Der Abgang von Gregor dem Kleinen

Gregor Gysi ist nicht mehr Fraktionsvorsitzender der „Links“-Partei. Sein Wirken hat die politische Landschaft der Bundesrepublik verändert. Von Stefan Meetschen
Foto: dpa | Ein Mann geistreicher Worte mit dem Gespür für große Gesten: Gregor Gysi verbeugt sich vor seiner Partei.
Foto: dpa | Ein Mann geistreicher Worte mit dem Gespür für große Gesten: Gregor Gysi verbeugt sich vor seiner Partei.

Das war‘s dann also. Wie bereits im Juni dieses Jahres beim Parteitag der „Linken“ in Bielefeld angekündigt, hat sich Gregor Gysi Anfang dieser Woche vom Fraktionsvorsitz der „Links“-Partei im Bundestag zurückgezogen. Von nun an stehen Sahra Wagenknecht und Dietmar Bartsch an der Spitze der Fraktion. Man muss – nicht nur weil die beiden deutlich unterscheidbare politische Standpunkte einnehmen – kein besonderer Menschen- oder Politikkenner sein, um zu wissen, wie schwer es für das dunkelrote Spitzengespann werden wird, die Lücke, die Gregor Gysi hinterlässt, zu schließen.

Denn der kleine oder – wie er selbst sagte – „kurze“ Mann aus Ostberlin, der in der DDR zunächst eine Lehre als Facharbeiter für Rinderzucht absolvierte, dann Rechtswissenschaften studierte und als SED-Mitglied und freier Anwalt eine große Karriere im sozialistischen Unrechtsstaat machte, war zweimal zehn Jahre lang mehr als nur eine integrative Kraft innerhalb der „Links“-Partei im Bundestag. Er war (und bleibt dies wohl auch als einfacher Abgeordneter im Bundestag) das Herz und die Seele der Partei, eine rote Ikone im bildungsbürgerlichen Anzug, ein „Kult“-Politiker.

Vor der Kirche und ihren Werten hat Gysi Respekt

Ohne den 67-Jährigen, der unmittelbar nach dem „Mauerfall“ vom 9. November 1989 zum Vorsitzenden der SED gewählt wurde, wäre die SED (zunächst unter dem Namen PDS, später dann als „Die Linke“) kaum reüssierfähig geworden im für sie so neuen, demokratischen System des Westens, im vereinigten Deutschland.

Doch Gysi, der aus einer jüdisch-evangelischen Familie stammt, sich selbst aber trotz aller Sympathie für Papst Franziskus und das soziale Wirken der Kirche und die verbindlichen Moralvorstellungen des Christentums als „Heide“ einstuft, gelang es mit brillanter Rhetorik, frechen Sprüchen und einer gehörigen Portion Humor und Charisma sogar bei den eingefleischten Demokraten der Bundesrepublik schnell Sympathiepunkte zu sammeln. So gekonnt, dass von 1990 bis heute auch die hartnäckigsten an ihn gerichteten Vorwürfe (Verschleierung des SED-Vermögens; IM-Tätigkeit) nicht weiter verfingen, an ihm abglitten. Was nicht heißen soll, dass die zurückliegenden 25 Jahre ein einziger Triumphzug und roter Sonnenschein für Gysi waren.

Die zweite Ehe mit einer westdeutschen Rechtsanwältin ging in die Brüche, drei Herzinfarkte (inklusive einer Gehirnoperation 2004) belasteten die Gesundheit des Politikers mit der Nickelbrille schwer. Reale politische Verantwortung übernahm Gysi nur kurz, als er im Jahr 2002 Wirtschaftssenator in Berlin wurde. Eine „Bonusmeilen“-Affäre veranlasste ihn zum schnellen Rücktritt und einer interessanten Erklärung: „Ich bin über mich zerknirscht. Diesen Fehler konnte ich mir nicht erlauben“, gab Gysi damals zu Protokoll. Mit dieser öffentlichen Beichte gelang ihm das Kunststück, sein unmoralisches Handeln im Nachhinein sogar noch als moralischen Sieg zu verkaufen.

