London

Der unfassbare Boris Johnson

Trotz aller Turbulenzen hält sich der britische Premierminister Boris Johnson im Sattel. Über seine Religion spricht der Katholik nicht öffentlich.
Boris Johnson
Foto: Daniel Leal-Olivas (PA Wire) | Die einen sehen in ihm einen Clown, die anderen eine Art Churchill 2.0, der vor Charisma nur so trieft. Boris Johnson lässt mit seiner Lust an der Selbstinszenierung jedenfalls keinen kalt.

Als Boris Johnson vor gut zwei Jahren ins Amt des Tory-Parteivorsitzenden und dann zum britischen Premierministers gewählt wurde, prophezeiten ihm viele ein baldiges Aus. Immer tiefer verhedderte sich die britische Regierung in den schier unlösbaren Fallstricken der Brexit-Querelen. Das Parlament rebellierte, nichts ging vorwärts, der Premier schien in einer Sackgasse. Johnson könnte der Premierminister mit der kürzesten Amtszeit in der Geschichte Großbritanniens werden. Nur zwei, drei, vier Monate – dann ist es vorbei?

Die Impfkampagne rettete sein politisches Leben

Zwei Jahre später sitzt Boris, wie er landauf und landab genannt wird, noch immer im Sattel – und zwar sogar ziemlich fest. Er hat Krisen durchgemacht, die ihn fast sein Leben kosteten, namentlich seine schwere Corona-Erkrankung im April 2020, als er auf der Intensivstation des St. Thomas‘ Hospital, an der Themse gegenüber von Westminster, fast erstickte. 2020 schien er im Herbst politisch so schwer angeschlagen, dass über eine vorzeitige Ablösung, etwa durch den beliebten jungen Finanzminister Rishi Sunak spekuliert wurde.

Aber die erfolgreiche Impfkampagne, die schneller und besser als in den EU-Ländern organisiert war, hat ihm das politische Leben gerettet und dem Land nach der schrittweisen Öffnung und Beendigung der Corona-Restriktionen ein erstaunliches wirtschaftliches Comeback ermöglicht. Johnson erlebte einen „Vaccine Bounce“, einen Höhenflug dank der Impfungen. Und er hat familiäre Glücksmomente erlebt. Carrie Symonds, die als „First Girlfriend“ im Dezember 2019 in die Downing Street 10 einzog und die er im Mai 2020 ehelichte, ist nun schon zum zweiten Mal schwanger. Für Johnson wird es das vermutlich siebte Kind – so ganz genau weiß es die Öffentlichkeit nicht.

Die Eheschließung mit Symonds und zuvor die Taufe ihres ersten gemeinsamen Kindes Wilfried, kurz nach Johnsons Corona-Erkrankung, fanden in geheimen Zeremonien in der Westminster Cathedral statt, der Hauptkirche der katholischen Kirche im Königreich. Als das an die Öffentlichkeit drang, kam den meisten wohl überhaupt erstmals ins Bewusstsein, dass Johnson römisch-katholischen Konfession ist. Zum ersten Mal seit Jahrhunderten sitzt ein Katholik auf dem Regierungschefsessel. Durchaus bemerkenswert in dem Land, in dem Heinrich VIII. vor fünfhundert Jahren mit dem Papst brach, 1534 eine brutale Reformation einführte und seine eigene anglikanische Kirche geformt hat.

Der Monarch darf nicht katholisch sein

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Über Jahrhunderte litten Katholiken in Großbritannien und Irland unter Repressionen und Diskriminierung. Fast dreihundert Jahre lang durften sie keine Parlamentssitze einnehmen. Per Gesetz ist es bis heute verboten, dass der Monarch katholischen Glaubens ist. Der „Roman Catholic Relief Act“ von 1829 brachte zwar eine weitgehende Emanzipation und rechtliche Gleichstellung für Katholiken, er verbietet aber, dass sie den Monarchen bei Bischofswahlen beraten (diese Aufgabe des Premiers muss Johnson nun delegieren). Nur sieben bis acht Prozent der englischen Bevölkerung, darunter viele polnische Zuwanderer, sind heute katholisch.

