Bekehrung

Deutscher Afghanistan-Veteran vom Krieg gezeichnet

Viele Soldaten erkranken nach Einsätzen an einer Posttraumatischen Belastungsstörung. So auch der Afghanistan-Veteran Tobias Heike. Doch Therapie und Glaube halfen ihm darüber hinweg.
Tobias Heike
Foto: Annemarie Engel | Tobias Heike in einer evangelischen Kirche in Wanderup. Der Offizier fand während seinem Afghanistan-Einsatz zum Glauben.

Eine lange Schlange am Supermarkt - und auf einmal wird der Korridor immer enger, die Wände rücken näher, der Fokus verdichtet sich. Das Herz fängt an, merklich zu schlagen, wird immer schneller. Kalte Schweißtropfen rinnen die Stirn herab, verdichten sich zu einem Strom. Denn wo viele Menschen sind, lauert die Gefahr. Zumindest für Tobias Heike. Fünf Monate war die Gefahr sein ständiger Begleiter: 2011 war er als Oberleutnant der Luftwaffe in Afghanistan eingesetzt.

Neben der Ausbildung von Soldaten für Extremsituationen war er dafür zuständig, die Kameraden nach Anschlägen wieder ins Camp zu bringen – tot oder lebendig. Das Gesehene, das Gehörte, das Erlebte hinterließ seine Spuren. Heike erkrankte an einer Posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS). Doch das wollte er lange nicht wahrhaben.

Zunächst, so beschreibt der 38-Jährige, der inzwischen als Offizier an der Marineschule Flensburg Soldaten ausbildet, habe er mit den üblichen Folgeerscheinungen des Einsatzes zu kämpfen gehabt: „Es war erstmal komisch für mich, nicht bewaffnet zu sein. Mein Körper und mein Geist hatten noch nicht umgeschaltet auf ,du bist wieder in Sicherheit‘, aber mein Schutz war weg.“ Die anfänglichen Angstreaktionen gingen mit der Zeit jedoch nicht weg, sie wurden zum ständigen Begleiter. „Ich habe kein Interesse mehr gehabt, in großen Menschenmengen zu sein.“ Immer, wenn seine Frau vorschlug, auf einen Jahrmarkt zu gehen, wollte er nicht mit. Dementsprechend zog er sich aus sozialen Situationen immer mehr zurück. Der scheinbar einzig logische Ausweg: Die Flucht in den Beruf. Die bekannten Abläufe gaben Heike das Gefühl, die Dinge unter Kontrolle zu haben.

Dass Heike es gewohnt ist, die Dinge unter Kontrolle zu haben, merkt man ihm an: Er tritt selbstbewusst auf: geht aufrecht, spricht klar und deutlich. Als seine kleine Tochter versucht, den Raum zu betreten, sagt er liebevoll, aber bestimmt: „Nicht jetzt.“ Und wiederholt es mit Nachdruck, als sie es noch einmal versucht. Seine blonden Haare sind in einem sauberen Scheitel nach rechts gegelt, unter seiner marineblauen Tommy Hilfiger-Weste zeichnen sich durchtrainierte Schultern und Arme ab, die von diszipliniertem Training zeugen.

Kontrollverlust

Umso schlimmer war es für ihn, feststellen zu müssen, nicht mehr die vollständige Kontrolle über sich zu haben: „Ich selbst habe die Krankheit stigmatisiert. Man will einfach nicht krank sein, vor allem nicht psychisch. Denn als Soldat und vor allem als Offizier möchte man Vorbild sein.“ Sieben Jahre hat es gedauert, bis Heike wegen seiner Posttraumatischen Belastungsstörung einen Arzt aufsuchte. Als Heike dem Truppenarzt seine Symptome schilderte, sei er zu einem Experten geschickt worden, der ihm Posttraumatische Belastungsstörungen (PTBS) diagnostizierte. Erst nach Beginn der Therapie konnte Heike sich selbst eingestehen: „Du hast PTBS.“

Bei vielen Soldaten vergehen mehrere Jahre, bevor die Erkrankung diagnostiziert werde, erklärt der Leiter des Bundeswehrkrankenhauses in Berlin, Peter Zimmermann, im Gespräch mit der „Tagespost“: „Es gibt Soldaten, die bereits nach einigen Monaten kommen, weil sie einfach nicht akzeptieren wollen, dass sie nachts nicht mehr schlafen. Es gibt aber auch immer wieder Soldaten, die erst nach 20 Jahren zu uns kommen.“

Dabei sind posttraumatische Erkrankungen bei Soldaten, die aus einem Einsatz zurückkehren, ein weit verbreitetes Phänomen: Allein zwischen 2009 und 2013 erkrankten 20 Prozent der aus Afghanistan zurückkehrenden Soldaten an psychischen Störungen, wie eine epidemiologische Feldstudie der Bundeswehr ergab. In den letzten Jahren ist die Zahl der Soldaten, die sich ausschließlich wegen PTBS in Behandlung befinden, stetig gestiegen, obwohl weniger Soldaten im Einsatz waren. So waren 2020 zwar rund 5.000 Soldaten weniger im Einsatz, als noch 2018, doch der relative Anteil derer, die sich wegen PTBS in Behandlung begab, ist um rund 0,8 Prozent angestiegen. Dabei sind damit noch längst nicht alle Betroffenen von posttraumatischen Störungen erfasst: „Die Zahl derer, die sich in Behandlung begeben, ist sehr viel niedriger als die Zahl derer, die tatsächlich betroffen sind“, so Zimmermann.

