Die drei monotheistischen Religionen werden verhöhnt

Der Bischof von Rottenburg-Stuttgart, Gebhard Fürst, kritisiert Kinderbuch von Schmidt-Salomon als plumpe Indoktrination

Das atheistische Kinderbuch „Wo bitte geht's zu Gott? fragte das kleine Ferkel“ von Michael Schmidt-Salomon hat die Bundesprüfstelle für Jugendgefährdende Schriften nicht als antisemitisch indiziert. Dennoch ist das Buch eine Gefahr für die Jugend – warum?

Die Bundesprüfstelle hat ihre Entscheidung in strenger Beachtung ihrer Kriterien getroffen und einen antisemitischen Charakter des Buchs verneint. Das bedauere ich. Denn dass nicht nur das Judentum, sondern auch das Christentum und der Islam verhöhnt werden, entkräftet den Antisemitismusvorwurf nicht, sondern erweitert ihn um den Vorwurf der antichristlichen und der antiislamischen Hetze. Hier wird versucht, Kindern übelste Zuschreibungen gegenüber dem Judentum, aber auch gegenüber der katholischen Kirche und dem Islam nahezubringen. Und das Christentum steht in unserer Gesellschaft in besonderer Weise in der Verantwortung für die Wahrung humaner Werte. Wenn dies bereits bei jungen Menschen destruiert wird, kann man sich vor den Folgen nur fürchten. Die politische Frage ist, ob die Kriterien der Bundesprüfstelle ausreichend sind.

In der Urteilsbegründung hieß es, die Verletzung des religiösen Empfindens stelle nicht den Tatbestand der Jugendgefährdung dar...

Es ist ein pädagogisches und religionspädagogisches Tabu, bei Kindern religiös motivierte Angst zu erzeugen. Genau dies aber tut dieses Buch, indem es die Repräsentanten der drei monotheistischen Religionen und den durch sie vertretenen Glauben als fanatisch und gewalttätig darstellt – unter dem Vorwand, den Angst erzeugenden Elementen der Religion entgegenzuwirken. Kinder können sich gegen eine solche Indoktrination nicht wehren. Den Schaden, der dadurch in den Seelen junger Menschen angerichtet wird, können diejenigen, die ihn anrichten, wohl kaum ermessen und verantworten und vor allem auch nicht heilen. Stellen Sie sich einmal vor, Ihr Kind, das sich auf die Erstkommunion vorbereitet, wird von einem anderen Kind, das dieses Buch gelesen hat, als Menschenfresser bezeichnet. Oder ein jüdisches Kind, dessen Gottesglaube durch dämonische Verzerrungen eines Mördergottes vergiftet wird. Oder ein muslimisches Kind, das seine Eltern als Mitglieder einer grauen Masse von Fanatikern vorgestellt bekommt.

Michael Schmidt-Salomon, Autor des Buchs und Vorstandssprecher der atheistischen Giordano Bruno Stiftung, bezeichnet das Buch als aufklärerisch. Aber der Umgang mit Religionen etwa bei Lessing war ein anderer.

Aufklärung bedeutet nach Immanuel Kant den Mut, sich seines eigenen Verstandes zu bedienen. Insofern bin ich zuversichtlich hinsichtlich des Urteils vieler verständiger Menschen über dieses Buch. Lessing lehrt in der Tat nicht Verhöhnung des religiösen Bekenntnisses Andersgläubiger, sondern Respekt davor. Aufklärung bedeutet Dialog, differenziertes Denken, Achtung vor dem Denken und Glauben anderer. Dies alles kann ich in dem Buch und in der dahinterstehenden Geisteshaltung nicht erkennen. Das ist vielmehr der Versuch plumper Indoktrination von Kindern und von Erwachsenen.

Lässt sich das Buch aus dem Handel ziehen?

Ich glaube nicht. Darum geht es mir auch nicht. Ich wünsche mir, dass die jetzt entstandene öffentliche Diskussion um dieses Buch nicht so schnell verstummt, dass sich verantwortungsbewusste Christen, Juden und Muslime mit qualifizierten Argumenten daran beteiligen und dass diese Diskussion Eltern davon abhält, diesem Machwerk Eingang ins Kinderzimmer zu verschaffen.

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