Die Deregulierung der Moral

Warum sich am Beispiel einer „Eizell-Lotterie“ in Großbritannien die Globalisierung studieren lässt

Von Stefan Rehder

Manche Sätze beeindrucken weniger durch sprachliche Brillanz als durch schonungslose Offenheit. Er definiere die Globalisierung, bekannte einmal der frühere CEO des Weltkonzerns Asea Brown Bovery (ABB) Percey Barnevik, als „Freiheit unserer Firmengruppe, zu investieren, wo und wann sie will, zu produzieren, was sie will, zu kaufen und zu verkaufen, wo sie will, und alle Einschränkungen durch Arbeitsgesetze oder andere gesellschaftliche Regulierungen so gering wie möglich zu halten.“ Wobei „gesellschaftliche Regulierung“ nichts anderes meint, als was gemeinhin „Moral“ heißt. Wie es aber um die Moral auf deregulierten Märkten bestellt ist, lässt sich – besser als an ABB – am Beispiel der Fortpflanzungsmedizin studieren. Deren Lobbyisten haben Regierungen und Parlamenten in der Vergangenheit erfolgreich einen Unterbietungswettbewerb aufgeschwätzt, der kein Ende nimmt.

Jüngstes Beispiel: Erstmals veranstaltete eine in Großbritannien ansässige Kinderwunsch-Klinik eine „Eizell-Lotterie“. Der Gewinnerin winkt eine In-vitro-Fertilisation im Wert von 14 500 Euro mit Eizellen der Spenderin ihrer Wahl. Die muss allerdings beim Partner der Klinik im US-Bundesstaat Virginia durchgeführt werden. Der Grund für das Joint-Venture: Obwohl die Reproduktionsmedizin auf der Insel als weitreichend dereguliert gelten kann, ist der Handel mit Eizellen dort – wie überall in Europa – verboten und die Auswahl folglich gering. Anders in den USA, wo Studentinnen vom Verkauf ihrer Eizellen ein ganzes Studium finanzieren können. Man darf gespannt sein, was den Lobbyisten als nächstes einfällt. Etwa ein Joint-Venture einer deutschen Transplantationsklinik mit einem chinesischen Gefängnis. Der Gewinner der „Organ-Lotterie“ könnte sich das Organ dann aus einem Katalog mit zum Tode verurteilten Häftlingen aussuchen.

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