Unterstützung der Homo-„Ehe“. In Argentinien unterstützen dies angeblich 70 Prozent der Jugend. Da überrascht es nicht sonderlich, dass Homo-Aktivisten und Feministinnen zum Weltjugendtag Proteste angekündigt haben.

In der großen Masse jedoch freut sich die Jugend auf den Papst. Während die Mittelklassejugend in den vergangenen Wochen laut und sichtbar auf den Straßen war, bleibt die Unterschicht eher im Schatten. Nach wie vor zählen in Brasilien etwa 40 Prozent zur Unterschicht. Millionen leben in Favelas, den Slums der Großstädte, wo Gewalt und Drogen den Alltag beherrschen. Auch sie haben Hoffnung in den Papstbesuch. „Wir träumen davon, dass einige der Straßenkinder aus unserer Casa do menor, die genau dieser Teil der Jugend sind, die nicht geliebt wird und ausgeschlossen ist, dass sie den Papst einmal umarmen können“, sagte kürzlich Pater Renato Chiera, der mit Straßenkindern in Rio arbeitet, gegenüber Radio Vatican. Papst Benedikt besuchte 2007 auf seiner Brasilienreise drogenabhängige Jugendliche im Rehabilitationszentrum „Fazenda da Experança“ (Farm der Hoffnung).

In das Kinderhaus von Pater Chiera wird Franziskus nicht kommen. Aber er wird am Mittwoch das Armenviertel Varginha im Norden Rios besuchen. „Er kann sich mit dieser Gemeinde identifizieren“, sagte Marcio Queiroz, der Gemeindepriester, vor dem Besuch. Als Erzbischof von Buenos Aires hat Franziskus seine eigenen Priester in die Slums geschickt, um dort drogensüchtigen und verwahrlosten Jugendlichen zu helfen. Am Freitag, einen Tag nach der Ansprache an die Weltjugendtagsbesucher am Copacabana Strand, wird Franziskus auch einige junge Strafgefangene treffen, die aus den Slums stammen. Ihm ist es wichtig, auch jene am Rand der Gesellschaft aufzurichten. Zugleich macht dies deutlich, wie gespalten der Kontinent ist.

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