Die Christen sollen auch in Zukunft die Seele der Nation sein

Der Papst mahnt Kroatiens Gläubige, sich nicht der säkularisierten Mentalität hinzugeben – Zagrebs zentraler Platz wurde zur Kathedrale. Von Stephan Baier
Foto: Christoph Hurnaus | Betend, singend und jubelnd empfing Kroatiens Jugend den Papst.
Foto: Christoph Hurnaus | Betend, singend und jubelnd empfing Kroatiens Jugend den Papst.

Aus allen Landesteilen, und auch aus dem benachbarten Bosnien-Herzegowina, sind sie gekommen: 50 000 Jugendliche, die auf Zagrebs Jelacic-Platz stundenlang betend und singend auf den Papst warten. Auch nach Regenschauern bleibt die Stimmung fröhlich und ausgelassen. „Papa, mi te volimo! – Wir lieben dich“, intoniert die Menge, als das Papamobil schließlich vom Nationaltheater her auf dem geschichtsträchtigen Platz einfährt.

Gespannt lauschen die Jugendlichem dem Lebenszeugnis eines jungen Studenten, Daniel Vorih: Er berichtet, wie er sich von der Kirche abwandte, trank und rauchte. „Ich irrte herum, hungrig nach Liebe.“ Beim Gebet vor dem Allerheiligsten habe er entdeckt, „dass Gott lebt, und ich erkannte die ganze Last der Sünde“. Es war, „als hätte ich den Himmel berührt“, berichtet der junge Mann, der mittlerweile beschlossen hat, Priester zu werden. Die 22-jährige Mateja Buha von der Franziskanischen Jugend in Split erzählt dem Papst von ihrer „Berufung zum Engagement in der Kirche“ und warum sie anderen helfen will, „den Reichtum des Lebens zu entdecken“.

Applaus brandete auf, als Benedikt XVI. die beiden Jugendlichen zu sich heranwinkte, um mit ihnen zu sprechen. „Die jungen Menschen haben das Herz Zagrebs in einen Tempel verwandelt“, meinte das kroatische Fernsehen später über diese Begegnung. Und tatsächlich: Plötzlich wich die ausgelassene Jubelstimmung einer Atmosphäre des andächtigen Gebets, als auf dem riesigen Platz das Allerheiligste zur stillen Anbetung ausgesetzt wurde und 50 000 Jugendliche schweigend und anbetend auf die Knie sanken. Der Papst selbst sei beeindruckt gewesen von dieser Stille, wusste Vatikan-Sprecher Lombardi später zu berichten. Die katholische Jugend Kroatiens – unter ihnen viele junge Priester und Ordensleute – bewies am Samstagabend, dass sie feiern und lachen, zuhören und schweigen, anbeten und jubeln kann. Und der Papst zeigte sich als einfühlsamer Jugendseelsorger, sprach über eine „Zeit der großen Perspektiven, der intensiv erlebten Gefühle, aber auch der Ängste“, von der tiefen Sehnsucht der Jugend. Appellativ rief er die Jugend auf, sich von Jesus an der Hand nehmen zu lassen: „Schenkt ihm Vertrauen, er wird euch nie enttäuschen!“

„Gegen den Strom schwimmen“ und „persönliche Opfer“ bringen, das müssen die in ihrem Glauben konsequenten Jugendlichen Kroatiens auch heute, zwei Jahrzehnte nach dem Ende der kommunistischen Indoktrination, mitten in einem neuen, konsumistischen Materialismus. Sie sollten sich nicht verwirren lassen durch verlockende Versprechungen, mahnte der Papst in seiner Ansprache. Mit Verweis auf das neben ihm angebrachte Gnadenbild „Unserer Lieben Frau vom Steinernen Tor“, das seit 280 Jahren von Betern und Pilgern verehrt wird, seit ein Brand die Altstadt Zagrebs verwüstete, erinnerte Benedikt XVI. die Jugendlichen an die Ganzhingabe Mariens an den Plan Gottes.

