München

Der Lockdown ist ein Katalysator für den Islamismus

Wie der Islamismus sich tarnt und warum die Pandemie ihm neue Ansätze bietet: Darüber tauschten sich verschiedene Islamexperten auf Einladung der CSU aus.
Mouhanad Khorchide
Foto: dpa | Mouhanad Khorchide warnt vor islamistischen Tarn-Strategien.

Der Münsteraner Islamwissenschaftler Mouhanad Khorchide warnt nicht zum ersten Mal vor den Gefahren des Islamismus in Europa. Seit kurzem ist Khorchide auch wissenschaftlicher Leiter der Dokumentationsstelle politischer Islam in Österreich. Auf einem Webinar des CSU-Auslandsverbandes in Brüssel macht er jetzt auf die Unterwanderung der 1928 in Ägypten gegründeten Muslimbrüder aufmerksam. In den 1980er und 90er Jahren seien Muslimbrüder verstärkt nach Europa gekommen. Ihr Ziel sei auch hier die Islamisierung der Gesellschaft. „Nur die Strategie hat sich geändert. Erstens, man erkennt nach außen demokratische Grundprinzipien, um zum Ziel zu kommen. Pragmatisch nach außen, nicht nach innen. Zweitens, man verzichtet auf die Rhetorik der Gewalt. Und drittens, kaum ein Muslimbruder wird in Europa sagen: Hallo, ich bin Muslimbruder“, weiß Khorchide.

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Das könne man aktuell etwa auf Homepages von Moscheegemeinden lesen, die der Idee der Islamisierung naheständen. Wenn es beispielsweise um Körperstrafen im Koran gehe, etwa Handabhacken oder Enthauptungen: „Dann schreiben sie nicht, dass diese nicht gelten oder im historischen Kontext des 7. Jahrhunderts zu verorten sind. Sondern sie sagen, wenn wir in einer Gesellschaft eine Minderheit sind, dann folgen wir den Gesetzen des Staates. Nur ein islamischer Staat darf diese Körperstrafen in die Praxis umsetzen. Das heißt, sie werden temporär auf die Seite gelegt, bis man die Mehrheit hat, bis man die Gesellschaft soweit geändert hat.“ Bis dahin werde die Strategie der scheinbaren Anpassung betrieben. Vor allem jungen Muslimen werde befohlen, sich nach außen hin im Bildungssystem oder auf dem Arbeitsmarkt zu integrieren, also ein netter und freundlicher Mitschüler, Student oder Kollege zu sein. In Wahrheit aber wolle man das System von innen her unterwandern.

Jugendliche ziehen sich noch mehr ins Netz zurück

Das beobachtet auch Rechtsanwältin Seyran Ates, Mitbegründerin der liberalen Ibn-Rushd-Goethe-Moschee in Berlin. Der Lockdown sei eine Art Katalysator für die Werbeaktivitäten der Radikalen. Jetzt in der Corona-Pandemie werde das Internet vor allem für Jugendliche zum bestimmenden Informationsraum. Und das werde von Islamisten gekonnt ausgenutzt. Die Jugend fühle sich zudem von der deutschen Politik vernachlässigt und getäuscht. Orientierung biete das Internet. In der isolierten Zeit der rigiden Kontaktbeschränkungen würden daher Online-Bilder, Chatrooms oder religiöse Fernsehsender aus islamischen Ländern zu wichtigen Komponenten im Radikalisierungsprozess. Zudem werde die Pandemie selbst ideologisch ausgeschlachtet. „Es wird behauptet, Covid-19 sei eine Strafe Gottes dafür, dass der Westen so dekadent wäre. Einer unserer Imame hat in einer Schule von Schülern gehört, dass die Pandemie eine Strafe wäre, weil China sich zu den Uiguren so schlecht verhalten habe“, berichtet Ates auf dem Webinar.

Zudem beherrsche die Pandemie die öffentliche Wahrnehmung. Der islamistische Terror sei nicht mehr Top-Thema. Saïda Keller-Messhali aus Zürich, Präsidentin des „Forum für einen fortschrittlichen Islam“, warnt: „Ich habe das Gefühl, dass der Terrorismus von der Pandemie profitiert, weil unsere Aufmerksamkeit ganz Corona gewidmet ist. Dass die europäische Öffentlichkeit sich in einer falschen Sicherheit wähnt und meint der IS sei verschwunden.“
Im Gegenteil aber sei derzeit ein Wiedererstarken des Islamischen Staates im Irak und Syrien zu beobachten. Ein weiteres Problem: In der Pandemie hätten die konservativen Islamverbände an Einfluss gewonnen, ist es ihnen doch gelungen, per Ausnahme-Genehmigungen den Muezzinruf, den Adhan, per Lautsprecher öffentlich verkünden zu dürfen. Zurzeit in mehr als 100 Gemeinden. Die Ethnologin Susanne Schröter, Leiterin des Frankfurter Forschungszentrums Globaler Islam, warnt schon seit Monaten, dass der Adhan von einigen Muslimen als Sieg und beginnende Islamisierung Deutschlands gefeiert werde. „Der Muezzinruf verkündet, dass der Islam die einzig wahre Religion ist, Allah ist der Größte und Mohammed sein Prophet und das ist die Aussage der Überlegenheit des Islam“, sagt Schröter.

Muezzinruf ist nicht neutral

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Auch Friedmann Eißler, bislang Islamexperte bei der Evangelischen Zentralstelle für Weltanschauungsfragen in Berlin, weiß, dass der Muezzinruf anders als der Klang der christlichen Glocken nicht neutral ist. „In Berlin wurde der Gebetsruf, als er Anfang April zum ersten Mal erklang, auf den Straßen gefeiert. Die Muslime kamen trotz Versammlungsverbot zusammen und haben in den sozialen Medien den islamischen Gebetsruf als Sieg des Islam in Deutschland gefeiert“, analysiert Eißler. Denn in der muslimischen Welt dokumentiere das fünfmalige Rufen immer auch einen Herrschafts- und Dominanzanspruch gegenüber anderen. Doch Aiman Mazyek, Vorsitzender des Zentralrats der Muslime in Deutschland, will von einem muslimischen Triumphalismus nichts wissen. Es gehe beim öffentlichen Muezzinruf allein um Religion und nicht um die Islamisierung der deutschen Gesellschaft.

Zudem sei es meist eine Idee der beiden Kirchen gewesen, in Zeiten von Corona den Gebetsruf in deutschen Städten und Gemeinden per Lautsprecher ausrufen zu lassen, um ein Zeichen der Solidarität und des Trostes auszusenden. Der Idee sei man gerne nachgekommen.

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