Den Kommunisten die Stirn bieten

In der kubanischen Bevölkerung wächst der Unmut über die Regierung. Von Benedikt Vallendar
Foto: Vallendar | Der Alltag in Kuba ist von Mangel und Unterdrückung geprägt.
Foto: Vallendar | Der Alltag in Kuba ist von Mangel und Unterdrückung geprägt.

„Die Karre will nicht mehr“, schimpft Juan, der Taxifahrer, als er mit einem kräftigen Hauruck vom zweiten in den dritten Gang hochschaltet. Es ist Ende März und schwül heiß in La Havanna, der Hauptstadt Kubas. Nur ab und zu weht vom Meer eine kühle Brise herüber. Juan hat große Mühe. Nach dem dritten Versuch heult der Motor kurz auf, und die Fahrt geht weiter. Der alte Lada, Baujahr 1977, ist des 31-Jährigen wichtigstes Kapital. Damit kutschiert der Familienvater Touristen und alle, die es sich leisten können, durch La Havanna. Juan hat keine Taxilizenz und sein Lada kein Schild auf dem Dach. Und dennoch findet der Kleinunternehmer Kundschaft. Denn überall auf der Insel blüht das illegale Taxigewerbe, mangels anderer Einkunftsarten. Tagsüber stehen die Fahrer wie scheinbar gelangweilt mit ihren Autos im Zentrum La Havannas zwischen der Avenida Obrapia und dem Kapitol und warten auf Mitfahrende. Die privaten Taxis bieten ihre Dienste etwas preiswerter an als die staatlichen, gelben „Cubataxis“. So kommt Juan auf ein geringes Monatssalär von knapp 40 Euro, bei Abzug der Benzin- und Reparaturkosten. Und dennoch verdient Juan damit das Vierfache eines kubanischen Lehrers an einer Mittelschule, und gar das Dreifache eines Arztes in einer staatlichen Klinik. Auf die Frage, wie viele kubanische Lehrer nach seiner Einschätzung als Taxifahrer arbeiten würden, antwortet Juan mit einem müden Lächeln. „Immerhin dürfen wir seit Oktober 2011 unsere Autos verkaufen, also so etwas wie Handel damit treiben“, sagt er.

Nicht sofort zu sehen: Der tägliche Überlebenskampf

Viele Kubaner sehen darin eine weitere Öffnung des Landes in Richtung Marktwirtschaft, manche nur eine kosmetische Maßnahme, um die ärgsten Unbilden des Kommunismus zu übertünchen. Wie das Leben von Millionen Kubanern aussieht, die tagtäglich mit ihrer Hände Arbeit ums Überleben kämpfen, erschließt sich dem Außenstehenden oft erst auf den zweiten Blick. Für jedes private Geschäft müssen Kubaner eine Genehmigung beantragen und dafür saftige Gebühren zahlen. Die meisten Bürger im arbeitsfähigen Alter haben auch deshalb nur ein Ziel: Die USA oder Europa.

Eine, die sich seit einigen Jahren massiv gegen die Bevormundung durch die Kommunisten zur Wehr setzt, ist die Literaturwissenschaftlerin Yoani Sánchez. Wahrscheinlich ist die 38-Jährige, in den Augen der Regierung, so etwas wie die „meist gehasste Person“ Kubas. Ihr Buch „Cuba libre“, das 2011 erschien, ist eine schonungslose Abrechnung mit dem kommunistischen Regime und wurde in 22 Sprachen, auch ins Deutsche übersetzt. Darin beschreibt sie den harten und teilweise grotesken kubanischen Alltag. Heute lebt die Autorin in einer Plattenbausiedlung im elften Stockwerk am Rande La Havannas. „Die kubanische Regierung verteufelt den Kapitalismus und ist doch selbst der größte Kapitalist im Lande“, sagt Sánchez. „Private Unternehmer, die das Angebot an Waren und Dienstleistungen verbreitern und damit die Preise sinken lassen würden, brandmarkt die Regierung als ,Ausbeuter‘“, sagt die zierliche Frau. Doch der Peso Convertible (CUC), der im knappen Verhältnis von eins zu eins zum US-Dollar gehandelt wird und ursprünglich nur für Touristen eingeführt wurde, entwickelt sich immer mehr zur offiziellen Währung des Landes, ohne die Kaufkraft zu berücksichtigen. Profiteur ist allein der Staat, der zur Rechtfertigung gerne auf das seit 1961 bestehende US-Embargo verweist. Eine 1,5-Liter-Flasche Mineralwasser kostet in La Havanna umgerechnet 1,20 Euro, das Pfund Bohnenkaffee rund 17 Euro. Der kleine Mann auf der Straße, für den die Kommunisten vorgeben, Politik zu machen, leidet am meisten unter der Situation.

