Mainz/Arlington

Die Impfstoffkandidaten auf dem Prüfstand

Laut der WHO werden derzeit 48 Impfstoffkandidaten getestet. Was man über sie wissen muss - und was man getrost ignorieren darf.
Biontech und Pfizer beantragen EU-Zulassung für Impfstoff
Foto: Karl-Josef Hildenbrand (dpa) | 48 Corona-Impfstoffkandidaten werden laut WHO aktuell getestet. 146 weitere befinden sich in der vorklinischen Phase.

Nach Aristoteles unterscheiden sich der Geschichtsschreiber und der Dichter dadurch, dass der „eine das wirkliche Geschehene mitteilt, der andere, was geschehen könnte“. Akzeptiert man diese Unterscheidung, dann sind viele der Berichte, die über die Entwicklung von Corona-Impfstoffen existieren, der Dichtung zuzuschlagen. Das gilt für solche, die nichts außer Zuversicht verbreiten und bereits das Ende der Pandemie einläuten, wie für jene, die Science-Fiction-Szenarien von Erbgutverändernden Impfstoffen und „gechipten“ Patienten in Umlauf bringen.

Laut der Weltgesundheitsorganisation WHO werden derzeit 48 Impfstoffkandidaten getestet. 146 weitere befinden sich in der vorklinischen Phase. Mindestens acht von ihnen wurden unter Verwendung von Zelllinien abgetriebener Kinder hergestellt. Bei weiteren acht Impfstoffkandidaten kamen solche Zelllinien zwar nicht bei der Herstellung zum Einsatz, wohl aber wurden diese Impfstoffkandidaten anschließend auch an Zelllinien abgetriebener Kinder getestet. Letzteres gilt auch für die derzeit am weitesten fortgeschrittenen Impfstoffkandidaten: Die beiden sogenannten mRNA-Impfstoffkandidaten: mRNA-1273 des US-amerikanischen Biotechnologieunternehmens Moderna und BNT162b2, der Frucht der Kooperation des Mainzer Unternehmen Biontech mit dem US-amerikanischen Pharmakonzern Pfizer ist.

Aufschluss darüber gibt allerdings nicht die WHO, sondern eine Übersicht des Charlotte Lozier-Instituts mit Sitz in Arlington im US-Bundestaat Washington. Das 2011 gegründete und nach der amerikanischen Ärztin und Feministin Dr. Charlotte Denman Lozier (1844–1870) benannte Institut hat es sich zur Aufgabe gemacht, ein tieferes Verständnis für den Wert menschlichen Lebens zu fördern und Strategien und Praktiken zu ermitteln, die menschliches Leben schützen, der Gesundheit – insbesondere der von Frauen – dienen und das Wohl von Familien fördern. Mit seinem Netzwerk von derzeit mehr als 50 assoziierten Wissenschaftlern verschiedener Disziplinen hat sich das Institut binnen weniger Jahre zu einer Anlaufstelle für genaue Informationen zu einer ganzen Reihe ethisch sensibler Fragestellungen in Medizin und Forschung etabliert.

Zu kurze Erprobungszeiten

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Die Übersicht der Impfstoffkandidaten aktualisiert das Institut laufend, da zahlreiche der dort aufgeführten Präparate – bislang sind es 33 an der Zahl – sich entweder noch im vorklinischen Stadium befinden, oder aber noch keine klinische Phase-3-Studie gestartet haben. Doch auch aussichtsreiche Impfstoffkandidaten wie der mRNA-Impfstoff des Tübinger Unternehmens Curevac, der weder unter Verwendung der Zelllinien abgetriebener Kinder entwickelt wurde – das macht bei mRNA-Impfstoffen schon rein technisch gesehen keinen Sinn, und bisher auch nicht an solchen getestet wurde, sind deshalb schon ethisch unbedenklich. Der Hauptgrund, der zugleich für alle Impfstoffkandidaten gleichermaßen gilt, lautet: Die Erprobungszeiten von wenigen Monaten, anstatt wie bisher üblich, mehreren Jahren, erlauben es einfach nicht, schwerwiegende Nebenwirkungen, die entweder nur selten oder aber spät auftreten, zu entdecken. Selbstverständlich müssen solche Nebenwirkungen nicht auftreten. Sollte dies jedoch geschehen, dann wäre der angerichtete Schaden, immens.

