Freising

Die absoluten Verlierer der Corona-Krise

Kollabierende Gesundheitssysteme, isolierte Missbrauchsopfer, verwahrloste Kinder: Das Hilfswerk „Renovabis“ blickt in die sozialen Abgründe der Corona-Maßnahmen

Armut in Serbien
Kinder aus benachteiligten Familien haben in Osteuropa unter den Corona-Einschränkungen vielfach zu leiden. Foto: Britta Pedersen (dpa-Zentralbild)

Die Corona-Krise bestimmte den Kongress des katholischen Osteuropa-Hilfswerks Renovabis in dieser Woche im doppelten Sinn: praktisch, weil er erstmals ausschließlich als Online-Konferenz stattfinden konnte, und inhaltlich, weil die Covid-19-Pandemie mit ihren vielfältigen Folgen für die Seelsorge und die kirchliche Sozialarbeit unter die Lupe genommen wurde. Wider den Trend zur egozentrischen Verengung beleuchtete am Dienstag eine Zoom-Konferenz unter dem Motto „Wenn die Seele aus dem Gleichgewicht gerät“ die psychosozialen Folgen der Pandemie mit Fokus auf Südost- und Mittelosteuropa.

Doppeltes Problem seit den Corona-Maßnahmen

Dass Corona das Leben in Rumänien tiefgreifender veränderte als in Deutschland oder Österreich, zeigte der Caritas-Direktor von Alba Julia, András Márton: 30 Prozent würden im westlichen Ausland arbeiten und Geld nach Hause senden, doch mit Beginn der Corona-Maßnahmen hatten sie ein doppeltes Problem. Die Arbeitsmigranten verdienten kein Geld mehr und lagen zuhause den Angehörigen auf der Tasche. Als Last seien sie wahrgenommen worden, etwa wenn sich zwanzig Personen zwei Wohnräume teilen mussten.

Dramatisch schilderte Márton die „Entfremdung der Entfremdeten“, also der schon bisher Einsamen, der chancenlosen Kinder und der Behinderten. Die medizinische Grundversorgung sei kollabiert, viele Kinder hatten keine Möglichkeit, digital zu lernen, die Hauskrankenpflege war überfordert. Notwendig sei jetzt „ein europäisches Wohlfahrtssystem, eine auch in Krisenzeiten reaktionsfähige Sozialstruktur“, so der Caritas-Chef aus Siebenbürgen.
Die Arbeitsmigration müsse hinterfragt werden, denn sie führe zur Schwächung beider Seiten. Für viele Menschen sei in der Krise das Zuhause nicht Zuflucht gewesen, sondern Gefahr. Márton sprach die häusliche Gewalt an, die soziale Polarisierung und „Debatten im Stil eines Religionskrieges“. Heute seien die staatlichen Unterstützungen rückläufig, doch die Spätfolgen der Krise stünden noch bevor.

Gewalt in den Familien dramatisch gestiegen

Die ungarische Literaturwissenschaftlerin Mária Rudan arbeitet für die Ordensoberenkonferenz ihres Landes und war im Kinderschutzprogramm engagiert. Sie beklagte, dass der Zugang zu Online-Bildungsmitteln durch finanzielle Verhältnisse gefiltert werde. So hätten in Ungarn auf dem Land bis zu 65 Prozent der Kinder keinen Zugang zum Internet oder zu digitalen Geräten. Dramatisch sei die Gewalt in den Familien gestiegen: In Ungarn gebe es jede Woche einen Todesfall durch häusliche Gewalt. 2 000 Frauen seien aktuell betroffen. In Frankreich sei die Gewalt gegen Frauen in der Krise um 30 Prozent gestiegen, in Großbritannien um 45 Prozent. „Durch die Krise ist es zu einer Isolation der Missbrauchten gekommen.“

Gewachsen seien auch die Gefahren des Missbrauchs über das Internet: So habe es in Großbritannien mehr als acht Millionen Fälle von versuchtem sexuellen Kindesmissbrauch während der Corona-Krise gegeben, weil Kinder plötzlich einen dauerhaften, ungefilterten Internetzugang hatten. Nicht nur die Suche nach illegalen und pornografischen Inhalten sei sprunghaft gestiegen, sondern auch der Missbrauch unter Minderjährigen. Weil Kinder mit Lern- und Verhaltensstörungen doppelt benachteiligt waren, müsse sich das Bildungssystem nun umfassend auf das Internetzeitalter vorbereiten, so Rudan. Kinder müssten künftig gleiche Chancen bekommen, unabhängig von ihrer finanziellen Situation. Zudem brauche es neue Wege, Opfern von Missbrauch zu helfen. Der in Sarajevo tätige bosnische Sozialarbeiter und Suchtpräventionsexperte Amir Hasanovic sagte, das Leben der Kinder und Jugendlichen habe sich in kurzer Zeit völlig geändert. Sein Fazit: „Kinder und Jugendliche sind die absoluten Verlierer der Corona-Krise!“

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