Coronapolitik

Die Coronapolitik befindet sich auf dem Holzweg

Die Impfdebatte läuft heiß. Der Druck auf Corona-Ungeimpfte nimmt zu. Bundesgesundheitsminister Jens Spahn nennt Impfen einen „patriotischen Akt“. Bayerns Ministerpräsident Markus Söder bringt es gar auf die Formel: „Ohne Impfen keine Freiheit“. Ein Versuch, Ordnung in das argumentative Chaos zu bringen. 
Spaziergang im Schilf
Foto: Karl-Josef Hildenbrand (dpa) | Mancher Weg entpuppt sich als Holzweg. So ergeht es auch der Coronapolitik in Deutschland.(Symbolbild)

Was leisten die COVID-19-Impfstoffe? 

Sämtliche der innerhalb der Europäischen Union bedingt zugelassenen COVID-19-Impfstoffe (Comirnaty/Biontech; Spikevax/Moderna; Vaxzevria/AstraZeneca; Janssen/Johnson & Johnson) schützen die überwiegende Mehrheit der vollständig Geimpften gegen einen schweren Verlauf einer COVID-19-Erkrankung. 

Kann jeder schwer an COVID-19 erkranken? 

Gemäß den Daten des deutschen Meldesystems erkrankten rund zehn Prozent der positiv auf SARS-CoV-2-Getesteten so schwer an COVID-19, dass sie hospitalisiert werden mussten. Von diesen zehn Prozent waren wiederum 17 Prozent so schwer erkrankt, dass sie künstlich beatmet werden mussten. Demnach erkrankten also 90 Prozent nicht oder jedenfalls nicht schwer. 

Wie hoch ist das Risiko an COVID-19 zu versterben?

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In seinem „Epidemiologischen Steckbrief“ vom 14. Juli 2021 „schätzt“ das Robert-Koch-Institut (RKI) die „Infektions-Sterbe-Rate“ auf 0,4 bis 0,6 Prozent. 

Für diesen Wert hat das RKI die Zahl der bis dahin in Deutschland gemeldeten Fälle (rund 3,7 Millionen) „mit einem in Studien beobachten Unterfassungsfaktor von 4 bis 6“ multipliziert. 

Bislang (Stand v. 16. August) sind in Deutschland 91 871 Personen „an oder mit COVID-19“ verstorben. 60 022 von ihnen waren 80 Jahre oder älter. 27 473 Personen waren zwischen 60 und 79 Jahre alt. Von den übrigen 4 376 waren 4 030 Personen 35 bis 59 Jahre alt. 

Was leisten die COVID-19-Impfstoffe nicht?

Sämtliche der innerhalb der Europäischen Union bedingt zugelassenen COVID-19-Impfstoffe gewähren bislang keine sogenannte „sterile Immunität“. Das bedeutet: Auch vollständig Geimpfte können sich prinzipiell weiterhin mit dem SARS-CoV-2-Virus infizieren. Verschiedenen Studien aus Großbritannien, Israel und den USA zufolge können Geimpfte eine Ungeimpften vergleichbare Virenlast empfangen und sind daher – im Falle eines Falles – für andere genauso infektiös wie Ungeimpfte. 

Beispiel Island: Nirgendwo in Europa wurden so viele Menschen gegen COVID-19 geimpft wie in Island. Nachdem mehr als 90 Prozent der erwachsenen Bevölkerung vollständig geimpft waren, hob die isländische Regierung Ende Juni sämtliche Beschränkungen auf. Ergebnis: Keine sechs Wochen später erreichte die Sieben-Tage-Inzidenz – auf die gesamte Dauer der Pandemie bezogen – ihren bisherigen Höhepunkt. 

