Den Blick nach vorne gerichtet

Nach Markus Meckel führt General a.D. Wolfgang Schneiderhan zunächst den Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge Von Carl-Heinz Pierk

Die Entfremdung zwischen Volksbund-Präsident Markus Meckel und der Bundesgeschäftsstelle des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge in Kassel muss eklatant gewesen sein. Wie anders ist die folgende Erklärung der Volksbund-Zentrale vom 22. September zu verstehen: „Wie die Mitarbeiter des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge zunächst aus der Presse erfahren haben, ist ihr Präsident Markus Meckel zurückgetreten. Meckel ist damit seiner Abberufung zuvorgekommen, über die morgen die Delegierten des außerordentlichen Bundesvertretertages, des obersten Beschlussorgans des Volksbundes, abstimmen wollten. Damit zieht Meckel die Konsequenz aus einer monatelangen verbandsinternen Auseinandersetzung um sein Amtsverständnis und Führungsverhalten.“ Seine Abwahl hatte auf dem Bundesvertretertag gedroht, der am 23. September nach Göttingen einberufen worden war. Der letzte Außenminister der DDR und langjährige SPD-Bundestagsabgeordnete führte den Verband seit dem 12. Oktober 2013.

Meckel zeigte sich in einer Presseerklärung enttäuscht darüber, dass eine Abwahl geplant war, obwohl sich „viele zukunftsorientierte haupt- und ehrenamtliche Mitstreiter für die neue Ausrichtung entschieden hatten“. Im Vorfeld des außerordentlichen Bundesvertretertages am vergangenen Freitag seien laut Meckel die Delegierten bereits „vorab gezielt dahingehend beeinflusst worden, ein Abwahlverfahren gegen mich zu unterstützen“. So seien mehr als die Hälfte der Delegierten gegen ihn eingestimmt worden. Auch sei von der Bundesgeschäftsstelle öffentlich zu einer Pressekonferenz am Freitag eingeladen worden, bei der er nicht dabei sein sollte. Das seien „willkürliche Akte“, die von einer politischen Kultur zeugten, die er nicht akzeptieren könne.

Im Frühsommer war der Streit zwischen Meckel und der erst seit dem 1. September 2015 im Amt befindlichen Generalsekretärin Daniela Schily, einer Nichte des früheren Bundesinnenministers Otto Schily, sowie einigen Landesvorsitzenden im Verband eskaliert. Dabei ging es um Kompetenzstreitigkeiten, die Verwendung von Geldern und die künftige Ausrichtung des Volksbundes. Schily warf Meckel vor, sich in alles einzumischen, sich nicht auf rein repräsentative Aufgaben zu konzentrieren. Auch inhaltlich gab es Querelen: Meckel trieb den Prozess um ein neues Leitbild voran, in dem es unter anderem um die Aufarbeitung der NS-Zeit und die Schuldfrage geht. Im Leitbild, das im Juni vom Präsidium des Volksbunds verabschiedet worden war, ist der Zweite Weltkrieg als Angriffs- und Vernichtungskrieg festgeschrieben. Kritiker aus den 16 Landesverbänden und 24 Bezirksverbänden warfen Meckel vor, es sei nicht Aufgabe des Volksbundes, die Geschichte aufzuarbeiten. Im vom Bundesvertretertag einstimmig verabschiedeten Leitbild heißt es nun: „Wir stellen uns der deutschen Geschichte: Im Ersten Weltkrieg mit seinen Folgen lag der Ursprung einer Epoche exzessiver Gewalt und totalitärer Diktaturen, die im Zweiten Weltkrieg einen historischen Höhepunkt fand. Dieser Angriffskrieg des nationalsozialistischen Deutschlands forderte Millionen Opfer, Soldaten und Zivilisten, und war Voraussetzung für beispiellose Verbrechen bis hin zum Völkermord an den europäischen Juden. Damit stellt sich auch die Frage der persönlichen Verantwortung unter den Bedingungen von Diktatur und Krieg. Pauschale Schuldzuweisungen verbieten sich: Die Meisten kämpften im Bewusstsein, ihre nationale Pflicht zu erfüllen. Viele machten sich schuldig. Andere konnten sich entziehen. Wenige leisteten Widerstand.“

