BOTSCHAFTER FRANCISCO N. GONZALEZ DIAZ.

„Die Drogenfreigabe ist kein Allheilmittel“

Ein Gespräch mit Francisco N. González Díaz, mexikanischer Botschafter in Deutschland. Von Regina Einig
„Die Drogenfreigabe  ist kein Allheilmittel“
Foto: Botschaft von Mexiko in Berlin |

Foto: Botschaft von Mexiko in Berlin

„Die Drogenfreigabe  ist kein Allheilmittel“
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Benedikt XVI. hat in der Nacht zum Samstag (MEZ) erstmals mexikanischen Boden betreten. Anders als sein Vorgänger Johannes Paul II., der bei seinem ersten Besuch 1979 kein Staatsgast war, wurde der Papst am Flughafen von León im Bundesstaat Guanajuato mit allen protokollarischen Ehren empfangen: Am Flughafen begrüßten ihn Mexikos Staatspräsident Calderón sowie der Außen- und der Innenminister des Landes. Ob ein Regierungsmitglied an der Eucharistiefeier am Sonntag teilnimmt ist offiziell noch nicht bekannt. Über die Erwartungen der Mexikaner an den Papstbesuch sprach Regina Einig mit dem Botschafter Mexikos in Berlin, Francisco N. González Díaz.

Exzellenz, der mexikanische Staatspräsident Calderón hat Papst Benedikt XVI. einmal bei einer Begegnung in Rom auf den Drogenkrieg im Norden des Landes angesprochen und gesagt: „Das mexikanische Volk braucht Sie“. Was kann der Heilige Vater in diesem Punkt für die Mexikaner tun?

Zunächst kommt es darauf an, dass sich der Heilige Vater in Mexiko ein Bild über die Situation vor Ort macht. Wenn er in Mexiko seine Stimme für die Bevölkerung erhebt, hört die ganze Welt zu. Das und die Tatsache, dass er mit uns, mit den Menschen ins Gespräch kommt, wird das Bewusstsein Vieler schärfen. Wer Drogen nimmt, hat oft keine Vorstellung von den Problemen, die sich daraus ergeben. Auf der anderen Seite ist die Lage in Mexiko ja nicht nur düster. Wir packen die Probleme an. Auch davon kann sich der Papst überzeugen. Er kann uns helfen, unser soziales Netz zu festigen, indem er an Werte erinnert: die Familie, die sozialen Tugenden, das Nein zu Drogenkonsum und Drogenhandel – das sind ja nicht zuletzt auch die Anliegen der katholischen Bevölkerung.

Welche Erwartungen hat die Regierung Ihres Landes an den Papstbesuch?

Dazu gehe ich in das Jahr 2007 zurück, als Staatspräsident Calderón den Heiligen Vater nach Mexiko einlud. Die Einladung richtete sich an das Staatsoberhaupt des Vatikan, um engere Beziehungen zwischen den Staaten zu knüpfen. Zwar sind alle internationalen Beziehungen für Mexiko wichtig, doch verbindet den Vatikan und mein Land in diesem Jahr ein besonderes Datum: der zwanzigste Jahrestag der Wiederaufnahme diplomatischer Beziehungen zwischen unseren Staaten, ein ausgesprochen wichtiges Datum. Seitdem hat es viele gesetzliche Änderungen gegeben, die auch die katholische Kirche betreffen. Wir hoffen, dass der Besuch des Heiligen Vaters die Beziehungen zwischen unseren Staaten weiter festigt. Mexiko will sich auf der Weltbühne an der Seite des Heiligen Vaters zeigen.

Könnten Sie die Gesetzesänderungen, soweit sie die katholische Kirche in Mexiko betreffen, an einigen Beispielen veranschaulichen?

