Die Bekehrung der Mammoniten

Als Vater Staat seine unfähigen Kinder mit der wunderbaren Geldvermehrung erquickte

Von Stephan Baier

In jenen Tagen riefen die Mammoniten zum Staat: „Herr, wir haben gegen dich gesündigt! Wir sind dem Götzen Markt gefolgt. Nun aber erkennen wir, dass du allein allmächtig bist.“ Da erbarmte sich der Staat seines Volkes und er nahm sein Brandopfer an: Mit dem Geld dieser Generation und der nächsten und der übernächsten rettete er mit starker Hand Bank um Bank, Unternehmen um Unternehmen. Zuerst rettete er die Staatsbanken und die halbstaatlichen Banken.

Da erkannten die Mammoniten, dass sie falschen Götzen gehuldigt hatten, dass der Staat allein groß und weise, sie selbst aber klein und töricht seien. Nie mehr wieder wollten sie in wilder Gier hier eine Aktie kaufen, dort eine Fondsbeteiligung zeichnen. Nie mehr wieder wollten sie dem finsteren Aberglauben folgen, dass sich ihr Gott Mammon auf dem freien Markt vermehren könne.

In jenen Tagen gingen jene Mammoniten, die der liberalen Sekte der Kapitalisten angehört hatten, wieder zu den Etatisten über. Sie streuten Asche auf ihre Häupter und legten ihr Geld, das sie in ihrem Wahn an den Börsen investiert hatten, reumütig auf Sparbücher. Der Staat aber segnete die Sparbücher und sprach: „Das alles will ich garantieren, auf dass ihr sparet und nicht spekulieret.“ Die Mammoniten erkannten, dass nur der Staat die Gabe der wunderbaren Geldvermehrung hat.

Damals legte der Staat den Märkten seine heilenden Hände auf. Sie gesundeten von ihrer Habsucht und Gier, ließen ab von ihrem staatsfernen Eifer und ihrem schnöden Gewinnstreben. Da öffnete der Staat auf wundersame Weise die Schleusen des Geldes, und der Teuro strömte aus dem Nichts (wie Strom aus der Steckdose) in Banken und Firmen – in die großen, die riesengroßen und die ganz großen. Und alle Schulden waren vergeben. Und wenn wir nicht gestorben sind, erleben wir es heute.

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24.09.2021, 10 Uhr
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