Der Gastkommentar: Perfektes Sterben?

Die Furcht vor einem Leben im Pflegeheim ist in Deutschland weit verbreitet, und wird zum Teil regelrecht von den Medien angefacht. Vor allem „liberale“ Ethiker und Juristen propagieren deshalb fast schon stereotyp antizipierende Formen dessen, was sie euphemistisch aber falsch „Selbstbestimmung am Lebens-ende“ nennen. Die Abgeordneten des Deutschen Bundestages stehen nun am 18. Juni vor der Qual der Wahl, sich zur angeblichen Stärkung der Autonomie von Bürgerinnen und Bürgern für einen von drei unterschiedlich schlechten Gesetzentwürfen über die Patientenverfügung entscheiden zu sollen. Wenn wir großes Glück haben, kommt jedoch gar kein Gesetz zustande, was in diesem Fall eindeutig die vorzugswürdige Option wäre.

In den letzten Jahren zeigt sich eine Tendenz, das Selbstbestimmungsrecht von Patientinnen und Patienten dominant in den Vordergrund medizinethischer Betrachtungen zu rücken. Vermutlich liegt eine gewisse Tragik dieser Entwicklung darin, dass es ausgerechnet die Sterbehilfe ist, an der sich dieses Recht vorrangig bewähren soll. Man gewinnt den Eindruck, als ob Selbstbestimmung mit dem moralischen Recht auf einen selbst bestimmten Todeszeitpunkt identifiziert wird. „Sei gesund und fit – oder stirb wenigstens rasch!“ So könnte man jene inhumane Alternative in einem knappen Satz zusammenfassen, die älteren Menschen in unserem Land heute nahegebracht wird. Zahllose Organisationen bieten Vordrucke für Patientenverfügungen an, die ein „selbstbestimmtes Sterben in Würde“ ermöglichen sollen, während sie tatsächlich vor allem eine grundlose Angst vor der Intensivmedizin schüren.

Viel zu wenig weiß die Öffentlichkeit zum Beispiel darüber, wie gefährlich schon heute jene viel gepriesene Kombination aus Patientenverfügung und pauschaler Vorsorgevollmacht für das Leben eines Kranken werden kann, wenn der Bevollmächtigte vorrangig eigene Interessen verfolgt. Von der Autonomie des entscheidungsunfähigen Patienten kann dann keine Rede mehr sein, vielmehr wird dieser nicht selten zum bloßen Objekt von Stellvertretern, die seinen lange zuvor und in Unkenntnis der konkret eintretenden Situation schriftlich niedergelegten Willen interpretieren und durchsetzen sollen. In manchen Fällen kommt es dabei zu einer unheilvollen Allianz mit therapieunwilligen Ärzten.

Der in unserer Gesellschaft zunehmend auf die Bürger ausgeübte moralische Druck, auch noch die Umstände des eigenen Sterbens gedanklich präzise antizipieren und das Ende des Lebens lange im Voraus juristisch wasserdicht organisieren zu sollen, stellt im Grunde genommen eine inhumane, eine trostlose Zumutung dar. Es wäre besser, diese ultimative Illusion als solche zu zerstören. Ein gewisser Mut zur finalen Gelassenheit ist uns allen zu wünschen. Die Abgeordneten des Bundestages sollten ihrerseits Mut fassen und den drei lebensfremden Gesetzentwürfen über die Patientenverfügung ihre Zustimmung versagen.

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