Der Anfang vom Ende?

Das jetzt teilenteignete Kloster Mor Gabriel in Südost-Anatolien steht schon seit Jahren unter dem Druck seiner kurdischen Nachbarn. Von Bodo Bost
Foto: dpa | Christliche Türken demonstrieren am Sonntag (25.01.2009) in Berlin gegen Repressionen in ihrer Heimat. Im Zentrum des Protestes stand der Erhalt des 1600 Jahre alten Klosters Mor Gabriel, das in des Augen der ...
Foto: dpa | Christliche Türken demonstrieren am Sonntag (25.01.2009) in Berlin gegen Repressionen in ihrer Heimat. Im Zentrum des Protestes stand der Erhalt des 1600 Jahre alten Klosters Mor Gabriel, das in des Augen der ...

Schon seit fast drei Jahren ziehen sich mehrere Prozesse, den kurdische Nachbardörfer gegen das syrisch-orthodoxe Kloster Mor Gabriel im Südosten der Türkei angestrengt haben, in die Länge. Hintergrund des Konfliktes ist die Einführung von Land-Katastern, die von der EU als Bringschuld für einen eventuellen Beitritt der Türkei angesehen wird. Bereits 2005 war es im Vorfeld von Landvermessungen zu ersten Landbesetzungen in der Nähe des Klosters gekommen, die jedoch von der türkischen Regierung gestoppt wurden. Die Dorfvorsteher von drei heute kurdischen Nachbardörfern des Klosters, die Anspruch auf den Grund des Klosters erhoben, hatten mit Hilfe lokaler Politiker der islamistisch-konservativen Partei AKP (die Partei von Staatschef Erdogan) Klage erhoben und den ersten Prozess ins Rollen gebracht. Weitere Verfahren folgten, nachdem türkische Behörden den Mönchen vorwarfen, die zum Schutz vor dem Eindringen kurdischer Viehherden und PKK-Kämpfer errichtete Klostermauer verletze die Eigentumsrechte des türkischen Staates.

Ende des Jahres 2008 begann die Prozesswelle. Beobachter bezeichnen die Verfahren als Schauprozesse. So wurde etwa die absurde Anschuldigung erhoben, das weit vor Entstehung des Islam erbaute Kloster sei auf dem Grund einer zerstörten Moschee erbaut worden. Im Juni 2009 hatte ein Gericht in der südosttürkischen Kreisstadt Midyat die Klage des Schatzamtes auf einige Felder in der Umgebung des im vierten Jahrhundert gegründeten Klosters zurückgewiesen, woraufhin der Fall an das Berufungsgericht in Ankara gegangen war.

Am 26. Januar fand einer der Prozesse ein vorläufiges Ende: Der Oberste Gerichtshof der Türkei in Ankara entschied, Ländereien des syrisch-orthodoxen Tur-Abdin-Klosters Mor Gabriel in Südostanatolien dem türkischen Staat zuzusprechen. Details seien noch unklar, das Kloster warte noch auf den offiziellen Bescheid, hieß es. Mit dem weitreichenden Urteil des obersten Gerichtshofes in Ankara bewahrheiteten sich die ärgsten Befürchtungen. Große Teile des Grund und Bodens werden nach dieser Entscheidung dem Besitz des Klosters entzogen und fallen in türkischen Staatsbesitz, sollte das Urteil Rechtskraft erlangen. Unterstützergruppen der aramäischen Christen im Tur Abdin und deutsche Politiker hatten den Prozess als Beobachter verfolgt. Die stellvertretende Vorsitzende der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, Ingrid Fischbach, sprach von „einem schweren Rückschlag für die aramäische Gemeinschaft, denn es geht nicht nur um die Eigentumsrechte des Klosters, sondern letztlich um die Zukunft der Aramäer in der Türkei“.

An dem Tag, an dem das Urteil in Ankara gegen Mor Gabriel bekannt wurde, befand sich der türkische Präsident Abdullah Gül zufällig zu einem Besuch in Straßburg. Dort hatte er die Diskriminierung von Christen durch die Behörden seines Landes als „Schande“ bezeichnet. Auf das Urteil selbst wollte er jedoch im Einzelnen nicht eingehen. Auch die Reaktion des Klosters auf das Urteil ist noch nicht bekannt. Die nächste Gerichtsverhandlung soll am 4. Mai 2011 sein.

Mor Gabriel wurde durch Mar Samuel Savroyo im Jahr 397 gegründet und ist damit eines der ältesten noch existierenden Klöster der Christenheit – nur die koptischen Klöster in Ägypten sind etwa gleich alt. Es ist viele Jahrhunderte älter als alle Klöster Europas. Selbst die Klosterrepublik der orthodoxen Kirche auf dem Berg Athos in Griechenland wurde erst 500 Jahre später gegründet. Das Kloster erlebte unter wechselnder Herrschaft in den darauf folgenden Jahrhunderten Höhen und Tiefen, Zeiten der Zerstörung und des Wiederaufbaus. Lange Zeit war es Sitz des syrisch-orthodoxen Metropoliten des Tur Abdin, wie das letzte christliche Rückzugsgebiet in der Südosttürkei um die Stadt Midyat auch genannt wird.

