Berlin

Deutschlands Fehler in der Corona-Pandemie

Bislang hat Deutschland in der SARS-CoV-2-Pandemie vieles richtig gemacht. Doch schon Goethe wusste: "Wo viel Licht ist, ist starker Schatten." Über fünf schwerwiegende Fehler, die Deutschland in der Pandemie begangen hat - und die Lehren, die wir aus ihnen ziehen sollten.
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Foto: Nicolas Armer (dpa) | Die Pandemie hat Deutschland kalt erwischt. Nötig war das nicht. Denn Bund und Länder hätten gewarnt sein können. Ironischerweise durch niemanden anderen als den Bund selbst.

Wer den internationalen Vergleich betrachtet, kann nur zu einem Ergebnis kommen: In Deutschland müssen Staat und Gesellschaft in der SARS-CoV-2-Pandemie eine ganze Menge richtig gemacht haben. Laut einer kürzlich veröffentlichten Studie von Wissenschaftlern der Universität Tübingen und der Hebräischen Universität Jerusalem, die die (Über-)Sterblichkeit in 94 Ländern untersucht und miteinander verglichen haben, betrug die Übersterblichkeit in Deutschland bis Ende Mai 2021 "nur" vier Prozent. In Österreich lag sie bei elf, in der Schweiz und in den Niederlanden bei jeweils 12 und in Belgien bei 14 Prozent. In Italien betrug die Übersterblichkeit 17, in Großbritannien 18 und in Spanien sowie den USA jeweils 21 Prozent. In Polen lag sie bei 26, in Tschechien bei 29 und in Albanien bei 43 Prozent. Angeführt wird die Liste von Mexico mit 58, Bolivien mit 61 und Ecuador mit 77 Prozent. Trauriger Spitzenreiter ist Peru mit 146 Prozent. Man kann also weit mehr falsch machen als die Deutschen.

Natürlich hat auch Deutschland Fehler gemacht. Das ist gar nicht verwunderlich. Schon Albert Einstein (1878-1955) wusste: "Wer noch nie einen Fehler gemacht hat, hat sich noch nie an etwas Neuem versucht." Und auch wenn es Corona-Viren schon länger gibt, war und ist diese Pandemie doch etwas Neues. Erschwerend kommt hinzu: Viren, die sich pandemisch ausbreiten, tragen nun einmal keine Anleitung zu ihrer Bekämpfung im Tonister. Dennoch war nicht jeder Fehler, den Deutschland bei der Pandemiebekämpfung gemacht hat, auch alternativlos. Manche wären vermeidbar gewesen. Von ihnen wiegen einige schwerer als andere. Wichtiger als zu erörtern, welche Fehler in welche Kategorien fallen, ist jedoch die Frage zu beantworten, was wir aus diesen Fehlern lernen können. Nicht nur, weil bereits der chinesische Philosoph Konfuzius (551 479 v. Chr.) erkannte: "Wer einen Fehler gemacht hat und nicht korrigiert, begeht einen zweiten." Sondern auch, weil diese Pandemie weder vorbei ist, noch die Letzte gewesen sein dürfte. Was also müssen wir in Zukunft unbedingt anders machen? Fünf Lehren, die wir wir aus unseren Versäumnissen ziehen sollten.

