Der alte Streit um den Affenfelsen

Der Dissens um Gibraltar hat wirtschaftliche, politische und historische Gründe. Von Stephan Baier
Foto: dpa | Der Streit um Gibraltar als Frage der Ehre: Britanniens konservativer Premier David Cameron gegen Spaniens christdemokratischen Ministerpräsidenten Mariano Rajoy.
Foto: dpa | Der Streit um Gibraltar als Frage der Ehre: Britanniens konservativer Premier David Cameron gegen Spaniens christdemokratischen Ministerpräsidenten Mariano Rajoy.

In einem anderen Jahrhundert wäre wohl Mobilmachung angesagt gewesen, wären sich die lange konkurrierenden Seemächte Großbritannien und Spanien militärisch begegnet. Im 21. Jahrhundert jedoch führt der Krieg der Worte, der derzeit zwischen London und Madrid tobt, allenfalls zu einer Schlacht vor einem internationalen oder europäischen Gericht, oder zu mehr symbolischen als ernsthaften Muskelspielen. Daran ändert auch die Tatsache, dass London ein Manöver der Royal Navy vor der spanischen Küste abhält, nichts.

Es geht um Gibraltar. Doch worum geht es beim britisch-spanischen Streit um den 6,5 Quadratkilometer kleinen und von weniger als 29 000 Menschen sowie 200 Affen bewohnten Felsen an der Südspitze Andalusiens eigentlich? Vordergründig um wirtschaftliche Interessen: Madrid ärgert sich über das „Bunkering“, das eine der Haupteinnahmequellen Gibraltars ist. Zehntausende Schiffe, die die Straße von Gibraltar passieren, kaufen in schwimmenden Tankstellen der kleinen britischen Kolonie zu Dumpingpreisen Treibstoff. Das schädigt nicht nur die angeschlagene spanische Volkswirtschaft, sondern provoziert auch politisch, denn nach spanischer Rechtsauffassung gehören zu Gibraltar keinerlei Hoheitsgewässer. Dazu kommt, dass Gibraltar im Juli 70 Betonblöcke mit Metallstacheln in spanischen Gewässern versenkte, um ein künstliches Riff zu errichten. Dieses soll die (spanischen) Fischer an der (auf dem britischen Gibraltar) gesetzlich verbotenen Schleppnetzfischerei hindern.

Darauf reagierte Madrid mit Grenzkontrollen, die als schikanös bezeichnet werden können: Bei hochsommerlichen Temperaturen standen Autofahrer bis zu fünf Stunden im Stau, um die Kontrollen von Spanien nach Gibraltar zu passieren. Nun überlegt Madrid auch noch eine horrende Ein- und Ausreisegebühr. Damit wird die wirtschaftliche Kontroverse zum Rechtsstreit. Zwar beruft sich Madrid mit Recht darauf, dass das EU-Mitglied Großbritannien – und somit seine Kolonie Gibraltar – nicht zum Schengen-Raum gehört, und Grenzkontrollen darum legitim sind. Dennoch könnte London mit einer Beschwerde an die EU-Kommission Erfolg haben, wenn Brüssel feststellt, dass die Personenfreizügigkeit, die für die gesamte EU gilt, ungebührlich eingeschränkt wurde und nicht nur – wie Madrid behauptet – dem Kampf gegen Schmuggel diente. Dass sich zwei EU-Mitglieder übereinander in Brüssel beschweren oder gar gegeneinander vor den Europäischen Gerichtshof ziehen, ist an sich noch nicht ungewöhnlich. Und doch können Brüssel und Luxemburg lediglich Verletzungen europäischen Rechts prüfen und feststellen – nicht aber historische Traumata und geschichtliche Belastungen.

Genau darum aber geht es im Kern. Britanniens Flotte eroberte Gibraltar 1704 während des Spanischen Erbfolgekrieges. Im Frieden von Utrecht 1713 diktierte London seine Bedingungen: Es erhielt das Monopol auf den Sklavenhandel mit den spanischen Kolonien in Amerika, die Insel Menorca und eben Gibraltar. Geblieben ist London davon bis heute nur der Affenfelsen – trotz aller spanischen Rückeroberungsversuche. Für Spanien ein historisches Trauma, für Großbritannien ein letzter Hauch von Empire. 1805 siegte Britanniens Admiral Nelson unweit von Gibraltar über die von Spanien unterstützte Flotte Napoleons und legte damit das Fundament für die britische Seemacht.

Sogar auf dem Höhepunkt des britischen Empire, als der demographische Schwerpunkt des Weltreiches bereits im Indischen Ozean lag, vergaß London nie die strategische Bedeutung der zunächst zwei, später drei Zugänge zum Mittelmeer. Die Straße von Gibraltar, die – vor einem Jahrhundert auch von Russland erstrebten – Dardanellen und schließlich der Suez-Kanal schienen den britischen Strategen mit Recht der Schlüssel zum „mare nostrum“ zu sein. Auch davon blieb London lediglich der Affenfelsen, seit Atatürk nach Ende des Ersten Weltkriegs die türkische Staatlichkeit stabilisierte und Ägyptens Nasser 1956 den Suez-Kanal letztlich erfolgreich verstaatlichte. Für London geht es auf Gibraltar also keineswegs nur um wirtschaftliche Interessen oder um die Rechte einiger tausend Staatsbürger unterschiedlicher Herkunft. Es geht um Fragen der nationalen Ehre. Und diesen ist mit Vernunftargumenten bekanntlich nicht beizukommen.

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