Beispiel Deutschland: Laut dem letzten Wochenbericht des RKI gibt es auch hierzulande bereits 10 827 erfasste „Impfdurchbrüche“. Definiert als Impfdurchbrüche werden SARS-CoV-2-Infektionen, die bei vollständig geimpften Personen mittels eines PCR-Test nachgewiesen wurden. Unter den Über-60-Jährigen erkrankten bisher rund 25 Prozent der Durchbruchinfizierten so schwer, dass sie hospitalisiert werden mussten. Dass auch vollständig Geimpften sich und andere mit dem Virus infizieren können, wird zwar bislang von der Politik nicht offen kommuniziert, aber indirekt dadurch eingestanden, dass auch von ihnen die Einhaltung der AHA-Regeln weiterhin verlangt wird. 

Was weiß man über schwerwiegende Nebenwirkungen nach einer Impfung gegen COVID-19? 

In seinem Sicherheitsbericht vom 15. Juli 2021 berichtet das Paul-Ehrlich-Institut (PEI) über 106 835 in Deutschland gemeldete Verdachtsfälle von Nebenwirkungen und/oder Impfkomplikationen, die in einem zeitlichen Zusammenhang mit der Impfung stehen. Verarbeitet finden sich dort sämtliche Meldungen, die beim PEI vom Beginn der Impfkampagne am 27. Dezember 2020 bis zum 30. Juni 2021 eingegangen sind. 

10 578 der 106 835 Verdachtsfälle werden in dem Bericht als „schwerwiegende unerwünschte Reaktionen“ geführt. Als schwerwiegende Reaktionen, gelten dem Bericht zufolge „solche, bei denen Personen im Krankenhaus behandelt werden oder Reaktionen, die als medizinisch bedeutsam eingeordnet wurden“. Im selben Zeitraum wurden laut dem RKI in Deutschland insgesamt 74 871 502 Impfdosen gegen COVID-19 verabreicht. 

5 781 der schwerwiegenden Verdachtsfälle traten nach einer Impfung mit Comirnaty (Biontech), 629 nach der Gabe von Spikevax (Moderna) 3 899 nach einer Impfung mit Vaxzevria (AstraZeneca) und 125 nach der Verabreichung von Janssen (Johnson & Johnson) auf. In 144 weiteren Fällen wurde der Name des Impfstoffs bei der Meldung nicht angegeben. 

Welche schwerwiegenden Nebenwirkungen wurden bislang beobachtet?

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Laut dem PEI wurden in Deutschland bislang 228 Diagnosen von Herzmuskelentzündung (Myokarditis) und/oder Herzbeutelentzündungen (Perikarditis) gemeldet, die in einem zeitlichen Zusammenhang mit der Impfung erstellt wurden. In der Mehrheit der Fälle handelt es sich bei den Betroffenen um Männer im Alter von 16 bis 29 Jahren. Ferner berichtet das PEI über die Meldung von insgesamt 2 138 Thrombosen, von denen 200 einen tödlichen Verlauf nahmen. Thrombosen mit Thrombozytopenie-Syndrom (TTS), das für gewöhnlich auftritt, wenn zu wenig Blutplättchen gebildet oder zu viele zerstört werden, wurden in 163 Fälle diagnostiziert. 25 davon endeten tödlich. In 13 weiteren gemeldeten Fällen wollte das PEI die Diagnose TTS aufgrund „der derzeit vorliegenden wenigen Informationen“ nicht bestätigen. In 1 128 Fällen wurden dem PEI klinisch relevante Blutungen nach einer Impfung gemeldet, die in 45 Fällen einen tödlichen Verlauf nahmen. Anaphylaktische Reaktionen wurden bei 362 Personen beobachtet. Wobei Frauen davon fünfmal so häufig betroffen waren wie Männer. 

In 91 Fällen wurden das Guillain-Barré-Syndrom (GBS) sowie das Miller-Fisher-Syndrom (MFS) diagnostiziert, eine seltene Variante des GBS. In beiden Fällen handelt es sich um eine akute Entzündung des peripheren Nervensystems, die mit Lähmungserscheinungen einhergehen kann, die sich jedoch meist zurückbilden. 