Ausreichender Vorrat an Schutzausrüstungen

Fakt ist: Die Pandemie hat Deutschland kalt erwischt. Nötig war das nicht. Denn Bund und Länder hätten gewarnt sein können. Ironischerweise durch niemanden anderen als den Bund selbst. Der hatte Anfang Januar 2013 seinen "Bericht zur Risikoanalyse im Bevölkerungsschutz 2012" (Bundestagsdrucksache 17/12051) vorgelegt. Unter Ziffer 2.3 entwarf er dort "unter fachlicher Federführung des Robert-Koch-Institut und Mitwirkung weiterer Bundesbehörde" neben anderen auch ein Krisenszenario für eine Virus-Pandemie. Abschließend stufte er dieses jedoch als "bedingt wahrscheinlich" und als Ereignis ein, "das statistisch in der Regel einmal in einem Zeitraum von 100 bis 1.000 Jahren eintritt." Ein Fehler, der dem Bund sicher kein zweites Mal unterlaufen wird. Trotz dieses Berichtes fehlte es zu Beginn in Deutschland beinah an allem. Sogar an Desinfektionsmitteln. Ein Tiefschlag für ein Land, das in seiner Blütezeit in den Augen vieler - einschließlich des Auslandes - mit dem Werbeslogan für ein Waschmittel ("nicht nur sauber, sondern rein") durchaus treffend charakterisiert worden wäre. Weit schwerer wog allerdings der Mangel an persönlicher Schutzausrüstung für die im Gesundheitssystem Tätigen.

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Atemschutzmasken, Schutzkittel und -Handschuhe - Fehlanzeige: 115 Millionen medizinische Mund-Nasen-Bedeckungen, 47 Millionen FFP2-Masken, 63 Millionen Schutzkittel, 3,7 Millionen Schutzbrillen und 55 Millionen Packungen mit Einmalhandschuhen fehlten im März 2020 laut Berechnungen des AOK-Bundesverbandes allein den niedergelassenen Ärzten. Da war der Bedarf von Krankenhäusern, Pflege- und Altenheimen sowie mobilen Pflegediensten noch gar nicht mitgerechnet. Altenpflegerinnen berichteten im Öffentlich-rechtlichen Rundfunk, wie sie sich und andere mit selbstgenähten Mund-Nasen-Bedeckungen gegen Ansteckungen zu schützen suchten. Viele dekontaminierten ihre liebevolle Handarbeiten abends bei 70 Grad Celsius für die Dauer von 30 Minuten - im heimischen Backofen.

Selbst auf Intensivstationen herrschte Mangel: "Die Masken, die wir damals hatten, waren so geschnitten, dass ich abends eine Wunde auf der Nase hatte. Wir haben Taucherbrillen aufgesetzt, weil wir noch nicht genug Visiere hatten; die Brillen waren immer beschlagen", erinnert sich Clarissa Grußdorf, examinierte Gesundheits- und Krankenpflegerin und stellvertretende Vorstandsvorsitzende beim "Bochum Bund", einer im Mai 2020 neu gegründeten Gewerkschaft für "beruflich Pflegende".

Ein Grund für den Mangel: Rund "95 Prozent" des weltweiten Bedarfs an medizinischer Schutzausrüstung wird derzeit im chinesischen Wuhan hergestellt, erklärt Axel Theiler, Geschäftsführer der Franz Mensch GmbH in Buchloe. Theiler, weiß wovon er spricht. Das Unternehmen, das er gemeinsam mit seinem Bruder Achim führt, zählt zu Europas führenden Herstellern von zertifizierten Einweg-Produkten. Darunter auch solchen, die in der Pflege und im Krankenhaus zum Einsatz kommen. Produziert wird wegen des "extremen Preisdrucks" jedoch in China. Während Theiler es für ausreichend erachtet, dass Deutschland "einen Jahresbestand auf Lager" hält, fordern andere langfristig den (Wieder-)Aufbau einer Industrie für "besondere Güter der Daseinsvorsorge" innerhalb der Europäischen Union. Die Produktion lebensrettender Güter dürfe eben nicht vom Goodwill anderer Mächte oder konkurrierender Systeme abhängen.