Johnson ist sicherlich kein regelmäßiger Kirchgänger, einen besonders katholischen Lebenswandel kann man dem Lebemann mit zahlreichen Liebschaften und Affären nicht nachsagen. Die Ehe mit Symonds konnte er nach zwei Scheidungen nur deshalb kirchlich schließen, weil die ersten zwei Ehen bloß standesamtlich geschlossen worden waren. Dennoch scheint ihm der katholische Glaube etwas zu bedeuten. Was genau, hält Johnson geheim. „Ich diskutiere diese tiefen Fragen nicht (öffentlich), schon gar nicht mit Ihnen“, schnauzte er einen neugierig nachbohrenden Journalisten an. Die breite Öffentlichkeit interessiert sein Glaube auch nicht.

Johnsons Aufstieg hat etwas Wundersames, er fasziniert und polarisiert wie kaum ein anderer Politiker in Europa: Viele lieben ihn auf der Insel, anderen hassen ihn. Johnson hat es geschafft, als Politiker eine neue Kategorie mit eigenen Merkmalen zu schaffen, die sich durch Selbstironie, Witz, Charisma, Draufgängertum, Skrupellosigkeit und ideologische Flexibilität auszeichnet. Er schafft es, Volksnähe auszustrahlen, liebt den direkten Kontakt mit Wählern, schlagfertige Wortwechsel.

Johnson ist ideologisch flexibel

Unter Johnson sind die Tories tief in die einstigen Arbeiter- und Industrie-Wahlbezirke im früheren Labour-Land im englischen Norden eingebrochen. Die „Rote Wand“ ist nun weitgehend mit Tory-Blau eingefärbt. In Massen desertierten Labour-Wähler, die für den Brexit gestimmt hatten; Labour erlebte 2019 unter dem linksradikalen Parteichef Jeremy Corbyn ein Debakel. Auch der Corbyn-Nachfolger Keir Starmer tut sich schwer, seine Partei wird bis heute von Grabenkämpfen zwischen Linksradikalen und dem gemäßigten Lager zerrissen.

Brexit hat die Parteienlandschaft tief umgepflügt, Eliten-kritische einfache Leute stimmten für „Boris“ und seine Versprechen, den EU-Austritt endlich über die Bühne zu bringen („Get Brexit Done“) und das Land wirtschaftlich neu zu beleben. „Levelling up“ verspricht er: Die abgehängten altindustriellen Gebiete sollen durch staatliche Investitionen mehr am Wohlstand teilhaben. Der ideologisch flexible Johnson, in dessen Kabinett überzeugte Thatcher-Anhänger und Marktwirtschaftler sitzen, hat den strikten Sparkurs seiner Vorgänger beendet, lässt sich von hohen Defiziten nicht schrecken und gibt Geld mit vollen Händen aus, was zu Konflikten mit seinem Finanzminister Sunak führen dürfte. Aber auch Gegner müssen zugestehen: „Boris“ hat frische Ideen in die Politik gebracht, so dass auch nach elf Jahren Tory-Regierung keine Wechselstimmung aufkommt. Heftige Vorwürfe der Korruption und Vetternwirtschaft bei Aufträgen in der Corona-Krise schaden den Tories bislang nur wenig. Johnson ist für die Opposition schwer fassbar.

Die völlige Neuordnung der Parteienanhängerschaft, wo nun die Tories die Partei der „kleinen Leute“ sind, während Labour nur in linksgrünen Akademikerzirkeln und bei „woken“ Progressiven punktet, ist umso erstaunlicher, als Johnson selbst von elitärer, kosmopolitisch-extravaganter Herkunft ist. Geboren 1964 als Alexander Boris de Pfeffel Johnson, dessen Vorfahren teils französische und türkische Wurzeln besaßen, hat der heutige Premier seine Jugend in London, Washington und Brüssel verbracht, ging aufs Eliteinternat Eton und studierte anschließend klassische Philologie in Oxford. Bis heute zitiert er gern lateinische oder altgriechische Autoren.