Von Aufbruchstimmung im Volksbund ist jetzt die Rede. Ein Schlusspunkt wurde hinter die monatelange verbandsinterne Auseinandersetzung um das Amtsverständnis und Führungsverhalten ihres obersten Repräsentanten gesetzt. In einer „Göttinger Erklärung“ bekundeten die Delegierten des Bundesvertretertages ihren Willen, den eingeleiteten Reformprozess fortzuführen. „Jetzt kommt es zunächst darauf an, die aufgetretenen Gegensätze innerhalb des Volksbundes wieder zu vereinen. Wir erfüllen mit der Sorge für die Gräber der deutschen Kriegstoten, mit der Betreuung der Angehörigen sowie mit unserer Jugend- und Bildungsarbeit wichtige Aufgaben im In- und Ausland. Dazu benötigen wir eine vertrauensvolle und von gegenseitiger Wertschätzung getragene Zusammenarbeit zwischen allen, die an diesem Werk beteiligt sind. Darum wollen wir uns bemühen“, teilte Wolfgang Schneiderhan mit, zum Zeitpunkt des Bundesvertretertags auf USA-Reise. Der ehemalige Generalinspekteur der Bundeswehr, seit 2014 stellvertretender Präsident des Volksbundes, übernimmt bis auf weiteres die Aufgaben des Präsidenten.

Ein neuer Präsident soll Ende 2017 gewählt werden. Mit Schneiderhan verbindet sich die Hoffnung, dass der Volksbund mit seiner Neuaufstellung für das 21. Jahrhundert nun auch stärker in der Öffentlichkeit wahrgenommen wird und sich neue Partner in Politik und Gesellschaft erschließen. Enge Kontakte bestehen zum Beispiel zur Katholischen Militärseelsorge. Mehrfach nahm Schneiderhan an der Internationalen Soldatenwallfahrt nach Lourdes teil. Er ist unter anderem Mitglied im Beirat des Zentrums für ethische Bildung in den Streitkräften (zebis) und Schirmherr der Katholischen Familienstiftung für Soldaten.

Bis heute wird der Volksbund bis zu 70 Prozent von Spenden und Zuwendungen der Erlebnisgeneration, Kriegsteilnehmern und deren Familienmitgliedern finanziert. Das wird nicht so bleiben. Deshalb dürfte es eine der vorrangigsten Aufgaben von Schneiderhan sein, das Gedenken an Kriegstote so zu gestalten, dass der jüngeren Generation ein zeitgemäßes Gedenken möglich ist. Ein einfaches „Weiter so“ wird es unter seiner Leitung im Volksbund nicht geben, teilte der kommissarische Volksbund-Präsident in einer „Persönlichen Erklärung“ anlässlich des Bundesvertretertags mit: „Denn der Volksbund hat – das gilt besonders für die vergangenen 30 Jahre – eine gute Tradition, sich und seine Arbeit immer wieder auf den Prüfstand zu stellen. Insofern ist der aktuelle Prozess als eine Etappe auf dem Weg unserer nun bald 100 Jahre alten Organisation zu verstehen.“ Einen Rückgang der Beiträge und Spenden könne man nicht feststellen, teilte Schneiderhan mit – trotz aller Berichte über eine schwierige finanzielle Situation des Volksbundes. Markus Meckel in seiner damaligen Funktion als Präsident hatte dagegen auf der Homepage des Verbandes geschrieben: „Der Volksbund wird nach der den Gremien vorliegenden mittelfristigen Finanzplanung schon in wenigen Jahren durch den Rückgang von Spenden die Wahrnehmung seiner Aufgaben nicht mehr finanzieren können...“ Meckel war daraufhin vorgeworfen worden, den Volksbund in die Pleite zu reden. Auf die Sicherstellung der Finanzierung der weltweiten humanitären Aufgaben des Volksbundes wird Schneiderhan sein besonderes Augenmerk richten müssen.

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