„Die Einkaufspraxis müsste sich ändern“

Sandra Dusch von der Christlichen Initiative Romero (CI) fordert ein Umdenken von Markenunternehmen bei der Textilproduktion. Von Anna Sophia Hofmeister
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Entwicklungsminister Gerd Müller hat das Geschäft mit dem DFB-Trikot kritisiert. Von rund 85 Euro, die das Trikot kostet, erhalte eine Näherin in Bangladesch 15 Cent. Hersteller Adidas weist den Vorwurf zurück. Die Trikots würden in China hergestellt, wo eine Näherin einen Monatsnettolohn von rund 320 Euro erhalte. Was sagen Sie dazu?

Über die Fokussierung auf das Trikot lässt sich diskutieren. Egal ob China oder Bangladesch, es ist schwierig, in Billiglohnländern Fabriken zu finden, die einen Lohn zahlen, der existenzsichernd ist. Was häufig unter den Tisch fällt, ist, dass für die Näherinnen und Näher unbedingt höhere Löhne gezahlt werden müssen. Wenn Adidas in China androht, die Produktion nach Vietnam zu verlegen, wenn die Löhne erhöht werden, sind das Signale, die in die falsche Richtung zielen. Ein Unternehmen wie Adidas sollte sich dafür einsetzen, dass Textilien in Fabriken produziert werden, die soziale und ökologische Standards einhalten.

Wie sieht die gängige Einkaufspraxis von Markenunternehmen in den Billiglohnländern aus?

Häufig haben Unternehmen wie Adidas Zulieferer, die häufigen Kontrollen unterzogen werden und die gegebenenfalls auch höhere Lohnzahlungen erhalten. Aber Aufträge werden je nach Nachfrage auch sehr kurzfristig gesetzt. Weil die Unternehmen das geforderte Volumen in der vorgeschriebenen Zeit oft nicht rechtzeitig realisieren können, sind sie wiederum darauf angewiesen, Subunternehmen zu beauftragen. So werden Aufträge in der Textilienkette häufig weitergereicht. Bei wenig aufwändigen Textilien kann sich diese Kette hinunterziehen bis zu semi-offizieller Heimarbeit, wo es kein ausgeklügeltes System gibt, Arbeitsstandards und Lohnzahlungen zu überblicken. Der hohe Produktionsdruck führt dann zu den unmenschlichen Bedingungen, die wir kritisieren. Markenhersteller müssen auf ihre Einkaufspolitik achten. Der ganze Prozess, wann und an wen ich einen Auftrag vergebe, setzt den Rahmen, in dem Arbeitsbedingungen verwirklicht werden können.

Minister Müller hat also die Verhältnisse in Billiglohnländern treffend beschrieben. Was bedeuten für solch eine Näherin 15 Cent?

Wenn der Lohn extrem niedrig ist, können die Arbeiter und Arbeiterinnen davon nicht leben. Häufig, haben wir festgestellt, sind sie ganz schwach, weil sie nicht genug Kalorien zu sich nehmen können, die man jedoch für die anstrengende körperliche Arbeit einfach braucht. Häufig haben die Näherinnen auch noch ihre Familien zu versorgen, Schulen und Mieten müssen bezahlt werden. Das sind alles Kosten, die bei den üblichen Löhnen eine Regelarbeitszeit gar nicht decken kann. Die Frauen versuchen dann, über Überstunden und Bonuszahlungen ihr Gehalt aufzubessern.

Mit welchen Folgen?

Die Frauen haben häufig Ohnmachtsanfälle, weil sie völlig erschöpft sind. Die Haushaltsarbeiten noch vor dem Gang in die Fabrik, die mangelnde Ernährung, die körperliche Anstrengung und das Schlafdefizit tun ihr Übriges. Dazu kommen die schlechten Arbeitsbedingungen und psychischer Druck durch Vorarbeiter – das zermürbt die Arbeiterinnen, die stark unter der Situation leiden, während andere mit ihren Produkten viel Geld verdienen.

Wie beurteilen Sie einen Boykott ausbeutender Unternehmen, wie ihn die Grünen vorschlagen?

Die Christliche Initiative Romero ist Teil der internationalen Kampagne für saubere Kleidung, die Schwesterorganisationen in den jeweiligen Produktionsländern hat, die uns auch kontinuierlich über Arbeitsrechtsverletzungen informieren. Nicht alle, aber viele Partnerorganisationen haben uns gedrängt, nicht explizit zum Boykott aufzurufen. Das könnte zahlreiche Arbeitsplätze kosten, die für viele Näherinnen aber überlebensnotwendig und in der Region oft die einzige Möglichkeit sind, Geld zu verdienen. Deshalb fordern wir direkt menschenwürdige Arbeit.

Wie ließe sich die verwirklichen?

Die schlechten Lohnzahlungen müssten unterbunden werden. Die Einkaufspraxis von Markenunternehmen müsste sich ändern. Nicht, wer am schnellsten das Billigste liefern kann, dürfte gewählt werden.

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