Der Papst als Garant der Einheit

Es ist eine weitreichende Entscheidung, mit der sich Benedikt XVI. jetzt entschlossen hat, übertrittswilligen Anglikanern eine Heimat in der katholischen Kirche anzubieten. Bereits Anfang der neunziger Jahre hatte es in der Kirche von England die von Bischof Graham Leonhard repräsentierte Bewegung anglikanischer Gläubiger gegeben, die vor allem aus Protest gegen die Einführung der Frauenordination den Anschluss an die römische Kirche suchten. Graham, Bischof von London, verheiratet und Vater von zwei Kindern, trat 1992 aus der „Church of England“ aus und wurde 1994 zum katholischen Priester geweiht. Auf diesem Weg begleitet hatte ihn der damalige Präfekt der vatikanischen Glaubenskongregation, Kardinal Joseph Ratzinger. Schon in jenen Jahren war der Zustand innerhalb der Kirche von England und in der gesamten anglikanischen Weltgemeinschaft von Zerreißproben gekennzeichnet. Ein liberaler und ein traditionsverbundener Flügel strebten auseinander. Die damals einflussreiche Zeitschrift „30Giorni“ erschien mit dem Aufmacher „Anglikaner im Koma“. Es sah nicht gut aus um die aus dem Scheidungsverfahren von Heinrich VIII. hervorgegangene Glaubensgemeinschaft, die heute etwa 78 Millionen Mitglieder zählt.

In den Jahren danach haben sich die Konflikte in der anglikanischen Welt weiter verschärft, die außer der „Church of England“, deren weltlichen Vorsitz die Queen führt, noch weitere 26 Kirchenprovinzen zählt. Neben der Frauenordination kamen Konflikte um die Weihe homosexueller Personen hinzu. Im gleichen Zug schwoll die „Zurück nach Rom“-Bewegung an. Wie Kardinal William Levada, der Präfekt der Glaubenskongregation, am Dienstag vor Journalisten in Rom erklärte, lagen dem Vatikan schließlich zahlreiche Gesuche von Gruppen anglikanischer Priester und Laien aus den unterschiedlichsten Teilen der Welt vor, sich der katholischen Kirche anschließen zu dürfen. Die größte dürfte die vor allem auf dem afrikanischen Kontinent verbreitete, aber von einem australischen Bischof geführte „Traditional Anglican Community“ sein, die allein etwa eine halbe Millionen Mitglieder zählt. Jetzt handelt es sich nicht mehr um eine Protest-Bewegung innerhalb der „Church of England“. Jetzt geht es um ein globales Phänomen. Und mit der lange erwogenen Entscheidung Roms, für die „katholischen Anglikaner“ eine eigene kirchenrechtliche Struktur, die sogenannten Personal-Ordinariate zu schaffen, die in etwa mit den Ordinariaten der Militärbischöfe verglichen werden können und es den katholisch gewordenen Anglikanern ermöglichen soll, ihre eigene Liturgie und Spiritualität weiter zu pflegen und zu bewahren, ist die historische Zäsur gesetzt, ab der nun das Katholische bei den Anglikanern wieder mit der apostolischen Kirche Roms zusammenwächst. Was auf anglikanischer Seite übrig bleibt, geht auf im Meer der in immer kleinere Einheiten zerfallenden Welt der aus der Reformation hervorgegangenen Kirchengruppen.

Was jetzt in die katholische Kirche strömt, sind die Traditionsbewussten der anglikanischen Kirche: der apostolischen Tradition verpflichtet, skeptisch gegenüber allem, was die Moderne an Relativismus und Liberalismus mit sich gebracht hat, Homo-„Bischöfe“ eingeschlossen. Natürlich haben die jetzt katholisch werdenden Anglikaner keine Bruderschaft gegründet und sich auch nicht offiziell ins Schisma begeben wie die Piusbrüder. Auch haben sie keine Schwierigkeiten mit dem Zweiten Vatikanischen Konzil. Aber sie gehören zu jenen konservativen Christen, die nicht alles mitmachen wollen, was der Geist der Welt diktiert, und die man in den zurückliegenden Jahrzehnten oft als Ewiggestrige verunglimpfte, um die man sich nicht zu kümmern braucht. Ihnen reicht Benedikt XVI. jetzt die Hand. Wie schrieb der Papst in seinem Brief vom 10. März an den Weltepiskopat zum „Fall Williamson“? „Wenn also das Ringen um den Glauben, um die Hoffnung und um die Liebe in der Welt die wahre Priorität für die Kirche darstellt, so gehören doch auch die kleinen und mittleren Versöhnungen mit dazu. Dass die leise Gebärde einer hingehaltenen Hand zu einem großen Lärm und gerade so zum Gegenteil von Versöhnung geworden ist, müssen wir zur Kenntnis nehmen. Aber nun frage ich doch: War und ist es wirklich verkehrt, auch hier dem Bruder entgegenzugehen und Versöhnung zu versuchen?“ Das gilt nun auch für die katholisch denkenden Anglikaner.

Und wieder wird es großen Lärm geben. Nach allen möglichen ökumenischen Treffen, Gesten und Erklärungen der vergangenen Jahrzehnte geschieht nun wirklich etwas. Tausende von Anglikanern kehren zurück nach Rom. Der Papst macht nicht nur vor, wie er die Ausübung des Primats versteht, sondern er setzt auch das Maß, welchen Weg die immer wieder beschworene Einigung der „getrennten Brüder und Schwestern im Glauben“ zu beschreiten hat: An der Rückkehr zu Petrus und seinen Nachfolgern führt er nicht vorbei. Die oft geschmähte „Rückkehr-Ökumene“ ist die einzige Möglichkeit, wie die eine Kirche Jesu Christi ihre Einheit zurückgewinnt.

Ein Zweites: Dass nun in großer Zahl verheiratete Geistliche aus der anglikanischen Gemeinschaft die katholische Priesterweihe empfangen und vorleben werden, dass man auch ohne Zölibat den Dienst am Altar versehen kann, hat Benedikt XVI. nicht abgeschreckt. Das Gut der Einheit wiegt mehr als die Ehelosigkeit der Priester. Auch das ist ein weitreichendes Signal.

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