Dem Schicksal Valentins haarscharf entgehen

Was der heutige Tag mit Männern, ihrer Liebsten und dem Naturzustand des Menschen zu tun hat

Von Johannes Seibel

Achtung, heute ist Valentinstag. Nicht, weil der heilige Valentin für seinen Glauben hingerichtet worden ist, dürfte den Männern jetzt der Puls rasen, sondern weil die Liebste gegenübersitzt und so ein merkwürdiges Gesicht macht. Was in Worte übersetzt heißt: Hat er es schon wieder vergessen, und ob er mich noch liebt?

Solcherart ertappte Männer haben genau zwei Möglichkeiten: Entweder sie entwickeln auf der Stelle eine formidable Kapitalismuskritik, oder sie leisten zerknirscht Abbitte und überraschen die Liebste heute Abend mit einem traurigen Blumensträußchen von der Tankstelle.

Sie versuchen es also mit der Kapitalismuskritik? Fragen Sie zunächst die Liebste, ob sie es nicht auch schrecklich fände, wenn die Nokia-Mitarbeiter in Bochum das ganze Jahr schufteten und dann einfach rausgeworfen würden, weil es in Transsylvanien arme Schlucker gäbe, die Handys für ein paar Cents zusammenlöteten? Die Liebste wird mit einem „Ja“ antworten müssen. Dann fragen Sie, was den Nokia-Mitarbeitern eher nütze: eine tolle Abfindung zu bekommen oder den Job zu behalten? Die Liebste wird letzteres bejahen müssen. Ontologisieren Sie jetzt den Befund: Ist es nicht schlimm am Kapitalismus, dass er die Menschen in einem Strudel der Ausbeutung verschlingt, was mit Konsum nur verschleiert wird – wo der Mensch doch in Wirklichkeit nur aus dem Naturzustand des bedürfnislosen Lebens vertrieben wird? Antwortet die Liebste auch hier mit einem „Ja“, steht die Rettung bevor. Setzen Sie den entscheidenden Theoriestoß: Wegen dieses bisschen konsumterroristischen Valentinstages also wolle doch auch die Liebste nicht den paradiesischen Naturzustand aufs Spiel setzen, oder? Nickt sie, haben Sie gewonnen und sind zumindest für dieses Jahr dem Schicksal Valentins haarscharf entgangen.

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