Das Schweigen der Feigen

Lebensrechtler kritisieren ZDF Satire-Sendung über „Marsch für das Leben“. Unionsfraktionsvize Jung nennt Anschlag auf Berliner Kirche „Angriff auf freiheitlich-demokratische Grundordnung“. Von Markus Reder
Foto: dpa | Ist 2015 zum „Marsch für das Leben“ eingeladen, um sich ein authentisches Bild zu machen: Moderator Oliver Welke.
Foto: dpa | Ist 2015 zum „Marsch für das Leben“ eingeladen, um sich ein authentisches Bild zu machen: Moderator Oliver Welke.

Erst Randale gegen friedliche Demonstranten beim „Marsch für das Leben“. Dann ein Anschlag auf eine Kirche in Berlin-Prenzlauer Berg, der zu Ermittlungen des Staatsschutzes führt. Und nun legte das ZDF nach und zog Lebensschützer mit einer Satire-Sendung in den Schmutz. So geschehen in der „heute-show“ des ZDF am Freitag. In einem Satire-Beitrag wurden die 5 000 Teilnehmer des „Marsches für das Leben“ grob lächerlich gemacht und bewusst religiöse Gefühle verletzt.

Proteste von politischer Seite gegen den Anschlag in Berlin und den Umgang mit friedlichen christlichen Demonstranten blieben bislang weitgehend aus. Das haben Vertreter von Lebensrechtsorganisationen und kirchlichen Hilfswerken kritisiert. Am Montag äußerte sich der Unionsfraktionsvize und kirchenpolitische Sprecher von CDU/CSU Franz Josef Jung gegenüber der „Tagespost“ zum Anschlag auf die Berliner Herz-Jesu-Kirche: „Gewaltsame Übergriffe auf religiöse Bauten und Einrichtungen in unserem Land sind auch jedes Mal ein Angriff auf unsere freiheitlich-demokratische Grundordnung! Sie richten sich klar gegen das Menschenrecht auf Religionsfreiheit und beeinträchtigen unser friedliches Zusammenleben“, hob Jung hervor. Ein direkter Vergleich zu den abscheulichen Verbrechen an Christen, Jesiden und Moslems in Syrien oder dem Nordirak sei nicht zielführend, so Jung weiter. Das relativiere die Schwere der dortigen Not, meinte der CDU-Politiker. „Gleichwohl dürfen wir das Thema vor unserer eigenen Haustür nicht unter den Teppich kehren“, forderte Jung. „Noch im November werde ich als Kirchen- und Religionsbeauftragter der CDU/CSU-Bundestagsfraktion ein Gespräch mit Vertretern unterschiedlicher Religionen führen, um den Ursachen der Übergriffe genauer auf den Grund zu gehen und mögliche Lösungsansätze zu diskutieren.“

Auch der Vorsitzende des Bundesverbandes Lebensrecht (BVL), Martin Lohmann, äußerte sich am Montag gegenüber dieser Zeitung. „Es ist höchste Zeit, dass wir alle endlich aufwachen“, mahnte Lohmann. „Wer Kirchen schändet, wer Anschläge gegen Lebensschützer verübt, wer Hilfe zum Leben durch Verwüstung von Büros verhindert, der darf nicht mit dem Schweigen der Feigen belohnt werden“, sagte Lohmann. „Wehret den Anfängen! Nie wieder Hass und Gewalt. Auch nicht gegen Christen! Wir brauchen weder braun lackierte Rote noch rot lackierte Braune. Stoppen wir jede Form von Extremismus. Und enttarnen wir die geistigen Brandstifter in Parteizentralen und Verbänden, die – wie gegen den friedlichen Marsch für das Leben geschehen – junge Menschen mit Hass vollpumpen.“ Lohmann forderte Respekt, Anstand, Mut und Friedfertigkeit. Wer für das Leben sei, verdiene die Unterstützung von allen Menschen guten Willens.

Mit Blick auf die ZDF-Satire-Sendung meinte Lohmann, es sei erstaunlich, dass die öffentlich-rechtliche Anstalt ZDF keinen Auftrag verspürt, über eine beeindruckende Demonstration von vielen tausend wachen Bürgern für das Lebensrecht wenigstens ansatzweise zu berichten, sich aber dann „auf niedrigstem und zum Teil blasphemischem Niveau über diese Friedensträger“ lustig mache. Gute Satire habe Niveau, davon sei die „heute-show“ meilenweit entfernt, „wenn religiöse Gefühle offenbar willentlich primitiv verletzt werden“. „Der Diskriminierungsdrang scheint in der „heute-show“ jeden Rest an Verantwortung und Respekt beziehungsweise Anstand gegenüber den religiösen Gefühlen christlicher Gebührenzahler komplett zu ersticken“, meinte Lohmann. Gute Satire setzte die Befähigung zum Niveau voraus. Nicht jeder scheine das noch zu wissen. Lohmann lud Oliver Welke, den Moderator der „heute-show“, ein, am 19. September 2015 selbst beim „Marsch für das Leben“ mitzugehen und sich ein „authentisches Bild“ machen.