Ganz im Zeichen der Familie stand dann die Sonntagsmesse in der Pferderennbahn, zu der bereits in der Nacht und in den frühen Morgenstunden 450 000 Gläubige – zehn Prozent der Bevölkerung Kroatiens – geströmt waren. Mit Gebeten, geistlichen Texten, Liedern und Gedanken aus Papstansprachen stimmten sich die Menschen auf das Kommen des Papstes ein.

Der Bischof von Krk, Valter Zupan, stellte als Familien-Bischof die vielfältigen Angriffe auf das christliche Konzept von Ehe und Familie in den Kontext jener Angriffe, gegen die Kroatien als „Antemurale Christianitatis“, als Bollwerk der Christenheit, das christliche Europa verteidigt habe. Heute werde allen das Recht zugestanden, alle möglichen Meinungen frei auszudrücken, und so wolle auch die Kirche – „die wir die Mehrheit des kroatischen Volkes repräsentieren“ – ihr Recht auf Meinungsfreiheit wahrnehmen: „Wir haben dieses Recht und wir wollen, dass unsere Kinder ihre Eltern auch in Zukunft ,Mama‘ und ,Papa‘ rufen können, denn das ist ihr natürlicher Name.“ Die Kirche habe auch das Recht, von den Regierenden zu verlangen, dass sie das Leben verteidigen, so Bischof Zupan.

Benedikt XVI. verwies in seiner Predigt im Hippodrom auf die Probleme der Gesellschaft von heute: „Leider müssen wir feststellen, dass sich speziell in Europa eine Säkularisierung ausbreitet, die zu einer Ausgrenzung Gottes aus dem Leben und zu einer zunehmenden Auflösung der Familie führt.“ Gleichzeitig zeigte sich der Papst zuversichtlich, dass sich „viele christliche Familien immer mehr ihrer missionarischen Berufung bewusst“ würden. Die Bischöfe Kroatiens, die den vergangenen Sonntag als „1. Nationalen Tag der katholischen Familien“ begingen, sind seit langem in Sorge um die Familien. Und dies mit gutem Grund: Die Zahl der Sterbefälle liegt in Kroatien seit langem über jener der Geburten, im Jahr 2009 um 8 000. Die Zahl der Eheschließungen ist halbwegs konstant, doch die Scheidungsrate steigt an, allein 2008 um fünf Prozent. 63 Prozent der Ehen wurden vor dem Priester, 37 Prozent vor dem Standesbeamten geschlossen.

Benedikt XVI. appellierte an die Gläubigen, ein Zeugnis für „die Unantastbarkeit des menschlichen Lebens von der Zeugung bis zu seinem natürlichen Ende“ zu geben und die Familien „in ihrer Aufgabe, Kinder zu zeugen und zu erziehen“ zu unterstützen. Die Familien sollten nicht „jener säkularisierten Mentalität nachgeben, die das Zusammenleben als Vorbereitung oder gar als Ersatz für die Ehe propagiert“.

Bei der Vesper in der Kathedrale von Zagreb betete der Papst am Grab des seligen Kardinals Alojzije Stepinac, den er als furchtlosen Hirten und Vorbild an christlicher Standhaftigkeit beschrieb. In dieser Begegnung mit Priestern und Ordensleuten mahnte der Papst eine „klare geistliche, theologische und pastorale Orientierung“ der Priester ebenso wie die Sorge um Priesterberufungen an.

Papst Benedikt XVI. bewies mit seinen Ansprachen vor der Jugend, während der Messe und bei der Vesper mit den Priestern und Ordensleuten, dass er bei aller Wertschätzung für die vitale Volkskirche Kroatiens die drohenden Gefahren nicht übersieht. Seine deutlichste Mahnung an die Gläubigen kleidete er diplomatisch in ein Zitat des Märtyrer-Kardinals Stepinac:„Eines der größten Übel unserer Zeit ist die Mittelmäßigkeit in Fragen des Glaubens.“

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