Heute ist das Kloster das geistliche Zentrum der syrisch-orthodoxen Christen in der Türkei, eine christliche Religionsgemeinschaft, die einst ihr Weltzentrum und den Sitz ihres Patriarchats im Südosten der Türkei hatte, allerdings von der laizistischen Türkei nach dem Vertrag von Lausanne von 1923 nicht als offizielle Religionsgemeinschaft des Landes anerkannt wurde. Mor Gabriel wurde in den zurückliegenden 35 Jahren vollständig renoviert, saniert und erweitert. Metropolit Timo-theos Samuel Aktas, der viele Jahre auch Abt war und seinen Sitz im Kloster hat, hat dieses Kloster wieder neu zum geistlichen Zentrum der syrischen Christen ausgebaut. Er hat nach europäischem Modell auch Sozialeinrichtungen für die letzten noch etwa 5 000 aramäischen Christen in der Südosttürkei eingeführt. Heute leben und arbeiten dort etwa 75 Personen – Mönche und Nonnen in zwei getrennten Bereichen und Lehrer mit ihren Familien für die etwa 30 Internats-Schüler, von denen die meisten aus westeuropäischen Staaten kommen, weil in den 1980er und 1990er Jahren die meisten syrischen Christen nach Westeuropa geflüchtet sind. Jährlich besuchen, nach Auskunft des Klosters, etwa 30 000 ehemalige aramäische Dorfbewohner, die nach Westeuropa geflüchtet sind, das Kloster, das somit auch zu einem bedeutenden touristischen Zentrum der Region geworden ist. In der Klosterschule wird das Aramäische, die Muttersprache, Liturgie und Literatur der syrischen Christen gelehrt. Das Aramäische war auch die Muttersprache Jesu Christi.

Die aramäischen Christen haben ihre Urheimat, die sie schon lange vor der Ankunft der Türken und Kurden bewohnt hatten, verlassen, weil sie zwischen die Fronten der Konfliktparteien im türkisch-kurdischen Bürgerkrieg geraten waren, der die Südosttürkei seit 1980 heimsucht. Damals wurden auch die Nachbardörfer des Klosters von ihren christlichen Bewohnern verlassen. Bis dahin war der Tur Abdin das letzte mehrheitlich christliche Gebiet der Türkei. Als kurdische Nomaden auf Geheiß der Aghas die Häuser der Christen übernommen haben, begannen die Probleme für das Kloster. Diese kurdischen Neusiedler genossen häufig die Unterstützung der türkischen Armeekommandanten, die in dieser Gegend, wo lange Zeit Kriegsrecht galt, die oberste Autorität darstellen. Auch die Dorfvorsteher, die die Klage eingereicht haben, genießen die Unterstützung lokaler Armeekommandanten, weil sie im Bürgerkrieg gegen die PKK auf der Seite des türkischen Staats stehen und der türkischen Armee mit den sogenannten Dorfschützern eine willkommene Hilfe leisten. Die PKK hält seit Jahren in der Nähe des Klosters in den Kandil Bergen Rückzugsgebiete. Obwohl mit der Perspektive eines möglichen EU-Beitritts der Türkei einige nach Westeuropa geflüchtete Christen wieder in ihre Dörfer zurückgekehrt sind, herrscht weiterhin ein Klima von Angst und Einschüchterung in der Gegend um das Kloster. Der Führer der PKK, Abdulah Öcalan, der aus dem nahen Midyat stammt, wurde zwar vor zwölf Jahren verhaftet und inhaftiert, aber aus dem Gefängnis heraus schürt er weiterhin ein Klima der Gewalt in diesem Gebiet.

Zur syrisch-orthodoxen Kirche, die heute vom Patriarchen Mor Ignatius Zakay I. in Damaskus geleitet wird, gehören weltweit etwa drei Millionen Gläubige, die Mehrheit davon in Indien und Europa. Sie hat 1993 ein Kirchengemeinschaftsabkommen mit der katholischen Kirche geschlossen. Sollte das Urteil Rechtskraft erlangen, droht nicht nur die Enteignung, sondern auch ein endgültiges Ende des gesamten Klosterlebens in Mor Gabriel, denn das Kloster braucht die Landwirtschaft zum wirtschaftlichen Überleben. Das Urteil lässt für die Zukunft wenig Gutes erwarten. Das Kloster Mor Gabriel mit seiner 1 600 Jahre währenden Tradition als geistiges Zentrum der weltweit verzweigten syrisch-orthodoxen Kirche von Antiochia steht geradezu symbolisch für die schwierige Lage der Christen in der Türkei. Die administrative Vernichtung des Klosters Mor Gabriel wäre ein weiterer Schlag gegen das einst blühende christliche Leben in der Türkei. Die Region, in der das Kloster in Südost-Anatolien steht, heißt auch heute noch Tur Abdin (aramäisch „Berg der Gottesknechte"). Als Gottesknechte verstanden sich einst auch alle Propheten der monotheistischen Buchreligionen, darunter auch Muhammad, der Prophet des Islams.

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