Der Gastkommentar: Kein Generalverdacht

Das Vertrauen in die Integrität von Lehrern und Schule darf nicht dauerhaft beschädigt werden! Es scheint so, als sei eine Mauer des Schweigens gebrochen. Was derzeit tagtäglich an neuen Enthüllungen über Fälle sexuellen Missbrauchs in den Medien zu finden ist, lässt den Eindruck entstehen, als seien diese Vergehen an deutschen Schulen ein verbreitetes Phänomen. Dabei ist es in der Tat zutiefst erschreckend und verstörend, was an jahrzehntelang verdrängten schrecklichen Erlebnissen jetzt aus vielen ehemaligen Internatszöglingen und Schülern herausbricht. Dabei darf aber nicht ignoriert werden, dass die überwiegende Zahl der jetzt bekanntgewordenen Vergehen weit mehr als 20 Jahre zurückliegt. Die heutige Realität sieht mit Sicherheit anders aus, selbst wenn Vorkommnisse dieser Art auch heute nicht ausgeschlossen sind. Die meisten Taten sind verjährt. Wie aber die erschütternden Berichte von Betroffenen zeigen, verjähren die traumatischen Erfahrungen nicht, für viele ist sexueller Missbrauch in der Jugend eine Bürde, die sie ihr Leben lang begleitet, die ihre Persönlichkeitsentwicklung massiv beeinträchtigt hat und unter der sie noch heute leiden.

Falsch und enorm schädlich wäre es allerdings, jetzt die 40 000 deutschen Schulen und die rund 300 Internate in Deutschland insgesamt unter Generalverdacht zu stellen. Ich halte es für einen großen pädagogischen Fortschritt, dass die Beziehungen zwischen Schülern und Lehrern heute partnerschaftlicher und vertrauensvoller sind, als dies noch zu meiner Schulzeit war, wo im Übrigen auch körperliche Züchtigung zum erzieherischen Repertoire gehörte. Wenn sich heute eine Lehrkraft einen weinenden Schüler nicht mehr in den Arm zu nehmen traute, weil sie sich dann verdächtig machen könnte, würde ich das sehr bedauern. Es ist nebenbei bemerkt unsinnig, die in den 60-er Jahren noch weitgehend verbreitete und damals gesellschaftlich akzeptierte Möglichkeit des Lehrers, den Rohrstock zu benutzen, in gleichem Atemzug zu nennen mit den zu keiner Zeit zu rechtfertigenden sexuellen Missbrauchsfällen. Was sollte man also tun? Gefragt ist eine umfassende, schonungslose Aufklärungsarbeit, auch wenn sie weh tut und dabei lange vergangene Ereignisse den Ruf heute untadelig arbeitender Schulen und Lehrerkollegien nachträglich beschädigen. Nur auf der Basis einer solchen Offenheit lässt sich Vertrauen wieder herstellen. Hinzu kommt, dass an jeder Schule, insbesondere aber solchen Einrichtungen wie Internaten, Landschulheimen und Ganztagsschulen, wo das Gefährdungspotenzial höher ist, klare Vorkehrungen getroffen werden müssen, dass solche Vergehen zukünftig so weit wie möglich verhindert werden. Dazu gehört eine Präventionsarbeit von Anfang an, Kinder stark zu machen, auch gegenüber Erwachsenen „Nein“ zu sagen, eine Verantwortungskultur des gegenseitigen Hinhörens und Hinschauens und die Benennung von Vertrauenspersonen für Missbrauch an jeder Schule, an die sich Kinder jederzeit wenden können.

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