Eriwan/Baku

Der Kaukasus bleibt eine Region voller Konflikte

Ein Konflikt in der Nachbarschaft. Um die Auseinandersetzung um Berg Karabach zu verstehen, muss man die Geschichte des Kaukasus verstehen. Die Araber nennen die Region den Berg der Sprachen.

Armenien ruft Kriegszustand aus
Die Familie des aserbaidschanischen Staatschefs Ilham Alijew hat kurdische Wurzeln, unterstützte sogar die PKK. Trotzdem scheint er keine Probleme damit zu haben, mit dem türkischen Präsidenten Erdogan zu kooperieren. Foto: dpa

Seit die Armenier den armenischen Karabachern mit einem Krieg gegen Aserbaidschan ihren Wunsch nach Selbstbestimmung erfüllten, blieb die Front zwischen Karabach und Aserbaidschan ruhig. Ganze 26 Jahre dauerte der Frieden an. Jetzt wollen die Aserbaidschaner mit Hilfe der Türken das ihnen von Stalin 1936 geschenkte armenische Karabach zurück. Um den aktuellen Konflikt zu verstehen, ist ein Blick in die Geschichte dieser Region nötig.

Berg der Sprachen

Nirgendwo in Europa werden so viele Sprachen auf so wenig Raum gesprochen, wie im Kaukasus. Kein Wunder, dass der arabische Geograph Al-Mas'udi den Kaukasus als „Berg der Sprachen“ betitelte: die Römer brauchten bei ihrem einzigen Versuch, dort Fuß zu fassen, 130 Dolmetscher, um mit allen Völkern zu verhandeln.

In der kaukasischen russischen Teilrepublik Dagestan ist die Sprachenvielfalt am größten. Dort siedelten einst auch viele Kaukasusdeutsche, die fast alle 1941 nach Zentralasien deportiert wurden. Neben dem sprachlichen Wirrwarr ist auch die religiöse Zersplitterung sehr groß.

Frühe Christen

Im Kaukasus hatte bis 1890 das letzte heidnische Volk Europas überlebt, bis es infolge des Aufstandes der islamischen Dagestaner den Islam annahm. Anderseits hatten die Armenier und Georgier im Südkaukasus bereits seit 310 das Christentum angenommen; als erste Völker überhaupt, noch vor den Römern.

Beim Zerfall der Sowjetunion sahen viele dieser bislang kaum bekannten Völker die Chance zur Eigenstaatlichkeit. Das enge jahrhundertealte Zusammenleben der Völker wurde durch viele neue Grenzen eingeschränkt, neue Minderheiten und viele neue Konflikte sind in Tschetschenien und den drei Kaukasusländern, Georgien, Armenien und Aserbaidschan entstanden, die blutigsten sind der Tschetschenienkonflikt und der um Berg Karabach.

Religiöse Zersplitterung

In Aserbaidschan erhoben sich schon zu Sowjetzeiten die Armenier in Karabach, es war der letzte große ethnische Konflikt der Sowjetunion vor ihrem Untergang. Die iranischsprachigen Talyschen, die ebenfalls einen eigenen Staat gründen wollten, wurden jedoch niedergeschlagen, die Hilfe aus dem Iran für das Brudervolk blieb aus.

Im Laufe des aktuellen Krieges hat der armenische Präsident Paschinjan jedoch erklärt, dass er den Willen zur Selbstständigkeit der Talyschen im Süden und der Lesgier im Norden Aserbaidschans anerkennen und unterstützen werde. Karabach könnte zu einem Flächenbrand werden, vor allem, wenn der Krieg sich hinzieht. Neben dem ethnischen ist das religiöse Konfliktpotenzial aber noch viel gefährlicher.

Ethnische Zersplitterung

Die Aserbaidschaner sind in ihrer großen Mehrheit Schiiten, wie die Iraner. Im Iran gibt es allerdings auch eine Region Aserbaidschan. Weil die Iraner fürchteten, dass die Bewohner Aserbaidschans Gebietsansprüche auf Süd-Aserbaidschan, das im Iran liegt, erheben würden, erkannte der Iran die Unabhängigkeit des schiitischen Aserbaidschan zunächst gar nicht an. Die zweitgrößte ethnische Gruppe im Vielvölkerstaat Aserbaidschan sind die sunnitischen Kurden. Im Krieg um Karabach 1994 sind sie vor den Armeniern geflüchtet und haben vielfach in den verlassenen Dörfern der aserbaidschanischen Exklave Nachitschewan und den einst armenischen Stadtteilen von Baku eine neue Heimat gefunden. Wenn jetzt die Karabacharmenier vertrieben werden, gibt es keine verlassenen Dörfer, die sie wiederbesiedeln können. In Armenien lebt als zweitgrößte Ethnie ebenfalls eine Gruppe von kurdischen Jesiden.

Clanpolitik

Auch der derzeitige aserbaidschanische Staatschef Ilham Alijew ist eigentlich ein Kurde, seine Vorfahren stammen aus dem heutigen Armenien. Der Vater des derzeitigen Präsidenten Ilham, Heydar Alijew, war der letzte KP-Chef der Sowjetrepublik Aserbaidschan, in den 1960ger Jahren soll er als KGB-Chef von Aserbaidschan in geheimer Mission die kurdische PKK in der Türkei mitgegründet haben. Nach der Unabhängigkeit Aserbaidschans wurde er erster Ministerpräsident und konnte nach und nach alle Gegner ausschalten und ungeahnte Reichtümer für sich und seinen Clan anhäufen.

Damals entdeckte der Alijew-Clan auch die Religion wieder als Machtfaktor. Allerdings konnte der sunnitische Alijew-Clan die schiitische Karte nicht ziehen, deshalb kam es, trotz PKK, zum Bruderschluss mit dem sunnitisch-türkischen Präsidenten Erdogan, der den Alijews offenbar verziehen hat, dass sie kurdische Wurzeln und sogar dabei mitgeholfen haben, die PKK, die Erzfeinde Erdogans, groß zu machen.

Sonderbare Allianzen

Offenbar scheint Ilham Alijew seinerseits auch keine Probleme mit der von Erdogan vermittelten Entsendung der sunnitischen Gotteskrieger aus Syrien zu haben. Diese sollen in Aserbaidschan ihren einst ärgsten Feinden, den Schiiten, helfen, die ungläubigen Armenier zu besiegen. Bevor die Dschihadisten jedoch an die Front in Karabach ziehen, sollen einige schon aserbaidschanischen Schiiten in Frontnähe die Scharia aufgedrängt haben.

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