Die Gefahr der Verluderung

Der Fall „Titanic“ zeigt, wie sehr das Christentum Ulk und Aggressivität ausgesetzt ist: Blasphemie wird dagegen zum Menschenrecht erklärt. Von Stefan Meetschen
Foto: Archivdpa | Leo Fischer, Chefredakteur des Satiremagazins „Titanic“ an seinem Schreibtisch.
Foto: Archivdpa | Leo Fischer, Chefredakteur des Satiremagazins „Titanic“ an seinem Schreibtisch.

Blaise Pascal staunte, dass jemand nachts schlafen könne, wenn er sich bewusst mache, dass Christus für ihn am Kreuz gestorben sei. Für Sören Kierkegaard war Christus so nah, dass die Zeit seit dessen irdischem Tod und der Auferstehung nahezu ungültig auf ihn wirkte. Große Männer, große Gedanken, großer Respekt vor der christlichen Religion.

Keine Selbstverständlichkeit. Jedenfalls nicht, wenn man sich dem öffentlichen Ulk und der Aggressivität ausgesetzt sieht, mit dem die „Humorhelden“ (Franz Josef Wagner) und Redeaffen unseres Informationszeitalters ihren Überdruss und ihr Nichtwissen in Sachen Kirche auszudrücken versuchen. Kaum eine Woche, kaum ein Monat vergeht, in der nicht irgendwo in einem Kinofilm oder auf einer Konzertbühne, in einer Zeitung oder in einem Magazin, in einem Song oder in einer Fernsehshow christliche Symbole oder Repräsentanten der Kirche durch den Kakao gezogen werden. Oft mit dem abgestandenen Habitus des Skandalösen, als würde es Anfang des 21. Jahrhunderts Mut verlangen, die Kirche zu kritisieren. So gut wie immer angeführt von kommerzieller Absicht und dem Ehrgeiz, fehlendes künstlerisches oder journalistisches Potenzial zu verdecken im Windschatten einer Pseudo-Provokation.

Jetzt hat es also nach gekreuzigten Fröschen im Museum, Madonnas dunklen S/M-Messen und diversen Jesus-Happenings auf Theaterbühnen wieder einmal, wenn auch in extrem geschmackloser Weise, den Papst getroffen: Das Satire-Magazin „Titanic“ befasst sich mit entwürdigenden Mitteln mit der „Vatileaks“-Affäre und droht – unbeeindruckt von einer einstweiligen Verfügung und Ordnungsgeld-Mahnung – sogar eine Fortsetzung der Papst-Verhunzung an. Notfalls „bis zum Jüngsten Gericht“. Für pubertäre Enthemmungen und libertäre Tabuverletzungen weit unter der Gürtellinie scheint es keine Grenzen mehr zu geben. Solange man den Blick auf die abendländisch-christliche Religion wirft, denn gegenüber ferneren, fremderen Kulturen und Religionen gibt es sehr wohl noch Zurückhaltung in Europa und wenn schon nicht Akzeptanz, so doch innere Bremseinstellungen, was die Provokationslust betrifft. Da „geht der Arsch auf Grundeis“, wie es Bild-Kolumnist Wagner eindeutig und plastisch auf den Punkt gebracht hat.

Tatsächlich: Den Propheten Mohammed, den Dalai Lama oder einen jüdischen Rabbiner im Kontext von sogenannter Satire, Unterhaltung und Kunst mit Fäkalien in Verbindung zu bringen, so weit und so tief würde in Deutschland wohl kein ernst zunehmender Medien- und Kulturschaffender gehen. Auch kein sinkendes Satire-Magazin. Was zu begrüßen ist, nicht nur um der Achtung der Menschenwürde und des sozialen Miteinanders in einer pluralistischen Gesellschaft willen. Sondern eben auch als Zeichen des Respekts der Religionsfreiheit und der Religion überhaupt.

Offensichtlich hat man aber mit dem Christentum, von dessen kulturellen und philosophischen Früchten man uneingestanden lebt, Probleme. Ein ungesunder Zustand, auch im demokratisch-rechtsstaatlichen Sinne. Schließlich orientierten sich die demokratischen Verfassungsväter nach den Schrecken eines totalitären Systems eindeutig am Christentum, am Menschenbild der Freiheit und Toleranz. Nicht die heute mit pluralistischer Inbrunst so gerne beschworene Einheit in der Vielfalt war konstitutiv, sondern das christliche Wertesystem. Es definierte auch den öffentlichen Frieden. Damals.