Keine Angst vor Blamagen und schrägen Bildern

Trotz des elitären Hintergrundes nehmen ihm die Wähler ab, dass er ein unkonventioneller Vertreter der Tories ist: Seine Stilmittel sind Selbstironie und Witz, den absichtlich verstrubelten Blondschopf, sein Markenzeichen, nehmen Karikaturisten dankbar auf. Johnson, der als Journalist (trotz Rückschlägen und einer Entlassung wegen falscher Zitate) Karriere machte, 2008 bis 2016 recht erfolgreich als Londoner Bürgermeister amtierte, hat keine Angst vor Blamagen oder schrägen Bildern, etwa wenn er sich an einer Seilbahn aufhängen ließ und dann wie ein Käfer mit Armen und Beinen strampelnd das Union-Jack-Fähnchen schwenkte.

Linksliberale Gegner verachten ihn als Polit-Clown, auch im Ausland wurde er oft so missverstanden. Doch hinter der witzigen, chaotisch wirkenden Fassade steckt auch ein gnadenlos berechnender Politiker, der seine Schritte kühl bedacht hat, vor allem als er sich entschied, beim Brexit-Referendum zum Wortführer der „Leave“-Kampagne zu werden. Der Brexit, vollzogen zum 31. Dezember 2020 mit dem Abschied vom EU-Binnenmarkt, hat zwar manchen Schaden für den Handel und Investitionen angerichtet, doch wird dies alles überdeckt durch Corona. Erst fiel Großbritannien in eine der schlimmsten Rezessionen seit Menschengedenken, in diesem Jahr glückt dem Land jedoch dank der erfolgreichen Impfkampagne ein bemerkenswertes Comeback. Um bis zu acht Prozent könnte die Wirtschaft wachsen und Ende 2021 das Vorkrisenniveau wieder erreicht haben, schätzt die Notenbank.

Johnson hat den 19. Juli zum „Freiheitstag“ erklärt, an dem in England fast alle gesetzlichen Corona-Beschränkungen aufgehoben wurden. Das war ein riskantes Spiel, zumal die Infektionen – getrieben von der Fußball-Europameisterschaft und hohen Ansteckungszahlen unter Zuschauern – Mitte Juli mit mehr als 54 000 an einem Tag einen Höhepunkt erreichten. Doch entgegen düsteren Prognosen sind sie danach gefallen. Auch Epidemiologen wie Neil Ferguson, der zuvor stets für Lockdowns, Restriktionen und Vorsicht warb, geben sich nun überrascht und optimistisch.

Der Zug in die Freiheit und die Überwindung der Corona-Krise in Britannien könnte glücken. Trotzdem ist Johnson derzeit nicht obenauf. Verschmerzen kann er den Rachefeldzug seines ehemaligen Chefberater Cummings. Mehr geschadet hat ihm sein ungeschicktes Verhalten in mehreren Affären, etwa beim Rücktritt seines Gesundheitsministers Hancock (der wegen „Bruch sozialer Abstandsregeln“, faktisch Ehebruch im Ministerium gehen musste) oder beim Versuch Johnsons, die Quarantäneregeln nach Corona-Kontakten zu umgehen. Johnsons Beliebtheitswerte sind zuletzt wieder gefallen. So geht es auf und ab. Doch der 57-Jährige ist wie ein politisches Stehaufmännchen, nach Stürzen kommt er wieder auf die Beine. Der schon mehrfach politisch Totgesagte wird nicht so schnell kleinzukriegen sein.

Der Autor ist Wirtschaftskorrespondent der Frankfurter Allgemeinen Zeitung in London.

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