Auch der Redaktionsleiter der Evangelischen Nachrichteragentur idea, Wolfgang Polzer, kritisierte die ZDF–Sendung deutlich. „Satire darf alles, sagt man. Mag sein, aber es ziemt sich nicht alles. Für einen öffentlich-rechtlichen Fernsehsender ziemt es sich jedenfalls nicht, Bürger, die für die Schwächsten auf die Straße gehen, durch den Kakao zu ziehen“, schrieb Polzer in einem Kommentar zur „heute-show“.

Christen, die sich für ein Europa ohne Abtreibung und Euthanasie engagieren, müssten sich provozieren lassen, während die linksgerichteten und teilweise gewaltbereiten Störer des Marsches ungeschoren davongekommen seien, beklagte Polzer. „Diese Satiresendung zeigt überdeutlich, wie sehr das Rechtsempfinden gestört ist, wenn es um Fragen des Lebensschutzes und des Glaubens geht.“ Auch in einer öffentlich-rechtlichen Anstalt sei anscheinend niemandem mehr bewusst, dass Abtreibung Tötung eines Menschenlebens nach wie vor ungesetzlich ist – auch wenn solche Eingriffe nicht strafrechtlich verfolgt werden, heißt es in dem Idea-Kommentar weiter. Christen müssten sich gefallen lassen, dass das Fernsehen ihren Glauben verhöhnt und verspottet. „Es scheint äußerst fraglich, ob das ZDF in gleicher Weise mit Muslimen oder Juden verfahren würde“, schrieb Polzer und beklagt: „Auf Proteste von Kirchenvertretern in den Aufsichtsgremien wartet man bisher vergebens.“

Nach dem linksextremistischen Anschlag auf die katholische Pfarrei Herz Jesu in Berlin hatte das katholische Hilfswerk „Kirche in Not“ die Politik zu einem deutlichen Zeichen gegen jede politisch oder religiös motivierte Gewalt aufgefordert. Das Gebäude der Pfarrei war von radikalen Gegnern des „Marsches für das Leben“ angegriffen worden. Die Fassade wurde verschmiert, eine Scheibe wurde eingeschlagen und Farbbeutel in die Räume geworfen. Im beschädigten Pfarrhaus hat unter anderem der Bundesverband Lebensrecht e. V. seinen Sitz. Er ist der Veranstalter des „Marsch für das Leben“. Inzwischen ermittelt der Staatsschutz wegen des Verdachts auf Sachbeschädigung mit politischem Hintergrund.

Ein derart von blindem Hass motivierter Angriff auf eine religiöse Einrichtung verlange eine klare Reaktion der gewählten Volksvertreter, forderte „Kirche-in-Not“-Geschäftsführerin Karin Maria Fenbert am Freitag. „Dass der fällige Aufschrei der Politik bisher ausblieb, zeigt eine gewisse Heuchelei, wenn einerseits große Betroffenheit über Christenverfolgung im Nahen Osten gezeigt wird, es aber egal zu sein scheint, wie man mit Christen und was ihnen heilig ist, mittlerweile bei uns umgeht. Was nützt Solidarität mit dem Nasrani-Zeichen, wenn ich über eine Kirchenschändung um die Ecke hinwegsehe?“ Es müsse aufhören, dass man auf dem, was Christen heilig ist, herumtreten könne, so Fenbert.

Bei der Bewertung von Gewalttaten werde offensichtlich mit zweierlei Maß gemessen. „Welchen Aufschrei hätte es wohl gegeben, wenn eine Moschee oder eine Synagoge betroffen gewesen wäre! Wird dieser Anschlag von Politik und Medien etwa deshalb ignoriert, weil er ,nur‘ einer christlichen Einrichtung und ,nur‘ Menschen mit Ansichten abseits der von den Medien bevorzugten Meinung gegolten hat?“ Dies zeuge ihrer Einschätzung nach von einem mehr als bedenklichen Rechts- und Demokratieverständnis, sagte Fenbert.

Sie erwarte nun „Zeichen der Solidarität“ mit der betroffenen Pfarrei quer durch alle politischen Lager. Wer eine solche Tat aus politischem Kalkül totschweige oder gar begrüße, legitimiere auf lange Sicht jede erdenkliche Gewalttat gegen Andersdenkende. „Das können wir aus unserer langjährigen Erfahrung mit Konflikten weltweit nicht hinnehmen und fordern daher ein Zeichen der Empörung und der Solidarität“, sagte Fenbert. „Jemand muss aufstehen und sagen: Stopp! Bis hierher und nicht weiter!“

Dass es zu einem solchen Zeichen quer durch die politischen Lager kommt, ist mehr als unwahrscheinlich. Linkspartei und Teile von SPD und Grüne haben offen mit den Gegendemonstranten, die den Marsch für das Leben gestört haben, sympathisiert und diese unterstützt. In einer Mail, mit der das Büro von Susanne Henning-Wellsow, Landesvorsitzende der Linken in Thüringen, auf eine Einladung zum Marsch für das Leben reagierte, hatte es geheißen: „Ihren antifeministischen, antiemanzipatorischen und konservativen Dreck können sie behalten.“ Und weiter: „Wir hoffen, dass Ihnen das Bündnis gegen den Marsch für das Leben am 20. September ordentlich in die Suppe spuckt.“

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