2005 saß der geläuterte Gysi auf Drängen des von der SPD nach ganz links ausgescherten Oskar Lafontaine dann wieder im Bundestag. Durchaus zum Vorteil des dort herrschenden rhetorischen Niveaus. Denn: egal ob es um die Arbeit der Großen Koalition ging („Ihre Regierungstätigkeit hat sich vielleicht für Sie gelohnt, aber nicht für die Bevölkerung“), den globalen Terrorismus („Terrorismus kann man nicht mit der höchsten Form des Terrorismus, nämlich Krieg, bekämpfen“) oder die europäische Griechenlandkrise („Griechenland trägt keine Schuld“) – stets sorgte Gysi mit seinen geistreichen und unbequemen Sottisen für Unterhaltung und Nachdenken. Wobei er sich auch nicht scheute, die Komplimente hin und wieder in eine überraschende Richtung abzusetzen.

So wie jetzt beim Interview mit dem „Redaktionsnetzwerk Deutschland“, in dem Gregor der Kleine oder Kurze den Einheits-Kanzler Helmut Kohl nur so mit Lob überschüttet. „Helmut Kohl hat seine wirklich großen Marken gesetzt mit der Herstellung der deutschen Einheit.“ Kohl sei „ein Europäer“ gewesen, der mit Leidenschaft den Weg zur europäischen Integration gegangen sei. Nicht ganz frei von Eitelkeit fügt Gysi dann aber auch hinzu, dass er selbst die Teile der DDR in die Einheit geführt habe, „die von den anderen Parteien nicht gewollt waren und das waren nicht wenige“. Mit dem Ergebnis, dass die Nachfolgepartei der SED heute so etabliert sei, „dass es auch ein CSU-Wähler normal findet, dass es uns im Bundestag gibt“. Sprich: Wenn schon nicht der Kanzler der Einheit, so ist er doch wenigstens der Anwalt der Einheit, derjenige, der die Mühseligen und Beladenen des alten Systems salonfähig gemacht hat. Man mag diese Entwicklung bedauern, ganz falsch dürfte Gregor Gysis mit seiner Analyse aber nicht liegen. So wie er natürlich auch weiß und stets wusste, wer der eigentliche Konkurrent der „Linken“ beim Stimmenfang ist: die SPD, dieser „totale Luschenverein“, wie Gysi äußerst despektierlich zum Abschied sagt. Dass die „Linken“ (anders als in Thüringen) auf Bundesebene allerdings nur als Juniorpartner der Sozialdemokraten und der Grünen eine Regierungschance besitzen dürften, ist Gysi nicht entgangen. Wie auch? Beherrscht er die Dialektik von trickreichem Angriff und klugem Rückzug doch seit Jahren.

Viel spricht dafür, dass der Rückzug endgültig ist

Ist also – so wie vor 15 Jahren, als Gysi schon einmal den Rückzug aus der Politik verkündete und sich, wie erwähnt, von Oskar Lafontaine dann doch in die erste Reihe zurückholen ließ – doch noch nicht definitiv Schluss mit jeder politischen Verantwortung?

Könnte das Hinterbänklertum, das so gar nicht zu Gysi passen will, vielleicht doch nur wieder eine Übergangsperiode sein? Wenn man Gysis melancholische Rührung beim Parteitag bedenkt und seine Aussagen im Interview mit dem „Redaktionsnetzwerk“ liest, kann man zu dem Eindruck kommen, dass er es diesmal wirklich ernst und endgültig meint.

So wünscht Gysi der Bundeskanzlerin einen so gelungenen Abgang wie den seinen. „Zu gehen, wenn sie im Zenit ihres Ansehens steht, nicht, wenn sie im Keller ist.“ Außerdem freue er sich auf einen „neuen Lebensabschnitt“, der vermutlich die Aspekte seines Tuns, die bisher etwas am Rand lagen, wie Bücher oder politische Essays schreiben, Talkshows moderieren, ins Zentrum rücken wird. Seine „Autobiographie“ wolle Gysi schreiben, heißt es in der „Süddeutschen Zeitung“, dazu „außenpolitisch tätig sein“. Nun denn.

Erwähnenswert ist es in jedem Fall, dass neben der „Süddeutschen“ auch die „Bild“-Zeitung den kleinen Mann, dem sie nicht immer wohlgesonnen war – ob berechtigt oder nicht sei jetzt dahingestellt – mit einer Übersicht seiner „kultigsten Sprüche“ würdigt („Good bye, Gysi“).

Ein Spruch lautet: „Leute, die herausragen, haben meistens etwas Besonderes. Und das Besondere ist meistens nicht sehr bequem.“ Für keinen anderen Politiker seit Herbert Wehner, Franz Josef Strauß und Joschka Fischer trifft dies so zu, wie für Gregor Gysi.

Mit Material von dpa/kna

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