Aufbau einer in Europa produzierenden Arzneimittelindustrie

Das gilt insbesondere für Medikamente. "Lieferengpässe sind ein Thema, das jetzt schon seit Jahren gärt. Und es wird nicht besser, sondern immer schlimmer", sagt Ulrike Holzgrabe, Inhaberin des Lehrstuhls für Pharmazie und Medizinische Chemie an der Julius-Maximilians-Universität Würzburg. Der Grund hier: Europas Pharmakonzerne lassen ihre Produkte in Indien fertigen. Dort befindet sich heute die "Apotheke der Welt". Mehr noch: Die den Präparaten zugrunde liegenden Wirkstoffe kommen längst zu mehr als Zweidritteln (rund 70 Prozent) aus China. Bei den Antibiotika-Wirkstoffen ist die Abhängigkeit noch gravierender: Hier liefert China bis zu 90 Prozent der Wirkstoffe. Produktionsausfälle, bedingt durch einen Lockdown aufgrund einer Epidemie oder eines Exportstopps zur Sicherung des eigenen Bedarfs, können jederzeit zu Versorgungsengpässen führen, mit lebensbedrohlichen Folgen.

Und genau das ist - von der Öffentlichkeit kaum wahrgenommen - während der ersten Welle der SARS-CoV-2-Pandemie auch passiert. Wochenlang standen in China Fabriken still. Indien verhängte - zwecks Versorgung der eigenen Bevölkerung - einen Exportstopp. Die Folge: Die Liste der Medikamente, für die Versorgungsengpässe gemeldet wurden, verzeichnete zeitweise mehr als 400 Einträge. Rund achtmal so viel sonst. Im April 2020 erklärte der Direktor der Intensivmedizin des Universitätsklinikums Hamburg, Stefan Kluge, im ARD-Magazin "Plusminus": "Es gibt schon Krankenhäuser in Deutschland, die kein Propofol mehr haben." Propofol ist ein Narkotikum, das als gut steuerbar gilt und häufig gebraucht wird, wenn Patienten künstlich beatmet werden sollen.

Testen, testen, testen

Zu den Besonderheiten der SARS-CoV-2 Pandemie gehört die hohe Zahl asymptomatischer Verläufe. Was für die Betroffenen eher erfreulich ist, stellt die Allgemeinheit vor ein Problem. Denn von Menschen, die mangels Symptome gar nicht wissen, dass sie sich mit SARS-CoV-2 infiziert haben, geht ein unerkanntes Infektionsrisiko aus. Das einzige, das in solchen Fällen Erfolg verspricht, sind durchdachte Teststrategien. Etwas, das die Vorsitzende des Europäischen Ethikrates, die Kölner Medizinethikerin Christiane Woopen, bereits Mitte des vergangenen Jahres erst vorgeschlagen und später auch verschiedentlich angemahnt hatte. Doch statt auf massenhafte Schnelltests setzte die Politik viel zu lange allein auf Impfstoffe, von denen die ersten "erst" Ende vergangenen Jahres eine europaweite bedingte Zulassung erhielten. Ein verlorenes halbes Jahr, in dem viele Infektionsketten gebrochen und Ansteckungen hätten verhindert werden können. Ein Fehler, der womöglich der Unplausibelste von allen bleiben wird. Denn wenn es möglich ist, Menschen beim Verlassen oder Betreten eines Landes systematisch zu testen, warum dann nicht auch auf Schulhöfen, vor Werkstoren oder den Portalen von Kliniken, Alten- und Pflegeheimen? Zumal immer noch niemand genau zu sagen vermag, wie lange der Impfschutz anhält oder wie zuverlässig er Geimpfte, statt "bloß" vor einem schweren Verlauf auch vor einer Infektion schützt und damit vor der Gefahr, andere anzustecken. Und solange das nicht geklärt ist, solange bleiben massenhafte Schnelltests ein wichtiges Instrument im Kampf gegen die Pandemie und sollten daher auch in Zukunft jedem überall freiwillig und kostenlos   angeboten werden.

