Den Armen wird der Boden unter den Füßen weggezogen

Bauern in Afrika verlieren ihre Lebensgrundlage, weil Investoren ihr Land billig aufkaufen. Das verschärft den weltweiten Hunger. Von Reinhard Nixdorf
Foto: dpa | Die Vertreibung der ländlichen Bevölkerung von ihrem Ackerland verschärft den Hunger nicht nur auf dem schwarzen Kontinent.
Foto: dpa | Die Vertreibung der ländlichen Bevölkerung von ihrem Ackerland verschärft den Hunger nicht nur auf dem schwarzen Kontinent.

Dramatisch zeigt die Hungersnot am Horn von Afrika, wie politisches Versagen, gepaart mit einer Dürre, das Leben von Millionen bedroht und vernichtet: Hunger wird gemacht. Aber zu Dürren, steigenden Preisen und zur politischen Instabilität treten nun auch Großkonzerne und Regierungen, die Ackerland in Afrika und Asien kaufen und pachten und damit Millionen Menschen die Lebensgrundlage nehmen. Damit verschärfen sie das Welthungerproblem und weiten die Schere zwischen Arm und Reich aus.

Denn Spekulanten haben ausgerechnet die Äcker der Entwicklungsländer als neue Form der Anlage entdeckt. In Äthiopien verpachtet die Regierung fruchtbares Ackerland an indische Investoren. Diese bauen in großem Stil an und exportieren die Ernte. Die Kleinbauern, die dort vorher ihre Felder bestellt haben, mussten das Land verlassen. Das Land gehörte der Gemeinschaft. Jetzt hat es die Regierung den ausländischen Investoren verpachtet. Aber um sich zu ernähren, brauchen die Kleinbauern ein Stück Land. Mehr als drei Viertel der Äthiopier leben auf dem Land. Nur wer sich selbst verpflegt, überlebt. Ohne Land ist das schwierig: Schon jetzt muss Äthiopien jährlich für fünf Milliarden Dollar Lebensmittel einführen und bekommt fast zwei Milliarden an Hungerhilfen. Das Geschäft mit den ausländischen Investoren hat die prekäre Lage der Landbevölkerung verschärft.

„Land Grabbing“ wird das aggressive Geschäft mit Agrarland genannt, dessen Profiteure aus Amerika, Europa, Indien, den arabischen Ölstaaten und China stammen. Sie kaufen überall, wo es billiges Land gibt, zumal in Afrika: in Angola, Kenia und Kongo ebenso wie in Madagaskar, Mali, Mosambik, Sambia, dem Sudan und Tansania. Dass viele dieser Staaten Nahrungsmittel importieren müssen und der Verkauf und die Verpachtung des Landes Menschen um ihre Lebensgrundlage bringt, scheint dabei nicht ins Gewicht zu fallen.

Guter Boden wird knapp. Mit dem Bevölkerungswachstum und den veränderten Ernährungsgewohnheiten in Schwellenländern wächst die Nachfrage nach Nahrungsmitteln. Landwirtschaftliche Flächen gehen durch Erosion, Versalzung und Besiedlung verloren, der Klimawandel gefährdet Ernten. Zugleich drängt der Anbau von Pflanzen für Bioenergie und Biomaterialien die Flächen für die Ernährungslandwirtschaft zurück.

Neben Konzernen, die in großem Stil nachwachsende Rohstoffe anbauen, beteiligen sich Schwellenländer, die die Versorgung ihrer rasch wachsenden Bevölkerung sichern wollen, am Land Grabbing. Einer der größten Pächter in Afrika ist China. Allein 2,8 Millionen Hektar groß soll die Fläche sein, die China von der Republik Kongo gepachtet hat, um dort die größte Ölpalmenplantage der Welt aufzuziehen. Weitere Landnutzungsverträge soll China mit Sambia, Simbabwe, Tansania und Uganda unterzeichnet haben. Ebenso wie China sorgen sich die Golfstaaten und Brasilien um ihre Lebensmittelversorgung und sichern sich in Afrika und Asien ganze Landstriche.

In Madagaskar rebellierte die Bevölkerung allerdings. 2008 wollte der Konzern Daewoo Logistics mit Unterstützung der südkoreanischen Regierung eine Fläche so groß wie Belgien für 99 Jahre pachten. Das Geschäft mit der Regierung war so gut wie abgeschlossen. Doch als der Vertrag bekannt wurde, kam es zu Protesten. Die Bevölkerung befürchtete den Ausverkauf ihres Landes, Kleinbauern bangten um ihre Existenz. Die Regierung unter Präsident Marc Ravalomanana musste zurücktreten. Der Deal war geplatzt.

