Afghanistan

Der Einsatz in Afghanistan entpuppt sich als politischer Gau

Die Taliban waren nach wenigen Tagen an der Macht. Jetzt gibt es nur noch Krisenbewältigung. Verteidigungspolitiker im Deutschen Bundestag wollen diplomatisch helfen.
Kommando Spezialkräfte im Einsatz in Afghanistan
Foto: - (Bundeswehr) | Der einseitige und übereilte Abzug aus Afghanistan war ein Fehler. Im Bild: Ein Soldat des Kommando Spezialkräfte (KSK) sicherte das Gelände nahe des Camps Marmal im Norden Afghanistans.

In Afghanistan bahnt sich eine humanitäre Katastrophe an. Die radikal-islamischen Taliban zwangen bei der Einnahme von Kabul der afghanischen Regierung und Armee ihre Kapitulationsbedingungen auf. Der historisch größte Erfolg nach 20 Jahren Krieg. Zuvor waren schon Kunduz, Masar-i Sharif, Feisabad und Termez, alles Einsatzorte der Bundeswehr, in die Hände der Taliban gefallen. Ob es für die Hauptstadt mit zwei-Millionen Einwohnern wenigstens eine humanitäre Hoffnung gibt, wird sich in diesen Tagen zeigen. Verteidigungspolitiker im Deutschen Bundestag sind entsetzt, wollen aber auch helfen. 

Erschütternd

Lesen Sie auch:

Henning Otte (CDU), sagte der Tagespost: „Keiner hat erwartet, dass es jetzt so schnell geht. Das ist erschütternd.“ Wenn Afghanistan in einen islamischen Staat zurückfalle, könne der Westen nicht sagen: „Wir lehnen uns zurück und machen gar nichts.“ Dennoch gebe es auch Kritik: Viele hätten die Erwartungen viel zu hoch angesetzt, was beim Aufbau einer Zivilgesellschaft, Ausrüstung der Armee und Technologie, Schulbildung von Mädchen, westliche Lebensformen und Moralansprüchen hätte erreicht werden können. „Diese Latte musste gerissen werden“, so der verteidigungspolitische Sprecher der CDU/CSU Bundestagsfraktion. 

Der Vorsitzende des Auswärtigen Ausschusses, Norbert Röttgen warnte schon vor Tagen - nachdem er allerdings zuerst den erneuten Einsatz auch der Bundeswehr in Erwägung gezogen hatte: Die Taliban hätten das Land bald wieder komplett unter Kontrolle. Dass Afghanistan dann nicht wieder eine Brutstätte von Terror wird, der vor allem uns in Europa bedroht, sei nicht gesichert. Nach 20 Jahren Einsatz zu sagen, das sei eine afghanische Angelegenheit, sei absurd und beschämend. „Es geht nicht darum, aus Afghanistan eine moderne Demokratie zu machen.

Nicht nur zuschauen

Das fordert niemand. Aber man darf nicht dabei zuschauen, wie alles, wofür wir 20 Jahre gekämpft haben, zerfällt“, war Röttgen sich sicher: „Wie Menschen, die uns lange verbunden waren, von den Taliban abgeschlachtet werden, wie Mädchen und Frauen alle hart erkämpften Rechte wieder verlieren, das wäre eine massive Selbstbeschädigung unserer Glaubwürdigkeit“, argumentiert er. „Wenn wir jetzt nichts tun, dann wird das Folgen haben: In Afghanistan wird es einen Bürgerkrieg geben und die Menschen werden fliehen. Nicht nur Tausende, sondern Millionen.“ 

Doch wie lässt sich ein solches Szenario verhindern? „Es geht nicht darum, den Truppenabzug aus Afghanistan zu revidieren. Aber wir müssen der Taliban-Offensive jetzt etwas entgegensetzen. Aus der Verantwortung nach 20 Jahren Einsatz heraus und aufgrund unserer eigenen Sicherheitsinteressen.“ Es reiche nicht, immer nur amerikanische Entscheidungen abzunicken – das sage er als Transatlantiker. „Der einseitige und übereilte Abzug aus Afghanistan war ein Fehler. Das müssen wir offen gegenüber den USA kommunizieren und darauf drängen, dass sie ihre bereits stattfindende Luftunterstützung der afghanischen Streitkräfte intensivieren. Das können wir aber nur dann fordern, wenn wir auch selbst bereit sind, etwas zu leisten.“

Angebote 

Das Angebot müsse sein, dort zu helfen, wo wir es können. Es gehe nicht um einen neuen Einsatz am Boden, sondern um Logistik und Material. Hier brauchten die Afghanen unsere Hilfe. Den Taliban sei die Teilhabe an einer politischen Lösung für die Zukunft Afghanistans zugestanden worden. Aus diesem Grund wurde in Doha verhandelt. Jetzt gehe es darum, den Taliban klarzumachen, dass es ihnen nicht gelingen wird, gegen den Willen fortschrittlicher Kräfte im Land und gegen den Willen der internationalen Gemeinschaft die Macht im Land zu ergreifen. 