Die erste Reise Papst Johannes Pauls II. im Jahr 1970 war noch kein Staatsbesuch. 1992 wurde der Artikel 130 der mexikanischen Verfassung dahingehend geändert, dass der Staat nun Orden und religiöse Gemeinschaften zuließ und den Kirchen Religionsfreiheit gewährte – mit allen Formen der religiösen Ausdrucksfreiheit: also auch der Predigt und der Anwerbung von Mitgliedern. Nach fünf Besuchen Johannes Pauls II. hat sich das Land grundlegend gewandelt. Mexiko ist offener geworden. Papst Benedikt XVI. kann das sowohl an der Situation der katholischen Kirche ablesen als auch an der anderer Religionen. In Gegenden wie Chiapas etwa haben besonders evangelische Gemeinschaften Fuß gefasst.

In der katholischen Kirche Lateinamerikas wird über eine Drogenfreigabe diskutiert. Wäre diese Maßnahme nach Auffassung Ihrer Regierung ein wirksames Mittel zur Bekämpfung der Drogenkartelle?

Unser eigentliches Ziel ist, das organisierte Verbrechen zu beseitigen. Man darf das organisierte Verbrechen nicht einfach mit den Drogenkartellen gleichsetzen. Auch ohne Drogenkartelle gibt es Raubüberfälle und Entführungen. Schon aus diesem Grund ist die Drogenfreigabe kein Allheilmittel. Natürlich muss über die Drogenfreigabe diskutiert werden – und zwar auf internationaler Ebene. Ein Land allein kann das Drogenproblem nicht in den Griff bekommen. Um das organisierte Verbrechen wirksam zu bekämpfen, brauchen wir eine gute juristische Infrastruktur und seriöse Institutionen, die für die Auseinandersetzung mit dem Drogenproblem gewappnet sind. Hier liegt unsere Aufgabe.

Wie bewerten Sie das Engagement der katholischen Kirche im Bundesstaat Chiapas, seitdem der Konflikt 1994 ausbrach?

Die katholische Kirche hat sich auf bemerkenswerte Weise und in unterschiedlicher Intensität in diesen Konflikt eingeschaltet. Die Kirche hat kein eigenes Programm verfolgt – sie stellte sich denselben Herausforderungen wie die Vereinten Nationen, die lokalen Behörden, der Bundesstaat und die Regierung in Mexiko-Stadt. Der Bundesstaat Chiapas investiert heute 77 Centavos jedes Pesos seines Haushaltsbudgets in das Gesundheits- und Bildungswesen, Bau und Infrastruktur. Chiapas ist heute kaum wiederzuerkennen, die Region hat sich von Grund auf geändert. Ein Beispiel für den Wandel ist die Gemeinde Nuevo Juan de Grijalva im Hochland von Chiapas: die erste eigens für die Landbevölkerung nach ökologischen Kriterien erbaute Selbstversorger-Stadt Lateinamerikas mit landwirtschaftlichen Betrieben, Schule, Krankenhaus und Internetanschluss. Frauen und Männer arbeiten hier Seite an Seite, das war in den früheren Gemeinden aus ethnischen Gründen nicht möglich. Die Kirche hat dazu beigetragen, dass Chiapas ins Blickfeld der Öffentlichkeit gerückt und heute für die einschlägigen Analysen ein Referenzpunkt ist.

Wie ist es heute um die Menschenrechte in Chiapas bestellt?

Die Lage hat sich deutlich gebessert. Die Dörfer sind moderner geworden, während die Traditionen gewahrt bleiben. Sowohl der mexikanische Staat als auch die Weltpolitik tragen dazu bei, dass die Region nicht in Vergessenheit gerät. In bester Erinnerung ist mir der Besuch von Guido Westerwelle, der selbst mit den Gemeindevertretern vor Ort gesprochen und sich von den Fortschritten überzeugt hat.

Im Bundesstaat Chihuahua machen die Folgen der Dürre der Landbevölkerung zu schaffen. Halten Sie den Beitrag Deutschlands für die notleidenden Bürger Ihres Landes für angemessen?