"Für alte Menschen mit einer oder gar mehreren Vorerkrankungen,
die auf öffentliche Verkehrsmittel angewiesen sind,
ist der Nutzen ein ganz anderer,
als etwa für einen 30-jährigen kerngesunden Landwirt"

Wie viele Todesfälle nach Impfungen sind bekannt? 

Laut dem aktuellen Sicherheitsbericht sind in 1 028 aller 10 578 dem Paul-Ehrlich-Institut  gemeldeten schwerwiegenden Verdachtsfälle die betreffenden Personen „in unterschiedlichem zeitlichem Abstand zur Impfung gestorben“.

Kann es eine Impflicht geben? 

Jede Impfung stellt einen Eingriff in den Körper der betreffenden Person dar. Sie bedarf deshalb des „informed consent“, der „informierten Zustimmung“ des Betreffenden. Alles andere wäre bereits rein rechtlich eine strafbare Körperverletzung. Medizinisch gilt: Keiner der COVID-19-Impfstoffe vermag das pharmakologische Dogma außer Kraft zu setzen, das lautet: Keine Wirkung ohne Nebenwirkungen. In der weit überwiegenden Mehrzahl der Fälle sind diese harmlos und vorübergehend. Aber es wurde eben auch ernst zunehmende Nebenwirkungen beobachtet, manche mit Todesfolge. Auch der Nutzen einer Schutzimpfung gegen einen schweren Verlauf von COVID-19 ist nicht für alle gleich.

Für alte Menschen mit einer oder gar mehreren Vorerkrankungen, die auf öffentliche Verkehrsmittel angewiesen sind, ist der Nutzen ein ganz anderer, als etwa für einen 30-jährigen kerngesunden Landwirt, der aufgrund seines jungen Alters kein besonders hohes Risiko besitzt, schwer an COVID-19 zu erkranken und zudem Wirtshäuser meidet. Erschwerend hinzu kommt, dass bisher weder Long-COVID hinreichend erforscht ist, noch die Frage beantwortet werden konnte, wie lange die Schutzwirkung der Impfstoffe anhält.

Ethisch folgt daraus: Die erforderliche Nutzen-Risiko-Abwägung kann nur der Betreffende selbst vornehmen. Das würde selbst dann gelten, wenn die Impfstoffe eine „sterile Immunität“ gewährleisten und andere vor einer Infektion zuverlässig schützten könnten, was jedoch, wie die Durchbruchinfektionen bei vollständig Geimpften zeigen, nicht der Fall ist. 

Bund und Länder haben beschlossen die kostenlosen Tests gegen COVID-19 im Oktober auslaufen zu lassen. Richtig?

Es ist zumindest nicht klug. Einmal, weil eine Virusinfektion, die in rund 80 Prozent der Fälle asymptomatisch verläuft, gar nicht anders als durch Testen feststellt werden kann. Zweitens: Die von RKI gemeldeten 10 827 „Impfdurchbrüche“ wurden erfasst, nachdem die Betroffenen über Symptome klagten. Die Dunkelziffer unentdeckter „Impfdurchbrüche“ dürfte ein Vielfaches betragen. Es ist also schon rein epidemiologisch nicht sinnvoll auf das Testen zu verzichten. In Island, das die Testpflicht abgeschafft hatte, müssen inzwischen auch vollständig Geimpfte zumindest bei der Ein- und Ausreise wieder einen negativen Corona-Test vorweisen.

Es heißt, die Antigen-Schnelltests seien gegen die inzwischen vorherrschende Delta-Variante nicht mehr aussagekräftig genug, da zu fehleranfällig. 

Tests lassen sich recht schnell anpassen. Außerdem gibt es inzwischen auch Schnell-PCR-Tests, die eine viel geringe Rate falsch-negativer-Testergebnisse aufweisen. 

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