Der Riss von Smolensk

Am 10. April jährt sich der Absturz der polnischen Präsidentenmaschine Von Stefan Meetschen

Warschau (DT) Zu den Grundregeln des Journalismus gehört es, bei einem kontroversen Thema beide Seiten zu Wort kommen zu lassen. Schön zusammengefasst in dem alten Rechtsgrundsatz des römischen Stoikers Seneca: „Audiatur et altera pars“, sprich – Man höre auch die andere Seite. Dass dieser kluge Rat nicht automatisch zu einer schnellen Übersicht oder Klärung eines Sachverhaltes führt, zeigt der Flugzeugabsturz im russischen Smolensk, bei welchem am 10. April 2010 die Maschine des damaligen polnischen Präsidenten Lech Kaczynski mit 95 weiteren polnischen Prominenten aus Politik, Armee und Kirche bei der Landung im dichten Nebel abstürzte. Seitdem überschlagen sich in Polen nach anfänglicher Sprachlosigkeit die Wortmeldungen von der einen und der anderen politischen Seite, und längst geht es bei Smolensk nicht nur um Trauer und Andacht: Smolensk ist ein Politikum geworden, das drastisch verdeutlicht, wie gespalten die polnische Gesellschaft 20 Jahre nach dem Ende des Kommunismus tatsächlich ist. Getreu dem Motto: Sage mir, was Du über Smolensk denkst, und ich sage Dir, wo Du politisch stehst.

Denn: Während für viele liberale Polen der Absturz von Smolensk mittlerweile ein zwar tragischer, aber eben nicht zu ändernder, selbstverschuldeter Unfall ist, sehen konservative Polen nach wie vor dringenden Klärungsbedarf bei der Absturzursache. Die Erklärung der russischen Regierungskommission, die im Januar dieses Jahres allein den polnischen Piloten die Schuld an dem Unglück gab, überzeugt diese Polen nicht. Sie halten die russischen Fluglotsen für mitschuldig, kritisieren die fehlende Transparenz und Kooperationsbereitschaft der russischen Ermittler. Öffentlich angeführt wird diese Fraktion der Skeptiker von Kaczynskis Tochter, Marta Kaczynska, die sogar so weit geht, ein Attentat als Erklärungsursache nicht auszuschließen. „Ich bin keine Anhängerin von Verschwörungstheorien, aber nach dem aktuellen Stand der Ermittlungen gibt es noch sehr viele Fragen“, so Marta Kaczynska gegenüber den polnischen Medien.

Besonders der just zur Absturzzeit einsetzende und dann wieder verschwindende Nebel löst bei ihr und ihren Anhängern Zweifel an der offiziellen russischen Darstellung aus, die zu Beginn nur sehr zögernd von der polnischen Regierung übernommen wurde; Premier Donald Tusk etwa verzichtete am Tag der Veröffentlichung auf eine direkte Stellungnahme. Danach trat er fast widerstrebend vor die Mikros und Kameras. Inzwischen hat die polnische Regierung aber die Sichtweise der russischen Kommission und des jetzigen polnischen Präsidenten Bronislaw Komorowski übernommen. Die russische Erklärung wird akzeptiert.

Zum Ärger des Zwillingsbruders des verunglückten Präsidenten, Oppositionsführer Jaroslaw Kaczynski, der aus Anlass des bevorstehenden Jahrestages des Absturzes bei einem Treffen seiner Partei PiS (Recht und Gerechtigkeit) mächtig auf die Regierung einschlug. Er wirft Tusk vor, den alleinigen Ermittlungen durch Russland zugestimmt zu haben, sich im wahrsten Sinne des Wortes vom russischen Premier Wladimir Putin umarmt und eingewickelt haben zu lassen, anstatt eine unabhängige, internationale Kommission einzuschalten. Wobei Kaczynski seine Trauer nach wie vor regelmäßig für demonstrative Medienauftritte vor dem Präsidentenpalast instrumentalisiert, was auch manchen Russen-Skeptikern mittlerweile übel aufstößt. Zu durchsichtig ist das politische Kalkül.

Inzwischen hat sich auch der Warschauer Kardinal Kazimierz Nycz in die Debatte der verfeindeten Lager eingemischt und daran erinnert, dass nach der kirchlichen Tradition die Trauerzeit ein Jahr nach der Katastrophe ende. „Der Friedhof ist weder unser Heiligtum noch unser Haus. Wir kommen dort zwar hin, um unsere Nächsten zu beweinen, aber es kommt der Moment, in dem wir zum alltäglichen Leben zurückkehren müssen.“ Was natürlich richtig ist, jedoch ein bisschen außer acht lässt, dass der Absturz gerade im Rahmen einer jahrzehntelangen, von den Kommunisten lange verdrängten Trauer stattfand: Die verunglückten Maschineninsassen befanden sich bekanntlich auf dem Weg nach Katyn, um der Opfer des Massakers an 22 000 Polen im Jahre 1940 zu gedenken.

Genau dort wird am 11. April Präsident Komorowski mit seinem russischen Amtskollegen Dmitrij Medwedjew zusammen kommen, um der Opfer von Katyn zu gedenken. Bereits am Vortag des Jahrestages von Smolensk, am 9. April, wird seine Ehefrau Anna mit Angehörigen der Opfer zum Unglücksort reisen, um dort der Toten zu gedenken. Wobei einige Angehörigen demonstrativ zuhause in Polen bleiben wollen. So tief geht der Riss inzwischen. Hilfreiche, richtungsweisende Worte sind dagegen von der Polnischen Bischofskonferenz zu vernehmen: In einem aktuell veröffentlichten Schreiben wird daran erinnert, dass auch Trauer niemals auf Liebe verzichten dürfe und dass mit dem Grab noch nicht die letzte Dimension des Lebens erreicht sei. Will sagen: Man höre und sehe auch die himmlische Seite.

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