Washington

Die Achse Trump-Viganò

Der US-Präsident dankt dem umstrittenen Ex-Nuntius für dessen Unterstützung. Und das christliche Amerika diskutiert, ob sich Trump damit eine Gefallen getan hat.

Twitter-Account von Donald Trump
Als Reaktion auf Viganòs Brief twitterte Trump: „So geehrt durch Erzbischof Viganòs Brief an mich. Ich hoffe jeder, ob religiös oder nicht, liest ihn!“ Foto: Z1022/_Patrick Pleul (dpa-Zentralbild)

US-Präsident Donald Trump ist für seine Twitter-Schnellschüsse bekannt. Ob sein über den Kurzmitteilungsdienst verbreiteter Dankesgruß an den italienischen Erzbischof Carlo Maria Viganò aus der Hüfte geschossen war oder eine bewusste Botschaft an sein christliches Kernklientel darstellt, bleibt Spekulation. Auf den offenen Brief, in dem der ehemaligen US-Nuntius sich als begeisterter Trump-Anhänger outete, reagierte der Präsident mit den Worten: „So geehrt durch Erzbischof Viganòs Brief an mich. Ich hoffe jeder, ob religiös oder nicht, liest ihn!“

Vergrault Trump mehr Wähler, als er gewinnen kann?

Seitdem diskutiert das christliche Amerika, ob die neue Achse Trump-Viganò dem Präsidenten eher nutzen oder schaden wird. Zwei Lesarten herrschen vor, die wieder einmal entlang der Frontlinie zwischen Konservativen und Liberalen verlaufen: Letztere behaupten, dass Trump mit seiner Sympathiebekundung für Viganò mehr Wähler vergraulen dürfte, als er gewinnen kann. So kritisierte beispielsweise die Jesuiten-Zeitschrift „America Magazine“, dass Trump nun offenbar gemeinsame Sache mit Verschwörungstheoretikern mache. Das liberale britische Magazin „The Tablet“ wies darauf hin, dass Trumps Tweet die Beziehungen zwischen dem Vatikan und den USA belaste, da Viganò als ausgewiesener Franziskus-Kritiker bekannt sei.

Unter Konservativen hingegen stießen Viganòs Brief und Trumps Reaktion weitestgehend auf zustimmende Begeisterung. Das Magazin „The Spectator“ machte sich die Viganò-Position quasi widerspruchslos zu eigen. Und „The Remnant“, eine traditionalistisch-katholische Nachrichtenseite, sieht in Trumps Würdigung des Viganò-Briefes ein „Zeichen Gottes, dass die traditionell katholische Gegenrevolution nicht umsonst war“. 

Trump ist nicht über das Ziel hinaus geschossen

In dem Brief nimmt Viganò Stellung zu den gegenwärtigen gesellschaftspolitischen Ereignissen in den USA. Die Proteste gegen Rassismus und Polizeigewalt fasst er zusammen mit der Coronavirus-Pandemie als Teil einer großen Weltverschwörung auf, wie er sie bereits in seinem umstrittenen Papier „Veritas liberabit vos“ dargelegt hatte. Das Ziel der derzeitigen Proteste laut Viganò: die gesellschaftliche Ordnung aufzulösen und eine „Welt ohne Freiheit“ zu etablieren. Daher stehe er zum Präsidenten und fordert zum Kampf gegen den „Staat im Staate“ (deep state) und die „Kirche in der Kirche“ (deep church) auf.

Welche Rolle der Brief und Trumps lobende Reaktion im Wahlkampf spielen werden, bleibt abzuwarten. Fest steht: Massive Zugewinne oder Verluste dürfte Trump deswegen nicht verzeichnen, dazu sind die Lager zu geschlossen. Auch wenn viele im liberaleren Spektrum es so deuten: Über das Ziel hinaus geschossen ist Trump wohl auch mit diesem Tweet nicht. Denn die Viganò-Anhänger sind unter konservativen US-Katholiken alles andere als eine zu vernachlässigende Randgruppe. „Lifesitenews“, die Online-Plattform, die Viganòs Brief veröffentlicht hatte, gehört zu den Sprachrohren der konservativen US-Publizistik. Und auch die katholischen Berater Trumps sind dieser Gruppe zuzuordnen.

Franziskus-Kritiker in den USA stärker als hierzulande

Dazu kommt, dass das Lager der Franziskus-Kritiker, zu dem Viganò und Lifesitenews gehören, in den USA eine stärkere Position einnimmt als beispielsweise in Europa, auch wenn Franziskus laut jüngsten Umfragen unter den meisten US-Katholiken noch immer ein gewisses Ansehen genießt. Und man sollte die Bedeutung Viganòs nicht unterschätzen, der in den USA allein durch seine Position als Ex-Nuntius alles andere als ein Unbekannter ist.

Wenn man über Trumps persönliche Meinung spekulieren mag, so könnte man schlussfolgern, dass er der Causa vielleicht doch nicht die allergrößte Bedeutung beimisst. Zumindest setzte er seinen Tweet nicht in Großbuchstaben ab – was er sonst gerne tut, wenn ihm etwas besonders am Herzen liegt. Vielleicht wird der Viganò-Brief in Trumps Wahlkampf also doch nur eine Randnotiz bleiben. 

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