Istanbul

Erdogan macht die Hagia Sophia zur Moschee

Der türkische Präsident selbst eröffnete das islamische Freitagsgebet – US-Präsident Trump empfing den griechisch-orthodoxen Erzbischof von Amerika im Weißen Haus.

Erdogan mit Ehefrau in Hagia Sophia
Präsident Erdogan gemeinsam mit seiner Ehefrau Emine in der Hagia Sophia im historischen Stadtviertel Sultanahmet. Foto: picture alliance/dpa/Turkish Presidency/AP

Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan persönlich eröffnete – trotz Protesten aus aller Welt – zu Mittag das muslimische Freitagsgebet in der Hagia Sophia. Mit einer mehrstündigen Koran-Rezitation und dem Freitagsgebet wurde die einstige Basilika, die seit 86 Jahren als Museum galt, wieder zur Moschee gemacht. Weil aufgrund der strengen Corona-Vorschriften nur etwa tausend Muslime dazu in die Hagia Sophia eingelassen wurden, beteten Abertausende auf den Vorplätzen der Hagia Sophia.

Quelle der Einheit der muslimischen Gläubigen

Der Präsident des staatlichen Amtes für Religionsangelegenheiten, Ali Erbas, sprach in seiner Predigt von einem gesegneten Tag für die Türkei und den Islam. Die Moscheen seien die Quellen der Einheit der muslimischen Gläubigen. „Was könnte trauriger sein als eine Moschee, deren Geheimnisse still, deren Kanzel leer und deren Garten unbewohnt ist?“, sagte der Chef des Diyanet, der beklagte, es würden Moscheen in verschiedenen Teilen der Welt angegriffen und zerstört. „Hunderte Millionen Muslime werden unterdrückt“, sagte Erbas, der Sultan Mehmet den Eroberer pries.

Künftig sollen in der Hagia Sophia täglich die islamischen Pflichtgebete abgehalten werden sowie Tag und Nacht Koran-Rezitationen stattfinden. Das staatliche Amt für die Religionsangelegenheiten in der Türkei, das Diyanet, übertrug die Zeremonien live auf seinem eigenen Kanal DIYANET.TV. Erbas hatte am Donnerstag drei Imame und fünf Muezzine für die Hagia Sophia ernannt.

Die einst prächtigste und größte Kirche der Christenheit, die über Jahrhunderte die Basilika der Patriarchen von Konstantinopel und die Krönungskirche der byzantinischen Kaiser war, wird nun offiziell als „Groß-Moschee Hagia Sophia“ (Ayasofya-i kebir cami-i serifi) bezeichnet. Sie wurde von der Eroberung Konstantinopels durch Sultan Mehmet II. im Jahr 1453 bis 1934 als Reichsmoschee der Osmanen genutzt.

Christliche Mosaike wurden verhängt

Präsident Erdogan besichtigte bereits am Donnerstag gemeinsam mit seiner Frau Emine, dem Minister für Kultur und Tourismus sowie dem Präsidenten des Diyanet die Hagia Sophia, um die Vorbereitungen auf das Freitagsgebet persönlich zu kontrollieren. Bereits bei diesem Besuch waren die christlichen Mosaike durch Tücher verhängt.

Nach Angaben der türkischen Regierung und auch des Diyanet sollen die christlichen Mosaike künftig während der muslimischen Gebetszeiten verhängt oder abgedunkelt werden, während der Besuchszeiten für Touristen jedoch sichtbar sein.

Trump empfing orthodoxen Erzbischof im Weißen Haus

Die griechisch-orthodoxe Kirche in Griechenland, Zypern und den USA begeht den heutigen Freitag wegen der Umwandlung der Hagia Sophia als Trauertag. Der Repräsentant des Ökumenischen Patriarchen in den USA, Erzbischof Elpidophoros Lambriniadis, wurde am Donnerstag von US-Präsident Donald Trump und Vizepräsident Mike Pence im Weißen Haus in Washington empfangen.

Nach dem Gespräch erklärte der griechisch-orthodoxe Erzbischof von Amerika, er habe Trump und Pence „unsere schwere Bestürzung über die Rückumwandlung der Hagia Sophia zu einer Moschee mitgeteilt, aber auch unsere bleibenden Bedenken hinsichtlich der Sicherheit des Ökumenischen Patriarchats und in Angelegenheiten der Religionsfreiheit“. In Griechenland und auf Zypern läuteten zum Zeichen der Trauer die Glocken vieler orthodoxer Kirchen. Das Oberhaupt der Orthodoxen Zyperns, Erzbischof Chrysostomos, kritisierte die Umwandlung der Hagia Sophia als unannehmbar und verbrecherisch.

DT/sba

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