Ausbau des Öffentlichen Gesundheitsdienstes

Ein anderes, wirksames Instrument zur Brechung von Infektionsketten, ist die Kontaktnachverfolgung von Personen, die positiv auf SARS-CoV-2 getestet wurden. Eine Aufgabe, die hierzulande von 375 Gesundheitsämtern wahrgenommen wird. Ihre Träger sind - außer im Freistaat Bayern - die Kommunen. Deren Kassen aber sind vielfach leer. So wundert es eigentlich kaum, dass einige Gesundheitsämter auch nach über einem Jahr kaum mehr als die gleiche Zahl von Kontaktnachverfolgung zu bewältigen vermögen, wie zu Beginn der Pandemie (50 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner). November vergangenen Jahres hat das Barmer Institut für Gesundheitssystemforschung gemeinsam mit der Robert Bosch Stiftung und der Bertelsmann Stiftung Ende eine "Zwischenbilanz nach der ersten Welle der Corona-Krise 2020" vorgelegt. In ihr wird, freundlich im Ton und doch unmissverständlich eine der größten Schwachstellen im Kampf der Bundesrepublik gegen die SARS-CoV-2-Pandemie identifiziert: "Der Öffentliche Gesundheitsdienst (ÖGD) braucht eine entsprechende Personalausstattung, insbesondere um die Kontaktnachverfolgung, Anordnung und Kontrolle von Quarantäne und Durchführung von Test zu gewährleisten: Nur wenn es gelingt, den ÖGD mit entsprechenden personellen, technischen und finanziellen Ressourcen auszustatten, ist sichergestellt, dass auch eine adäquate Kontaktnachverfolgung gewährleistet werden kann." Ein Flaschenhals, der aufgebohrt und der, weil er allen mehr Freiheiten trotz höherer Inzidenzen ermöglichen würde, auch gemeinschaftlich finanziert gehört. Ein erster Schritt dazu wurde inzwischen unternommen. Im September 2020 einigten sich Bund und Länder für einen Zeitraum von sechs Jahren auf einen rund vier Milliarden Euro schweren Pakt für den ÖGD. Das klingt viel, ist es aber nicht.

Wissenschaftliche Politikberatung verbreitern

In den sogenannten sozialen Medien wird gern der Eindruck erweckt, als gäben Virologen und Epidemiologen während der Pandemie den Ton an. Das ist falsch. In Wirklichkeit hat in Deutschland nie ein Zweifel daran bestanden, wer Koch und wer Kellner ist. Wissenschaftler legten Berechnungen vor und sprachen Empfehlungen aus, Politiker entschieden und übernahmen die Verantwortung für die getroffenen Entscheidungen. Kritikwürdig ist auch nicht, dass sich Politiker bei einer Viruspandemie von Virologen und Epidemiologen beraten lassen. Kritikwürdig ist, dass sie bislang ganze Wissenschaftszweige dabei außen vorgelassen und die Kollateralschäden nicht systematisch in den Blick genommenen haben.

Kein Dashboard, das über die Zahl der Menschen informiert, die sich im Verlauf der Pandemie in psychologische oder psychiatrische Behandlung begeben haben. Keines, das über den Stand von Insolvenzen oder der Aufgaben von Unternehmen Auskunft gäbe. Keine Pressekonferenz, in der über die Zunahme von häuslicher Gewalt, wachsenden Alkoholismus und Drogenkonsum informiert würde. Und schon gar kein Gipfel, auf dem Politiker und Wissenschaftler gemeinsam die Frage ventilierten, was eigentlich Eltern mehrerer Kinder oder gar Alleinerziehenden hülfe, Homeschooling und Homeoffice zu bewältigen? Oder was es mit Menschen macht, die sich von ihren sterbenden Angehörigen nicht verabschieden konnten, weil Quarantänezonen in Alten- und Pflegeheime nicht zum Standard zählen? Nicht, dass sich Psychologen, Erziehungswissenschaftler, Soziologen und Volkswissenschaftler in der Pandemie gar nicht zu Wort gemeldet hätten. Doch in der wissenschaftlichen Politikberatung spielen sie, ebenso wie die genannten Themen, bislang keine Rolle. Auch das muss sich ändern. Und zwar dringend.

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