Nach Informationen der Nichtregierungsorganisation Oxfam sollen seit 2001 insgesamt bis zu 227 Millionen Hektar Land aufgekauft oder gepachtet worden sein, der Großteil davon in den letzten zwei Jahren. Dies entspreche einer Fläche so groß wie Westeuropa.

Landwirtschaftliche Investments werden mittlerweile aggressiv beworben. In Zeiten der Finanzkrise scheint das Geschäft mit Ernte und Boden eine sichere Sache zu sein, die auch deutsche Anleger interessiert.

Doch mit den Renditeaussichten steigt auch die Zahl der Hungernden. Fast eine Milliarde Menschen haben täglich nicht genug zu essen. Um die Not zu lindern, müssen die Entwicklungsländer jährlich für mehrere Milliarden Dollar Lebensmittel einkaufen. Das Land Grabbing verstärkt die Versorgungskrise, weil es die bisherigen Landnutzer von ihren Feldern vertreibt und ihnen die Möglichkeit zur Selbstversorgung nimmt.

Investoren nutzen Lücken in den Grundbüchern

Zwar behaupten viele Investoren, die sich am Land Grabbing beteiligen, Land zu bewirtschaften, das vorher nicht genutzt wurde. Wie wenig dieser Anspruch mit der Wirklichkeit zu tun hat, zeigt das Beispiel Kambodschas. Dass ausländische Investoren dort angeblich freies Land pachten können, liegt daran, dass während der Schreckensherrschaft der Roten Khmer (1975 bis 1979) sämtliche Kataster-Unterlagen vernichtet wurden. Seit Anfang der neunziger Jahre ermöglichen Verfassung und Gesetzgebung, Landtitel registrieren zu lassen. Nach Angaben der Deutschen Welthungerhilfe waren 2009 nur vierzehn Prozent der geschätzten viereinhalb Millionen Anträge bearbeitet worden. Gleichzeitig kann der kambodschanische Staat seit Anfang der neunziger Jahre Landkonzessionen an private Investoren vergeben. Doch die Landvergabe verläuft kaum im Rahmen der rechtlichen Vorgaben. Die Deutsche Welthungerhilfe schätzt, dass bis Ende der neunziger Jahre mehr als ein Drittel der ländlichen Bevölkerung von ihrem angestammten Land vertrieben wurde, um Raum für Agrarland- und Forstkonzessionen zu machen. Die Folgen sind Armut, Not und Hunger. Und so wie Kambodscha können sich in vielen Entwicklungsländern ausländische Investoren Lücken im Grundbuch zunutze machen.

Nach einem langen Schattendasein erlebt die Landwirtschaft eine Boomphase. Selten war das Interesse von Staaten und Unternehmen so groß, massiv in die Landwirtschaft zu investieren. Diese Investitionen werden dringend benötigt: Um 2030 alle Menschen ernähren zu können, muss den Vereinten Nationen zufolge die Nahrungsmittelproduktion um fünfzig Prozent gesteigert werden. Aber der aggressive Landaufkauf wird, zusammen mit der industriellen Ausbeutung der Böden und der Vertreibung der ansässigen Bevölkerung, die Versorgungskrise dramatisch verschärfen. Denn was haben Anleger von Investitionen, die Unruhen und Hungerrevolten provozieren, was nützt ihnen auf die Dauer eine Bewirtschaftung, bei der Böden in wenigen Jahren verdorren und Wasservorkommen überbeansprucht werden? Erst mit einem Agrarkonzept, das Armut reduziert, die Ernährung aller sichert und ökologisch nachhaltig arbeitet, ist allen geholfen.

Als Alternative zum Landverkauf empfiehlt Olivier de Schutter, Sonderbeauftragter der Vereinten Nationen für das Recht auf Nahrung, die Vertragslandwirtschaft. Investoren liefern dabei Technik und Kapital, heimische Bauern bleiben Eigentümer oder Pächter des Landes und geben Mais, Weizen oder Reis zu festen Preisen ab. „Wenn das Land Grabbing in diesem Ausmaß weitergeht, werden wir Europäer es bald merken“, warnte Olivier de Schutter kürzlich gegenüber dem Hessischen Rundfunk. „Entweder als steigende Preise auf den Weltmärkten, als verstärkte Folgen des Klimawandels, wenn in Afrika oder Asien Monokulturen bestehende Agrarstrukturen und Wälder ersetzen, oder wenn die Menschen, denen dort der Boden im wahrsten Sinn des Wortes unter den Füßen weggezogen wird, vor unserer Haustür stehen.“

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