Der politische Islam erstickt die Vielfalt

Ein Memorandum der Gesellschaft für bedrohte Völker (GfbV) zur Lage von Minderheiten im Nahen Osten. Von Anna Sophia Hofmeister
Foto: GfbV | ist Nahostreferent der GfbV in Göttingen.
Foto: GfbV | ist Nahostreferent der GfbV in Göttingen.
Herr Sido, das Memorandum der GfbV erinnert daran, wie negativ sich die Lage der christlichen Minderheit im Nahen Osten seit dem Arabischen Frühling verändert hat. Wie konnte die Stimmung derart umschlagen?

Dieser arabische Frühling, dem wir anfangs positiv begegnet sind, ist ein regelrechter Winter geworden. Nicht nur für die Christen, sondern auch für Minderheiten, die keine Araber oder Muslime sind. Der politische Islam und seine Bewegungen waren stark und gut organisiert, sie konnten die Revolten gegen die Diktaturen dazu nutzen, um an die Macht zu kommen. Und ihr Projekt heißt: Islamisierung der Länder, der Gesellschaften des Nahen Ostens. Wir sind in der Mehrheit bereits Muslime – sie wollen uns aber zusätzlich islamisieren in dem Sinne, dass sie ihr islamistisches Projekt umsetzen wollen, die Scharia. Eine starke mediale Unterstützung und viel Geld aus den Golfstaaten helfen ihnen dabei. Leider haben die Islamisten auch Unterstützung aus dem Westen bekommen. Weil der Westen sogenannte Schurkenstaaten im Nahen Osten um jeden Preis beseitigen wollte, hat er in Kauf genommen, dass vor allem Minderheiten unter Bürgerkrieg und Destabilisierung leiden.

Für den Irak wird befürchtet, dass es bis 2020 dort keine Christen mehr geben wird...

Der Vorwurf lautet, wenn der Westen früh genug eingegriffen hätte, dann wäre es zu keiner Radikalisierung gekommen. Das ist falsch. Das Beispiel Irak zeigt das. Die Amerikaner und andere NATO-Länder sind einmarschiert. Der Diktator wurde gestürzt, was ja gut war, aber für die Christen bedeutete dies das Ende. Wenn sie dort noch leben, dann tun sie das versteckt. Irakisch- Kurdistan ist eine Ausnahme, dort ist ein Leben als Christ noch möglich. Deshalb ist die Einschätzung, dass ein früheres Eingreifen besser gewesen wäre, falsch. Richtig ist: Man muss ein Konzept haben, bevor man einen Krieg führt, einmal abgesehen davon, dass man keinen einzigen Krieg führen sollte. Es braucht ein demokratisches Konzept, Föderalismus, Dezentralisierung, vollständige Glaubensfreiheit. Was aber tut der Westen? Er unterstützt pro-saudische Kräfte, welche die Scharia in der Gesetzgebung verankern – was bedeutet, dass Christen das Land verlassen müssen, wenn sie sich retten wollen. Oft ist hier der Vorwurf zu hören, dass Christen die Diktaturen unterstützen würden. Das stimmt nicht. Die Christen wollen einfach in ihrer Heimat leben. Wenn sie nun sehen, dass die Opposition keine Alternative bietet, islamistisch ist und die Scharia ihr einziger Maßstab, dann ist ihnen ein Assad natürlich lieber als eine islamistische Demokratie. In einer islamistischen Demokratie haben Christen keinen Platz.

Wie betrachten denn die Syrer diese „islamistische Demokratie“?

Ich als Moslem, der in Syrien geboren ist, möchte kein Syrien haben, in dem keine Kurden, keine Orthodoxen, keine Katholiken, keine Drusen, keine Alaviten mehr Platz finden. Und ich glaube, ich vertrete damit die Meinung der Mehrheit der Syrer. Saudiarabien war auch einmal eine multikulturelle und multireligiöse Gesellschaft, aber was sehen wir dort? Nur eine Farbe. Es ist traurig und schrecklich, nur mit einer Farbe zu leben. Wir leben in einer modernen Welt. Und die moderne Welt ist multikulturell, multireligiös, multiethnisch.

Die Türkei gilt, wie der Libanon, als ein Land, in dem es eine muslimische Mehrheitsbevölkerung, aber „keine aktive Christenverfolgung“ gibt. Was heißt „keine aktive Christenverfolgung“?

In der Türkei ist es vorbei mit dem Christentum. In Istanbul, einer sehr großen Stadt, kann man als einheimischer Christ vielleicht noch unauffällig leben. Heimlich, das ist kein Leben. Die Zeiten, als Istanbul christliches Zentrum war, sind vorbei. Im Libanon haben sich die Christen mit der Waffe in der Hand gewehrt. Wenn sie dies nicht getan hätten, wäre es mit ihnen auch dort vorbei. Doch wenn der politische Islam in Syrien siegt, wird das auch Auswirkungen auf den Libanon haben. Wir hoffen, dass hier der Besuch von Papst Franziskus ein Zeichen setzt, dass der Nahe Osten die Heimat des Christentums ist.

Was kann der Westen tun?

Der Westen muss Flagge zeigen. Christen müssen vollständige Glaubensfreiheit haben, und zwar überall, wo sie zuhause sind: im Irak, in Syrien, im Libanon, in Ägypten, in Libyen. Man muss sie unterstützen. Und nicht aus parteipolitischen und geopolitischen Interessen heraus eine bestimmte Bewegung unterstützen, in unserem Fall den politischen Islam. Um damals den Kommunismus und die Sowjets in Afghanistan zu bekämpfen, hat man dazu die dunkelsten Kräfte des Landes benützt – das darf sich im Nahen Osten nicht wiederholen. Für mich ist Glaubensfreiheit ein Menschenrecht. Dieses muss ermöglicht werden. Alle reden von der Bewaffnung der Rebellen. Nein! Demokratische Projekte, demokratische Bewegungen müssen unterstützt werden, in keinem Fall der politische Islam, auch nicht als Notlösung.

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