„Die Islamisierung geht weiter“

Daniyel Demir, Vorsitzender des Bundesverbands der Aramäer, sieht Erdogan im Prozess des Machterhalts durch Fanatisierung. Von Stephan Baier
Erdogan in Sarajevo
Foto: dpa (Pool Presdential Press Service/A) | Erdogan

Die AKP-Regierung schien anfangs den Minderheiten entgegenkommen zu wollen. War das nur Taktik oder von Überzeugung getragen?

Wir Aramäer haben eine durch Jahrhunderte der Erfahrung unter osmanischer Herrschaft entwickelte und geschärfte Skepsis gegenüber türkischen Ankündigungen und Versprechungen. Aber es gab einen gewissen Optimismus, eine Hoffnung, dass sich das System der zementierten Benachteiligungen endlich lösen könnte. In dieser Phase sind viele Familien und Personen in ihre Heimat zurückgekehrt und haben angefangen, ihre Dörfer wieder aufzubauen. Heute muss man feststellen, dass die Skeptiker, die das alles für Taktik hielten, Recht behalten haben. Was haben wir erreicht? Gar nichts! Nach einigen Jahren hat die türkische Regierung die größte Enteignungswelle an aramäischem Eigentum seit der Gründung der türkischen Republik losgetreten. Diese hält bis heute an. Schon immer waren die aramäischen Besitztümer ein Faustpfand in der Hand türkisch-osmanischer Herrscher, um die Aramäer gefügig zu machen und daran zu erinnern, wer das Sagen im Land hat.

Manche hofften, die AKP werde die kemalistische Fixierung auf das Türkentum überwinden, um an die osmanische Tradition anzuknüpfen. Sehen Sie in dieser Toleranzpotenziale gegenüber ethnischen und religiösen Minderheiten?

Wir haben das in Deutschland weit verbreitete positive Bild vom Umgang des Osmanischen Reichs mit den christlichen Minderheiten nie geteilt. Die Aramäer blicken auf andere Erfahrungen zurück. Schon immer waren die indigenen christlichen Minderheiten dem islamischen Recht im Umgang mit „Ungläubigen“ unterworfen. Sie waren Menschen dritter Klasse. Nehmen Sie die islamische Kopfsteuer, besondere Steuerpflichten, Bekleidungsvorschriften, Bauverbote und Restriktionen, das Verbot des Tragens von Waffen und des Reitens von Pferden. Menschen zweiter Klasse waren die nichttürkischen Muslime und die europäisch-stämmigen Ausländer. Aus diesem Grund haben nicht wenige Aramäer die kemalistische Republik zunächst begrüßt, bis die ihr inhärenten faschistoiden Ausprägungen zur Entfaltung kamen. Aber die Aramäer lehnen bis heute nicht die Republik Türkei ab, sondern eine auf Türkentum und Islam reduzierte Türkei.

Warum scheiterten alle Versöhnungsversuche? Die Zypern-Einigung misslang, die Atmosphäre gegenüber Armenien und Griechenland ist neuerlich schlecht, zwischen AKP und den Kurden kam es zum Bruch. War das immer schon Erdogans Kalkül?

Erdogan befindet sich im Prozess des Machterhalts, dessen Dynamik er nur durch ständige Eskalation mit Hilfe von Fanatisierung, Nationalismus, Abgrenzung und Ausgrenzung kontrollieren kann. Ich fürchte, er hat einen „Point of No Return“ überschritten, von dem an kein Preis für den Machterhalt zu hoch wäre. Er kann nicht mehr zu normalen rechtsstaatlichen Prinzipien und Prozessen zurückkehren. Es geht mittlerweile auch um seine persönliche Situation, um seine Familie und Freunde. Was die Kurdenfrage angeht, muss man feststellen, dass er taktisch sehr geschickt vorgegangen ist: Zunächst hat er die Kurden gebraucht und genutzt, um die etablierten Machtstrukturen des Militärs und Sicherheitsapparats unter seine Kontrolle zu bringen. Das wurde mit liberal anmutenden Reformen flankiert, um gleichzeitig europäischen Sehnsüchten nach einer demokratischen Türkei zu schmeicheln. Das sollte mit dem neuen Präsidialsystem zum Abschluss gebracht werden, doch machte das unerwartet starke Abschneiden der HDP diesen Plänen einen Strich durch die Rechnung. Als die HDP deutlich machte, dass sie dem Systemwechsel nicht zustimmen wird, hatte sie keinen Wert mehr für Erdogan. Zum anderen benötigte er die Eskalation, um die Bevölkerung hinter sich zu sammeln. Zu diesem Zeitpunkt kontrollierte er bereits alle Kräfte in Öffentlichkeit, Verwaltung und Sicherheitsapparat, um brutalste Maßnahmen umsetzen zu können. Erdogan kann heute in der Türkei nach Belieben schalten und walten. Es gibt nichts und niemanden mehr, der ihn einschränken könnte.