Definitiv. Das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung kooperiert mit verschiedenen mexikanischen Behörden. Es hat 180 Millionen zur Verfügung gestellt, mit denen etwa zwanzig Hilfsprojekte zur Trinkwasser- und Energiegewinnung, Bildung und Kreditvergabe zwei Jahre lang gefördert werden. Es geht hier ja nicht darum, Geld zu verteilen. In Zusammenarbeit mit dem BMZ fördern beide Länder weitere Projekte in Lateinamerika und haben so ein nützliches Dreieck aufgebaut, in dem einer vom Wissen des anderen profitiert.

Viele Nichtregierungsorganisationen kritisieren die Nichteinhaltung der Millenniumsziele der Vereinten Nationen. Diese hatten bei ihrer 55. Generalversammlung im September 2000 beschlossen, die weltweite Armut bis zum Jahr 2015 zu halbieren. Teilt Ihre Regierung diese Kritik?

Hier muss man zwischen den Ländern differenzieren. Einige Länder stecken noch in den Anfängen, doch Mexiko ist gut vorwärtsgekommen. Einige Millenniumsziele sind zwar noch nicht umgesetzt, dafür aber andere. In Mexiko haben heute alle eine Sozialversicherung. Ungefähr 44 Millionen Mexikaner sind in den letzten Jahren in die allgemeine Sozialversicherung aufgenommen worden. Die Deutschen würden sagen: „Ist doch selbstverständlich, dass alle sozialversichert sind“. Doch in Mexiko war das lange nicht der Fall – und nach wie vor sind viele Länder nicht soweit. Berücksichtigt man, wie groß Mexiko ist, so ist das ein schier unglaublicher Fortschritt. Ein anderes wichtiges Millenniumsziel wurde im Bildungswesen erreicht. Vor zwei Jahren waren wir erstmals soweit, dass alle schulpflichtigen Kinder die Grundschule besuchten.

Der honduranische Kardinal Oscar Rodriguez Maradiaga beanstandet das Wirtschaftsgebaren Europas. Auf dem alten Kontinent herrsche eine Verschuldungspolitik, die auf Kosten der kommenden Generationen gehe. Sehen die Mexikaner die Tatsache ähnlich skeptisch, dass Länder wie Deutschland Milliarden in ein fragiles Bankensystem investieren, während die Förderung von Entwicklungs- und Schwellenländern stagniert oder reduziert wird?

Jede Regierung muss natürlich ihre Hausaufgaben machen. Dass man Opfer bringen muss, um aus Wirtschaftskrisen herauszukommen, wissen wir Mexikaner aus Erfahrung. Ein mexikanisches Sprichwort sagt: Jeder schlägt die Flöhe auf seine Weise tot. Was nun die europäische Politik angeht, so habe ich den Eindruck, dass alles versucht wird, um die Krise so gut wie möglich zu meistern, wobei es kleine Abweichungen geben mag. Ich sehe Beträge wie die oben genannten 180 Millionen Euro ohnehin weniger als Frucht europäischer Freigebigkeit, sondern als eine Form der Kooperation. Das scheint mir mit Blick auf den Kontinent wichtig: Kein lateinamerikanisches Land ist auf Freigebigkeit aus, sondern wir legen Wert auf Zusammenarbeit.

Welches Bild haben die Mexikaner von Papst Benedikt XVI.?

Schwer zu sagen. Der Papst ist für die Mexikaner eben der Papst. Und erst recht nach dem außergewöhnlichen Pontifikat Johannes Pauls II., der unser Land fünfmal besuchte. Mexiko ist natürlich auch durch den Laizismus geprägt. Der Papst wird als Staatsmann und Multiplikator gesehen. Die Welt hört ihm zu. Und nach wie vor steht er an der Spitze der wichtigsten Religionsgemeinschaft unseres Landes. Gespannt auf das, was er sagt, sind wir jedenfalls alle.

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