Ein Beispiel: Im Zuge der Schweinegrippe kam in Skandinavien ein Impfstoff zum Einsatz, der nicht hinreichend getestet worden war. Viele mit ihm geimpfte Kinder entwickelten anschließend eine Narkolepsie, der eine Störung der Schlaf-Wach-Regulation zugrunde liegt. Betroffene haben meist keinen erholsamen Nachtschlaf mehr und leiden in Folge dessen häufig unter einer exzessiven Schläfrigkeit während des Tages.

Weltweiter Einsatz

Anders als der Impfstoff gegen die Schweinegrippe in Skandinavien sollen die Impfstoffkandidaten gegen das Corona-Virus aber weltweit zum Einsatz kommen. Vergleichbare Nebenwirkungen beträfen also sofort ungleich weit mehr Menschen. Auch wer Impfen im Prinzip für eine gute Sache hält, kann daher durchaus zu dem Ergebnis kommen, dass das Risiko eines Schadens den möglichen Nutzen hier weit überwiegt. Nicht zuletzt deshalb, weil rund 80 Prozent der Infektionen symptomfrei verlaufen und von den Betroffenen nicht einmal bemerkt werden müssen.

Der Vorsitzende der Arzneimittelkommission der Deutschen Ärzteschaft, Wolf-Dieter Ludwig, hält daher nichts von einer Impflicht, die für Deutschland von der Bundesregierung zwar wiederholt ausgeschlossen wurde, in Österreich aber derzeit vehement diskutiert wird. In der ORF-Sendung „Im Zentrum“, zu der Ludwig zugeschaltet war, erklärte der Pharmakologe, angesprochen auf die von Biontech/Pfizer und Moderna bekannt gegebenen Zwischenergebnisse ihrer klinischen Phase-3-Studien: „Wir wissen nicht genau, wie viele ältere Patienten oder Probanden mit Begleiterscheinungen, also Risikogruppen, in diesen Studien untersucht worden sind.“ Auch wisse man bisher nichts darüber, wie lange die mit den Impfstoffen erworbene Immunität anhalte. Aber, so Ludwig weiter: „Wir wissen relativ sicher, dass eine sogenannte sterile Immunität im Moment wahrscheinlich gar nicht erreichbar ist.“ Von einer „sterilen Immunität“ sprechen Mediziner dann, wenn das Immunsystem derjenigen, die sich haben impfen lassen, die Erreger so vollständig eliminiert, dass diese nicht weitergegeben werden können.

Abstandsregeln müssen vielleicht weiter gelten

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Gut möglich also, dass sich die Europäische Union in den Verträgen, die sie mit Moderna und Biontech/Pfizer auf der Basis von Zwischenergebnissen geschlossen hat, jetzt hunderte Million Impfdosen gesichert hat, die zwar Risikogruppen womöglich vor einem schweren Verlauf einer COVID-19-Erkrankung zu schützen vermögen, am Ende aber niemanden davor bewahren werden, auch dann noch Abstandsregeln einzuhalten und eine Mund-Nasen-Bedeckung zu tragen.

Dagegen lassen sich zwei Sorgen den Menschen relativ einfach nehmen: mRNA-Impfstoffe werden zwar gentechnisch hergestellt – ein Grund, warum ihre Entwicklung so rasant verläuft – doch können sich deren Bestandteile schon allein aufgrund der unterschiedlichen chemischen Struktur von DNA und RNA unmöglich in die menschliche DNA einbauen und dort Gensequenzen verändern.

Dass Menschen wie Hunde gechipt werden, ist zwar theoretisch möglich, stellt aber ohne informierte Zustimmung des Betreffenden eine strafbare Körperverletzung dar. Das sich darüber jemand im Einzelfall hinwegsetzt, mag ja noch vorstellbar sein, aber wer ernsthaft annimmt, dass ein solches Verbrechen a) massenhaft durchgeführt, b) keinen Wistleblower gebiert und c) auch von niemandem sonst entdeckt würde, der kann genauso gut annehmen, dass Schweine fliegen können.

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