So bleibt es durchaus nachvollziehbar, dass der katholische Schriftsteller und Georg-Büchner-Preisträger, Martin Mosebach, vor wenigen Wochen in einem Essay in der „Berliner Zeitung“ die strengere Auslegung des Blasphemie-Gesetzes angeregt hat. Er meinte genau solche Kulturschaffenden, die einen billigen Effekt damit erzielen, dass sie christliche Topoi lächerlich machen. Mosebach sieht ein Blasphemieverbot als eine Art erzieherische Maßnahme. Gerade das Risikolose der Gotteslästerung lasse die Kunst sozusagen verludern.

Tatsächlich kann man die Gefahr der Verluderung noch viel weiter spannen. Denn mittlerweile muss man sich ernsthaft fragen, wer aus Sicht des Zeitgeistes stärker gegen den gefühlten öffentlichen Frieden verstößt: Geschmacklose Papst- und Kirchen-Karikaturen oder die Kirche mit ihrem ungebrochenen moralischen Anspruch. Im Zeitalter der pornografischen Rundumbetreuung des Bürgers und eines geradezu schrankenlosen Hedonismus ist es wohl die Kirche, die diese Art von öffentlichem Frieden angreift. Was das relative Schweigen der politischen Klasse zu blasphemischen Ausschreitungen gegen das Christentum erklären würde. Ein Bundeskanzler Adenauer hätte eine geschmacklose Attacke gegen den Papst als persönlichen Affront gewertet. Die politische Klasse heute kann damit gut leben.

So wie auch die Vereinten Nationen mittlerweile mit Blasphemie auf ihre Weise umzugehen gelernt haben. Nach Paragraf 48 einer Stellungnahme aus dem Jahr 2011 des Menschenrechtskomitees der Vereinten Nationen, sind „Verbote von Darstellungen mangelnden Respekts vor einer Religion oder anderen Glaubenssystemen“, einschließlich Blasphemie-Gesetzen, abzulehnen.

Der Artikel 20 Absatz 2 ruft die Staaten der Erde stattdessen dazu auf, die „Verfechtung religiösen Hasses, welche zur Diskriminierung, Feindseligkeit oder Gewalt anstiftet“ zu verbieten. Gesetze, die Blasphemie einschränken, seien als solche mit den allgemeinen Menschenrechtsstandards nicht vereinbar. Anders ausgedrückt: Blasphemie ist zum Menschenrecht erklärt worden, während man die Religion in einen engen Zusammenhang mit Fanatismus, Diskriminierung und Hass gestellt hat.

Vor diesem Hintergrund erklärt es sich leicht, dass die Spiegel-Online-Kolumnistin Sibylle Berg mit Blick auf den „Marsch für das Leben“ vor wenigen Tagen ohne negative Konsequenzen schreiben konnte: „Belehrende Religiöse, ich wünsche euch riesengroße Kuhfladen auf den Kopf und Räder an die Füße genagelt. Menschen, die ihr anderen euer Leben aufzwingen wollt, geht alle in die Sauna und schwitzt den Mist aus euch.“

Es erklärt sich auch die tendenziöse Berichterstattung des ZDF über die Ernennung des Regensburger Erzbischofs Gerhard Ludwig Müller zum Präfekten der Glaubenskongregation. Denn statt sachlich über diese Nachricht zu informieren, präsentierte die Moderatorin Petra Gerster den renommierten Theologen als erzkonservativen Hardliner.

Letztendlich klafft zwischen dem Titanic-Cover und derartigen journalistischen Erzeugnissen kaum eine Lücke. Was beides verbindet, ist die rigorose Ablehnung des christlichen Kanons und Dogmas. Ein zynisches, menschenverachtendes Frohlocken über die christliche Religion. Europäischer Selbsthass. Hier unter dem Deckmantel der Satire, dort im Anzug des aufgeklärten Journalismus.

Höchste Zeit, für die Christen in Deutschland und Europa zu erkennen, dass es schon lange nicht mehr darum geht, den öffentlichen Frieden zu bewahren. Es geht darum, diesen Frieden neu herzustellen, zu etablieren. Mag das Reich Gottes auch nicht „von dieser Welt sein“, der christliche Glaube als plausibler Diskurs zwischen Gott und Menschen dient der Welt mehr als Blasphemie. Er stiftet Frieden und Rechte. Für Gläubige und für Nicht-Gläubige.

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