Auch von einer freien Medienlandschaft ist Kuba weit entfernt. Zu lesen bekommt der Normalbürger nur die Parteizeitung „Granma“, deren Mitarbeiter keine Journalisten sind, sondern als PR-Leute im Auftrag der Staats- und Parteiführung agitieren. Und dennoch gibt es inzwischen auch zaghafte Ansätze freier Berichterstattung. Die wenigen freien Journalisten und Internetblogger sind jedoch rar gesät. Etwa Roberto de Jesús. Wer den 41-Jährigen besuchen möchte, hat es schwer. Nur eingeweihte Freunde und Insider aus Oppositionskreisen wissen, wo der studierte Ethnologe in La Havanna lebt. Häufig muss er seinen Aufenthaltsort wechseln, aus Angst, in die Fänge der Staatssicherheit zu geraten. Roberto de Jesús gehört zu einer kleinen Gruppe kubanischer Oppositioneller, derer es seit dem Rücktritt Fidel Castros 2005 immer mehr auf der Zuckerinsel gibt. Er hat mehrere Jahre im Gefängnis gesessen, wegen „ideologischer Diversion“, wie es im Jargon der Einheitspartei heißt. Das Problem der Opposition: Viele Gruppen wissen nichts voneinander, denn freier Internetzugang ist nahezu unmöglich. Inlandsverbindungen per Telefon werden streng überwacht. Nur internationale Hotels und einige staatliche Läden bieten Zugang zum Netz, für rund sechs Euro die Stunde. Kaum ein Kubaner kann sich das leisten.

Roberto de Jesús leitet eine kleine, unabhängige Nachrichtenagentur namens „Hablemos Press“ (zu Deutsch: „Lasst uns sprechen, und darüber berichten“). Sie sammelt seit 2009 Informationen über Festnahmen und sonstige Unterdrückungsmaßnahmen der kubanischen Polizei und leitet sie über private Netzwerke weiter. „In manchen Fällen haben die Oppositionsgruppen 50 bis 100 Mitglieder, in anderen sind es nur kleine Zellen von zehn bis zwölf Leuten, die sich um einen politischen Gefangenen und dessen Angehörige gruppieren“, sagt de Jesús. Nach Angaben von Hablemos Press wurden allein im Oktober 2011 mehr als 350 Personen aus politischen Motiven auf Kuba verhaftet. Selbst vermeintlich harmlose Berufsgruppen wie Bibliothekare, die sich für freien Medienzugang und eine ideologiefreie Bildung einsetzen, gehören nach Angaben von Hablemos Press zu den Opfern der Castro-Diktatur.

Kommt es irgendwo im Land zu spontanen Protestmärschen besonders mutiger Oppositioneller, halten die lokalen „Komitees zur Verteidigung der Revolution“ (CDR) stets eine Truppe treuer, meist gekaufter Anhänger auf Reserve, die sie zur „schnellen Antwort“ gegen die ideologischen Abweichler als Gegendemonstranten auf die Straßen schicken. Hauptamtliche Mitarbeiter der kubanischen Staatssicherheit halten sich meist dezent im Hintergrund. Kommt es zu Rangeleien, nehmen Greiftrupps die Regimegegner fest und führen sie in bereitgestellten Fahrzeugen ab. Doch was auffällt: Neuerdings sind immer weniger Menschen bereit, für die Komitees auf der Straße die Drecksarbeit gegen Andersdenkende zu erledigen. Den Jubelkommunisten mangelt es offenbar an Nachwuchs.

Willkürliche Festnahmen: Die Regierung ist nervös

Der Menschenrechtsaktivist Elizardo Biscet hat fast zwölf Jahre für seine politische Überzeugung im Gefängnis gesessen. Er weiß von angeblichen „Meinungsverschiedenheiten“ auf der militärischen Führungsebene Kubas. Der 50-Jährige Arzt gilt als Hoffnungsträger innerhalb der kubanischen Dissidentenszene. In Exilmedien wurde er auch schon als „Nelson Mandelas Kubas“ bezeichnet. Ihm trauen Beobachter im Moment am ehesten zu, nach einem Machtwechsel eine führende politische Rolle auf der Insel zu spielen. Nahezu täglich kursieren in Kuba Nachrichten über willkürliche Festnahmen und von der Partei organisierte „Volkserhebungen“, wenn Bürger öffentlich für ihre Rechte eintreten. „Das Prozedere ist fast immer dasselbe und zeigt die Nervosität der kubanischen Regierung“, sagt Martin Lessenthin, Sprecher der Internationalen Gesellschaft für Menschenrechte (IGFM) in Frankfurt am Main. „Staatssicherheitsbeamte in Zivil nehmen Oppositionelle willkürlich fest, setzen sie für ein paar Stunden bis Tage in Gewahrsam und versuchen, sie und ihre Angehörigen durch Drohungen gefügig zu machen“, sagt Lessenthin. „Dank gut vernetzter Informanten gelangen Hinweise über Verhaftungen heute schneller als früher nach außen, weshalb die kubanische Regierung im Internet die größte Bedrohung ihrer Macht sieht“, sagt er. Die erfolgreichen Volkserhebungen in der arabischen Welt haben gezeigt, was durch das World Wide Web möglich ist.

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