Die Familie ist kein Auslaufmodell

Der Familienreport 2009 belegt allerdings, dass der Anteil Alleinerziehender zunimmt

Die traditionelle Familie ist in Deutschland kein Auslaufmodell. Ganz im Gegenteil. Das geht aus dem am Montag von Bundesfamilienministerin Ursula von der Leyen (CDU) vorgelegten Familienreport 2009 hervor. Neben einer Bilanz der Familienpolitik der vergangenen Jahre gibt er anhand unterschiedlicher Erhebungen und Umfragen der jüngsten Zeit einen Überblick über Befindlichkeit und Selbstverständnis von Familie in der Bundesrepublik. Dabei ergibt sich ein eigenartiges Missverhältnis von ideeller Wertschätzung und finanzieller Unterstützung. Die Familie ist „in der Sicht der Bevölkerung die soziale Mitte unserer Gesellschaft“, heißt es in dem Report. In Zeiten wirtschaftlicher Krise dürfte ihr Stellenwert sogar noch zunehmen, mutmaßen die Verfasser. Sie sei „stärker denn je ein verlässlicher Verbund von Menschen, die sich gegenseitig helfen und füreinander Verantwortung übernehmen“. Doch trotz dieser hohen Wertschätzung kommt der Bericht gleichzeitig zu dem Schluss, dass Kinder in Deutschland am stärksten von Armut gefährdet sind.

Ein ähnlicher Widerspruch zeigt sich bei der demografischen Entwicklung, nämlich zwischen Wunsch und Wirklichkeit. So hat der Kinderwunsch in den vergangenen Jahren wieder zugenommen, und zwar stärker als in anderen europäischen Ländern. Demnach will laut Eurobarometer die Mehrheit potenzieller Eltern wieder mehr als zwei Kinder. Bei Frauen sind es im statistischen Durchschnitt 2,24 und bei Männern 2,17 Kinder. Doch wird dieser Wunsch bei weitem nicht realisiert. Die Geburtenrate in Deutschland lag im Berechnungsjahr 2007 bei 1,37. Das bedeutet zwar einen leichten Zuwachs gegenüber dem Jahr 2004 mit einer Geburtenrate 1,33. Deutschland liegt damit weit hinter anderen europäischen Ländern wie Finnland mit 1,7 oder Frankreich zurück. Die Franzosen vermeldeten jüngst als europäische Spitzenreiter eine Geburtenrate von 2,1. Damit wäre Frankreich allerdings die einzige Nation mit einer sogenannten bestandserhaltenden Geburtenrate in Europa – soweit man von der Zuwanderung absieht.

Umstritten ist, inwiefern die leichte Steigerung der Geburtenrate hierzulande tatsächlich auf die derzeitige Familienpolitik zurückzuführen ist – wie von der Leyen (CDU) und die SPD für sich in Anspruch nehmen – und ob überhaupt von einer „Trendwende“ gesprochen werden kann. Beobachter führen die gestiegenen Geburtenzahlen nicht zuletzt auf den Konjunkturaufschwung der vergangenen Jahre zurück und befürchten mit der Krise einen erneuten Einbruch. Nach Ansicht des Thüringer Landesgeschäftsführers des Familienbundes der Katholiken, Kurz Herzberg, verdankt sich der leichte Anstieg hingegen den Eltern aus den geburtenstarken Jahrgängen der „Babyboomer“ in den 60er Jahren.

Nichtsdestotrotz bleibt die Familie für 76 Prozent der wichtigste Lebensbereich und liegt in der Wertschätzung weit vor Beruf, Hobbys oder Freundeskreisen. 90 Prozent der Befragten nannten die Familie als den wichtigsten Bestimmungsfaktor für Glück, Zufriedenheit und persönliches Wohlbefinden.

„Gelebte Familiensolidarität“

Zudem gaben neun von zehn Befragten an, dass sie mit ihrem Familienleben sehr zufrieden oder zufrieden sind und acht von zehn berichteten über einen ziemlich engen oder sehr engen Zusammenhalt unter Familienangehörigen über die Generationen hinweg, was sich etwa in regelmäßigen Kontakten zeige. Der Berliner Sozialwissenschaftler Hans Bertram spricht hier von einer „gelebten Familiensolidarität“. Diese zeigt sich nicht zuletzt in der innerfamiliären Betreuung im Alter.

