Der Präsident mag es roh

Philippinen: Wie Rodrigo Duterte das Inselreich von Kriminellen befreien will. Von Klaus Wilhelm Platz
ilipino President-elect Rodrigo Duterte appoints cabinet
Foto: dpa | Hält die Ermordung korrupter Journalisten für vertretbar: Rodrigo Duterte.

Mit Empörung haben Journalistenvereinigungen auf Äußerungen des designierten philippinischen Präsidenten reagiert, die Ermordung korrupter Journalisten sei gerechtfertigt. Rodrigo Duterte, der als ungehobelter politischer Außenseiter von der Südinsel Mindanao des philippinischen Archipels kommt, war vor knapp einem Monat – wie allgemein erwartet, aber auch von vielen befürchtet – mit einer sicheren Mehrheit zum Präsidenten gewählt worden. Vergangene Woche wurde er in diesem Amt offiziell bestätigt, das er am 30. Juni antreten soll.

Der künftige Präsident hatte auf einer Pressekonferenz während des Wahlkampfs Kopfgelder auf die Tötung von Rauschgifthändlern ausgesetzt: für die Festnahme oder Tötung eines einfachen Dealers hat er umgerechnet 1 000 Euro angekündigt, für einen „Organisator“ rund 19 000 und für einen Drogenboss fast 58 000 Euro.

Vor seiner Wahl hatte Duterte den hundert Millionen Philippinern versprochen, innerhalb von sechs Monaten „aufzuräumen“ oder – falls ihm dies nicht gelänge – zurückzutreten. Kleinkriminelle wolle er „alle umbringen“. Wer von ihnen nicht verschwinde, sei in Lebensgefahr. Den kurzen Prozess mit Kriminellen hat Duterte als jahrzehntelanger Bürgermeister seiner Heimatstadt Davao vorexerziert: Dort sind in den letzten achtzehn Jahren über 1 400 Menschen umgebracht worden, ohne dass jemand hierfür zur Rechenschaft gezogen wurde. Menschenrechtsaktivisten machen hierfür Killerbanden verantwortlich, die mit dem Einverständnis des Bürgermeisters gehandelt hätten.

Als neue Vizepräsidentin machte in einem getrennten Wahlgang Leonor „Leni“ Robredo knapp vor Senator Ferdinand Marcos – einem Präsidentenenkel – das Rennen. Sie rettete damit sozusagen „die Ehre der traditionellen philippinischen Eliten“ und der Liberalen Partei des abtretenden Präsidenten Benigno Aquino, der Sohn eines früheren Präsidenten ist. Duterte war bei der Wahl als Außenseiter aus der tiefsten Provinz in der Hauptstadt Manila angetreten. Aber von der ersten Stunde an lag der Bürgermeister von Davao in Umfragen vorne und distanzierte seine eher blassen Konkurrenten Manuel Roxas und Grace Poe – die Adoptivtochter eines berühmten Schauspielers – um mehrere Millionen Stimmen. Falls der „rohe Bursche“ aus der Provinz als unerfahrener neuer Präsident zu Fall gebracht würde, rückt ihm nach der Verfassung die Vizepräsidentin im Amt nach. Die beiden verstehen sich politisch und persönlich ausgesprochen schlecht.

Während die ausländische Presse im Allgemeinen zu Duterte bereits auf Distanz geht, finden eine Reihe von Blättern seine Idee einer Föderalisierung der Philippinen interessant. Angesichts der jahrzehntealten Aufstände und islamischen Unruhen auf den äußeren Inseln, vor allem Mindanao, wäre die Schaffung eines philippinischen Bundesstaates und der Abbau der starken zentralen Rolle Manilas zumindest zu erwägen. Auch sprachlich bildet das Land keine wirkliche Einheit. Fast die Hälfte der Philippiner spricht das mit malaiischen Sprachen verwandte Tagalog, das auch die Grundlage der offiziellen Staatssprache Filipino ist. Der Rest spricht eine der nicht weniger als 988 lokalen Sprachen. Umgangssprache in Politik und Wirtschaft ist Englisch. Personennamen sind meist spanisch, denn die Philippinen waren bis 1898 spanische Kolonie, bevor sie zu einer Art Protektorat der USA und nach dem zweiten Weltkrieg ein unabhängiger Staat wurden. Aus der fast vierhundertjährigen spanischen Zeit erklärt sich auch, dass etwa 80 bis 85 Prozent der Einwohner Katholiken sind. Die Philippinen sind damit das größte katholische Land Asiens – wenn man von dem kleinen ehemals portugiesischen Timor Leste absieht, das es vom Prozentsatz der Bevölkerung her auf einen höheren Anteil von Katholiken bringt.

Für lange Zeit waren die Philippinen so etwas wie „der kranke Mann Asiens“, aber heiter und fröhlich, demokratisch, wenn auch stets ein „underperformer“ – also ein Staatsgebilde, das eigentlich mehr hätte leisten können, als es tatsächlich zustande brachte. Heute blüht jedoch die Wirtschaft, und Investoren strömen ins Land. Geopolitische Bedeutung hat das Inselreich durch seinen Widerstand gegen Pekings Expansionsbestrebungen im Südchinesischen Meer – und damit das besondere Interesse seiner Nachbarstaaten und Amerikas. Die Philippinen führen gegen China wegen des Inselstreits einen Rechtsstreit vor dem Internationalen Gerichtshof in Den Haag und sind dabei, engere militärische Bindungen mit Amerika, Australien und Japan einzugehen. Außerdem verfügt das Inselreich über einen demografischen Bonus: das Durchschnittsalter seiner Einwohner liegt bei 22 Jahren. Sozial gibt es allerdings auf den Philippinen enorme Unterschiede. Nicht jeder Einwohner hat an dem Wirtschaftswachstum von um die sechs Prozent im gleichen Maße Anteil. Viele ländliche Familien leben in bitterer Armut, und gute Jobs gibt es zumeist nur in den Städten. Aber auch die städtische Armut wächst zusehends. Eine üppig wuchernde Korruption ist vor allen in den Städten weit verbreitet, und sie ist der politische Ansatzpunkt des gerade gewählten Präsidenten: Er hat nicht wenige Wähler gefunden, die mit ihm der Auffassung sind, die erst 2006 abgeschaffte Todesstrafe sollte gegen alle „Gauner“ und ihresgleichen wieder eingeführt und nicht allzu zimperlich auch angewandt werden.

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