Was haben die ethnischen und religiösen Minderheiten künftig zu erwarten?

Nichts Gutes. Erdogan wird den Prozess der massiven Re-Islamisierung weitergehen. Er wird die Eskalationsspirale weiterdrehen und die Türkei stärker in eine mono-religiöse und mono-ethnische Gesellschaft führen. Seine Alternative dazu wäre, freiwillig ins Gefängnis zu gehen. Das klingt sicher für europäische Ohren drastisch, und ich hätte nichts dagegen, mit dieser Prognose falsch zu liegen.

Gibt es für die Christen in der Türkei eine Alternative bei der Wahl am 24. Juni?

Wir möchten keine Wahlempfehlungen aussprechen und halten uns ausdrücklich aus dem Wahlkampf heraus. Die Türkei ist eine türkisch-sunnitische Republik und war von Anfang an so angelegt. Ethnische Nichttürken spielen keine Rolle. Das wird die Wahl nicht ändern. Sehen Sie sich die Parteienlandschaft an: Die AKP wird unterstützt von der ultra-nationalistischen MHP. Ihre Tradition geht auf eine faschistoide Schwesterpartei der NSdAP zurück. Sie ist die Heimat der Grauen Wölfe. Dann gibt es noch Reste der ehemaligen Partei Atatürks, die CHP. In Deutschland möchte man in ihr eine Art türkische SPD sehen. Aber man muss sagen, dass sie bis heute noch jede Repression gegenüber Kurden und anderen Minderheiten, kurdischen Abgeordneten, regierungskritischen Medien – sofern sie nicht ihrem Lager angehörten – in vorauseilendem Gehorsam mitgetragen hat. Vielleicht ist erwähnenswert, dass die HDP zwei aramäische Kandidaten aufgestellt hat, die im Südosten kandidieren. Wir respektieren alle Menschen in der Türkei und betrachten den türkisch-kurdischen Konflikt als türkisch-kurdische Angelegenheit. Zu keinem Zeitpunkt haben Aramäer in dieser Auseinandersetzung Partei ergriffen. Wir sehen unsere eigene Rolle. Aber natürlich fordern wir Grundrechte und einen fairen Umgang mit allen Menschen und Gruppen.

Sehen Sie Erdogan eher als Erben des nationalistischen Autokraten Atatürk oder der Sultane mit ihrem Sendungs- und Machtbewusstsein?

Es handelt sich um eine dritte Kategorie: ein Hybrid aus einem nationalistischen Atatürk und den religiös-fundamentalistischen Kalifen. Fälschlicherweise wird er immer in Bezug zum Sultan gesetzt, aber seine religiös ausgeprägte Ambition zielt auf Kalifats-orientierte Phantasien ab. Die westliche, ideengeschichtlich orientierte Betrachtung unterscheidet immer zwischen Nationalismus und religiösem Fundamentalismus. Aber die Türkei spielt in dieser Hinsicht eine Sonderrolle: Da geht es um die Synthese von Nation und Konfession. Der Autoritarismus, den wir von türkischen Radikalen zu erwarten haben, trennt nicht zwischen Türkentum und sunnitischem Islam. Er vereint beides. Insofern ist er zwar nicht einzigartig, aber durchaus speziell – und verdient unsere besondere Ablehnung.

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