Weil die Zahl der an PTBS Erkrankten, die sich nicht in eine therapeutische Behandlung begeben, nicht erfasst werde, könne zudem nicht eingeschätzt werden, wie viele der Betroffenen insgesamt noch berufsfähig seien. Die Soldaten, die ihrer Tätigkeit nicht mehr nachgehen können, würden – ebenso wie im zivilen Bereich – in die Rente geschickt. Betroffenen, die nur auf eine bestimmte Zeit bei der Bundeswehr gedient haben und nun einen Beruf in der Zivilgesellschaft ausüben, stünden nach anerkanntem Wehrdienstbeschädigungsantrag die gleichen Therapiemöglichkeiten offen, wie denen, die sich bei der Bundeswehr verpflichtet haben, betont der Oberstarzt.

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Allerdings, so merkt der Vorsitzende des Bundesverbands der Deutschen Einsatzveteranen, Bernhard Drescher, gegenüber der „Tagespost“ an, dauerten die Verfahren der Anerkennung eines solchen Antrags bei seelischen Verwundungen durch die Bundeswehr zweieinhalb Jahre und länger. Aus seiner eigenen Erfahrung mit den Betroffenen, die der Verband begleitet, schildert Drescher: „Der Dienstherr versucht zu beweisen, dass diese Schwerbehinderung nicht unbedingt aus dem Einsatz kommt. Und das führt zu einem lang andauerndem Verwaltungskrieg, der auch kontraproduktiv zur teilweise parallel laufenden Therapie ist. Bei allen Veteranen und ihren Familien, die wir betreuen, gab es kein einziges Verfahren, das problemlos abgeschlossen wurde.“

Rückfall

Auch mit dem Abzug aus Afghanistan und den Evakuierungen brechen alte Wunden wieder auf. So auch bei Tobias Heike. Nach eineinhalb Jahren Therapie glaubte er, die PTBS überwunden zu haben, doch mit der ständigen Präsenz des Themas in den Medien kehren die Erinnerungen und damit auch die Alpträume zurück. „Ich bin nachts oft aufgewacht, habe dann geschaut, ob die Türen abgeschlossen sind und das Haus auch wirklich sicher ist. Weil mein Adrenalinpegel dann so in die Höhe geschossen ist, war die Nacht ab drei Uhr oft vorbei.“

Dunkle Ringe, die sich um Heikes Augen herum abzeichnen, zeugen von den jahrelangen Schlafstörungen. Seine hellblauen Augen heben sich stark davon ab, wirken fast schon gläsern, durchsichtig. Obwohl Heike oft lächelt, sogar auch mal lacht, erreicht das Lächeln doch nie seine Augen, sie bleiben ausdruckslos.

Lichtblick

Doch die Begegnung mit dem Tod bringt auch neue Hoffnung in Heikes Leben: In Afghanistan suchte Heike beim Klavierspielen in der Lagerkirche Ablenkung vom Krieg und schloss sich dem Lagerchor an. Neben Gottesdiensten begleitete er auch Trauerfeiern. Obwohl Heike durch seine gläubige Frau bereits Kontakt mit dem christlichen Glauben hatte, sind es die Worte des Seelsorgers, die ihn zum Nachdenken bringen: „So habe ich gemerkt: Es gibt Hoffnung, der dunkle Abgrund Tod, vor dem man steht, ist nicht das Ende.“ Der Glaube begleitet den Rest von Heikes Einsatz: Er fängt an, in der Bibel zu lesen, sich nach einer Glaubensgemeinschaft zu sehnen.

Auch der religiöse Rahmen bei den Nachbereitungsseminaren, bei denen die rückkehrenden Soldaten wieder an ihr Umfeld gewöhnt werden sollen und bereits auf psychische Krankheiten geprüft werden, sei für die Soldaten wichtig – auch für solche, die nicht christlich sozialisiert sind, sagt die im Seelsorgereferat der Bundeswehr tätige Petra Hamann gegenüber der „Tagespost“. Durch die liturgischen Angebote könnten die betroffenen Soldaten zudem auf der transzendenten Ebene erreicht werden: „Bei den Rückkehrern kann so vieles aufbrechen, was durch ein Gespräch allein vielleicht nicht passiert.“

Am Ende des Tunnels

Für Heike, der inzwischen berufsbegleitend evangelische Theologie studiert und überlegt, Pastor zu werden, war der neu gewonnene Glaube eine wichtige Stütze, um mit seiner Erkrankung umzugehen: „Ich konnte zwar weniger Trost aus meinem Glauben ziehen, wenn ich wirklich tief in einer Depression steckte, aber ich hatte immer das Gefühl, nie ganz auf dem Boden aufzuschlagen. Viele Soldaten, die an PTBS erkrankt sind, sagen, dass sie das Gefühl haben, dass niemand nachvollziehen kann, was sie durchleben. Aber durch meinen Glauben kann ich im Gebet darüber reden und weiß, es ist Verständnis da, ich werde angenommen mit dem, was ich habe und ich weiß, dass ich nie alleine bin.“

Während der Offizier in seine Vergangenheit zurückblickt, wird seine Stimme nicht brüchig, er hat keine Tränen in den Augen, er räuspert sich nicht, er schaut nicht verlegen weg. Vielmehr schaut er einen durchdringend an, als wollte er sich selbst und dem Trauma beweisen, dass er darüber sprechen kann, dass er es besiegt hat.


PTBS gehören zu einer Gruppe von Posttraumatischen Erkrankungen. Sie sind die mit am häufigsten thematisierte und diskutierte psychische Folgeerkrankung, wenn auch nicht die am meisten auftretende. In der Regel drängen sich Erinnerungen an das traumatische Ereignis durch Trigger oder Alpträume auf.

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