Wie die sich überschlagenden militärischen Ereignissen in Afghanistan sich entwickelt haben, das sieht auch Marie Strack-Zimmermann (FDP) sehr kritisch. Die Freien Demokraten hätten in den letzten vier Jahren immer wieder die Bundesregierung aufgefordert, den Einsatz in Afghanistan zu evaluieren und dem Parlament eine Exit-Strategie vorzulegen, wann und unter welchen Voraussetzungen die Bundeswehr den Einsatz am Hindukusch beenden kann. „Das hat weder Außenminister Heiko Maas als Chef des Auswärtigen Amtes noch Verteidigungsministerin Kramp-Karrenbauer uns vorgelegt“, sagt die Sprecherin der FDP im Verteidigungsausschuss. „Insofern hat auch uns der blitzschnelle und massive Vorstoß der Taliban völlig überrascht. Auch deswegen, weil die Alliierten die afghanische Armee über Jahre ausgebildet haben (train and advice), und die afghanische Armee in Mannstärke und Ausrüstung den Taliban deutlich hätte überlegen sein müssen. Aber offensichtlich nicht in der Lage oder willens sind ihre Nation zu verteidigen.“ Im Gegenteil: sie desertierten, flüchteten oder liefen zu den Taliban über. 

Diplomatie muss helfen

Lesen Sie auch:

Ob der Vorschlag einer diplomatischen Lösung - eine Dialogkonferenz - überhaupt gelingen kann, da hat die katholische FDP-Politikerin eine klare Meinung: „Sie muss gelingen, wollen wir nicht alles aufs Spiel setzen, wofür auch unsere bis zu 100 000 Soldatinnen und Soldaten 20 Jahre lang im Einsatz waren, nämlich, dass von Afghanistan kein weltweiter Terror mehr ausgeht und eine junge Generation Männer und besonders Frauen wieder eine Lebensperspektive in ihrer Heimat bekommen.“ Voraussetzung dafür sei allerdings eine Waffenruhe. „Um diese durchzusetzen müssen unter der Federführung der UN neben der Afghanischen Zentralregierung, die Taliban, Vertreter aus Russland, China, Indien, USA, EU und regionaler Akteure wie der Iran und Pakistan an den Tisch. Daher haben wir auch sehr früh die Bundesregierung aufgefordert sich bei den Vereinten Nationen für eine entsprechende Konferenz einzusetzen.“ Ob es nicht auch einen Zwang zum erneuten Eingreifen gebe, weil der Westen moralisch ansonsten das Gesicht verliere?

„Der Vorschlag von Norbert Röttgen, dass die Bundeswehr militärisch wieder vor Ort eingesetzt werden soll, teilen wir ganz und gar nicht, mit Ausnahme selbstverständlich umgehend unsere Botschaftsangehörigen und gegebenenfalls deutsche Staatsbürger zu evakuieren. Wenn eine Armee eingreifen kann, dann die US Army.“ Ihr Fazit: „Der Westen mag sein Gesicht verlieren, möglicherweise, weil er den richtigen Moment verpasst hat, sich aus Afghanistan zurückzuziehen. Unsere Soldatinnen und Soldaten aber, haben ihren Auftrag erfüllt, den das Parlament ihnen auferlegt hat. Und dafür werden die Freien Demokraten ihnen immer dankbar sein.“ 

Fassungslos und wütend

Der Sprecher für Sicherheitspolitik der Fraktion Bündnis 90/Die Grünen, Tobias Lindner, zielt mit seiner Kritik auf die Bunderegierung: „Die Bilder aus Kabul machen fassungslos, wütend und traurig zugleich. Seit mehr als vier Monaten wissen wir vom Ende des Afghanistan-Einsatz, die Bundesregierung hat stets versichert auf alle Eventualitäten vorbereitet zu sein. Es war ausreichend Zeit, um sicher und geordnet Ortskräfte zu evakuieren. Im Juni hat die Koalition unseren Antrag zur Aufnahme afghanischer Ortskräfte noch abgelehnt.

Der von Trump begonnene Dialog zwischen den Taliban und den USA, ohne Einbeziehung der afghanischen Regierung und Zivilgesellschaft, war in dieser Form falsch. Das Wiedererstarken der Taliban darf niemand überraschen; Vorkehrungen - vor allem für die Sicherheit der Ortskräfte - hätten getroffen werden müssen.“ Als Obmann im Verteidigungsausschuss müsse er feststellen, die großen Ziele – Frieden in Afghanistan und stabile staatliche Strukturen – seien so nicht erreicht worden. 


Der Autor war als Sprecher des Evangelischen Militärbischofs 2018 in Afghanistan bei der Bundeswehr in Masar-i Sharif und in Kabul. 

Die Printausgabe der Tagespost vervollständigt aktuelle Nachrichten auf die-tagespost.de mit Hintergründen und Analysen.

Weitere Artikel
Themen & Autoren
Roger Töpelmann Afghanische Armee Afghanische Regierungen Afghanisches Militär Armee Auswärtiges Amt Außenminister Bundeswehr Bündnis 90/ Die Grünen CDU Deutscher Bundestag Europäische Union FDP Heiko Maas Henning Otte Kriege Norbert Röttgen Regierungseinrichtungen der Bundesrepublik Deutschland Soldaten Soldatinnen Taliban Tobias Lindner Truppenabzug UNO Verteidigungsausschuss

Kirche

Gedanken zur Sonntagspflicht
Würzburg

Muss man sonntags in die Kirche gehen? Logo Johann Wilhelm Naumann Stiftung

Wie das äußere Muss des Sonntagsgebots durch eine innere Sehnsucht abgelöst werden kann, beschreibt Kardinal Kurt Koch in einem Beitrag der kommenden Synodalbeilage „Welt&Kirche“
19.10.2021, 10 Uhr
Vorabmeldung
Eröffnung der zweijährige Weltsynode im Vatikan
IM BLICKPUNKT

Für eine Kirche, die anders ist Premium Inhalt

Die bis 2023 dauernde Weltsynode beginnt mit der größten Befragung der Menschheitsgeschichte. Über die Gründe für diesen vom Papst gewollten Prozess kann man nur spekulieren.
16.10.2021, 17 Uhr
Guido Horst