Knapp drei Viertel (74 Prozent) der in Deutschland lebenden Familien sind Ehepaare. Dies ist bei Zuwanderern besonders ausgeprägt. „Der Anteil der Kinder, über 80 Prozent, die bis zum 18. Lebensjahr bei beiden leiblichen Eltern aufwachsen, ist in Deutschland seit etwa 100 Jahren konstant“, halten die Statistiker fest. Zudem verbringen Kinder und Eltern heute insgesamt mehr Alltags- und Lebenszeit miteinander als früher. Ein entscheidender Unterschied gegenüber vergangenen Jahrzehnten liegt aber in der Zahl der Kinder pro Familie. Mehr als die Hälfte aller Familien hat lediglich ein Kind, 11 Prozent haben drei oder mehr Kinder. Von den Mehrkindfamilien sind 85 Prozent der Eltern verheiratet. Bei Ein-Kind-Familien sind es 66 Prozent.

Ferner hat der Anteil nichtehelicher Lebensgemeinschaften und Alleinerziehender in den vergangenen Jahren deutlich zugenommen. Das gilt vor allem für Ostdeutschland. Dort gingen die „traditionelle Lebensform“ um 45 Prozent zurück. In Westdeutschland hingegen nur um zehn Prozent.

Zum „Wandel der Lebensform“ gehört nach Bertrams Worten auch die steigende Zahl derer, die vor der Eheschließung zusammenleben. So gab 2007 die Hälfte der Verheirateten an, bereits vorher mit dem Partner zusammengelebt zu haben – im Schnitt 2,3 Jahre. Vor zwanzig Jahren waren es lediglich ein Viertel. Sie hatten im Schnitt 1,8 Jahre zusammengelebt.

Drei Millionen arme Kinder

Nicht nur mit der Heirat lassen sich die Paare inzwischen mehr Zeit, sondern auch mit dem ersten Kind. Hier verlängerte sich der Abstand von der Hochzeit von durchschnittlich zwei Jahren (1970) auf zweieinhalb Jahren (2007). Zudem nahm der Anteil von Ehen mit vorehelichen Kindern deutlich zu. Er lag 2007 bei 19 Prozent. Zugleich sinkt die Zahl der Scheidungen pro 1.000 bestehender Ehen seit 2005. Die Scheidungsziffer war in den vier Jahrzehnten zuvor kontinuierlich gestiegen.

Der Anteil der Singles, also Menschen in mittleren Jahren zwischen 25 und 55, die alleine leben, ist heute hingegen ebenso hoch wie vor drei oder fünf Jahrzehnten. 2007 lag er bei etwa sieben Prozent. Den gestiegenen Anteil an Einpersonenhaushalten führen die Fachleute nicht auf eine zunehmende Vereinzelung zurück, sondern darauf, dass die Menschen später heiraten als ihre Elterngeneration, und dass es aufgrund der höheren Lebenserwartung mehr verwitwete Menschen gibt, die alleine leben.

Im Gegensatz zur ideellen Wertschätzung steht die finanzielle und soziale Sicherung. Die höchsten Armutsrisikoquoten weisen Jugendliche zwischen 15 und 18 auf. Besonders prekär ist die Lage der Kinder von Alleinerziehenden. Laut Report beziehen 40 Prozent der 1,57 Millionen Alleinerziehenden Sozialleistungen. Damit lebt etwa die Hälfte aller Kinder (rund 600 000), die von Sozialleistungen abhängig sind, in einem alleinerziehenden Haushalt. 90 Prozent der Alleinerziehenden sind Frauen. Der überwiegende Teil von ihnen ist geschieden oder lebt getrennt. Ferner sind der Studie zufolge rund 430 000 Kinder mit Migrationshintergrund von Armut betroffen und 500 000 Kinder aus kinderreichen Familien. Bei Ausländerkindern seien vor allem Investitionen in frühkindliche Bildung erforderlich, während bei hoher Kinderzahl der Kinderzuschlag das Armutsrisiko senke, meint die Studie. Insgesamt sind damit fast drei Millionen Kinder und Jugendliche von Armut betroffen. Ein Faktum, das auch die Bundesfamilienministerin als „beschämend“ bezeichnete.

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