Jerewan

"Das Muster einer ethnisch-religiösen ,Säuberung' ist klar"

In Bergkarabach hat die Leidensgeschichte des armenischen Volkes ein neues Kapitel erhalten. Über Menschenrechtsverletzungen, aserbaidschanische Geschichtspolitik und die schädliche Rolle der Türkei spricht der Bergkarabach-Experte John Eibner von der Menschenrechtsorganisation Christian Solidarity International (CSI)
Konflikt in Berg-Karabach
Foto: Vugar Amrullaev (Azerbaijan's Presidential Press Office/AP) | Ilham Aliyev, Präsident von Aserbaidschan, steht vor einer Projektion der aserbaidschanischen Nationalflagge und gestikuliert.

Herr Eibner, in den Medien nehmen Menschenrechtsverletzungen vonseiten Aserbaidschans immer breiteren Raum ein. Baku dementiert das als armenische Propaganda. Wie ist das zu bewerten?

Amnesty International berichtet vom Streubombeneinsatz gegen die armenische Zivilbevölkerung. Die Hälfte der Bevölkerung Bergkarabachs wurde zur Flucht gezwungen. Es gibt außerdem glaubwürdige Berichte über die Enthauptung armenischer Zivilisten. Das sind Verstöße gegen fundamentale Menschenrechte, gleich, was die Informationskrieger Aserbaidschans und ihre Verbündeten sagen.

Es wäre aber zu kurz gesprungen, den Krieg in Bergkarabach nur als lokalen Konflikt zu sehen, in dem Menschenrechte verletzt wurden. Er ist von einer viel wichtigeren historischen Größenordnung, wenn man ihn als jüngste Episode des historischen Prozesses des Genozids an den Armeniern interpretiert. Dieser Prozess begann mit den Massakern in der Türkei am Ende des 19. Jahrhunderts und kulminierte im Völkermord während des Ersten Weltkrieges. Nach Kriegsende folgte das Massaker durch muslimische Turkvölker im Kaukasus, insbesondere in Bergkarabach. Der Prozess setzte sich in den frühen 90er Jahren fort. Das Muster einer ethnisch-religiösen "Säuberung" der Armenier in ihrem anatolischen und transkaukasischen Heimatland ist klar.

Wie sieht es mit dem Schutz christlichen Kulturgutes aus, das nun unter aserbaidschanische Kontrolle fällt?

Bergkarabach ist reich an alten Kirchen und anderen christlichen Denkmälern. Das ist der armenischen Nation angemessen, die sich im Jahr 301 zu Christus bekehrte. Während des jüngsten Krieges wurden christliche und andere Kulturdenkmäler beschädigt. Das bemerkenswerteste Beispiel ist die Kathedrale von Schuschi, die von aserbaidschanischen Raketen am 8. Oktober beschossen wurde. Der Erzbischof von Bergkarabach, Pargev Martirosyan, ist überzeugt davon, dass die Attacke die Bevölkerung "demoralisieren" sollte und "klassisches Verhalten von Terroristen" darstelle, die "kulturelle, spirituelle und religiöse Werte" nicht aushalten könnten.

"Während des jüngsten Krieges wurden christliche
und andere Kulturdenkmäler beschädigt"

Traditionell war Schuschi das kulturelle und religiöse Zentrum der Region. Das Schicksal der Stadt spiegelt die Prüfungen und das Leiden seiner armenischen Bevölkerung wider. Die Kathedrale wurde 1920 schwer beschädigt, als die dortigen Armenier massakriert wurden. Sie litt unter der antichristlichen Politik der sowjetischen Kommunisten und der aserbaidschanischen Ultranationalisten. Erst nach dem armenischen Sieg im Bergkarabachkrieg wurde sie Ende der 90er restauriert und wiedereröffnet.

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Unter der neuen aserbaidschanischen Administration ist die Zukunft der Kathedrale ungewiss. Sollte sich die Vergangenheit wiederholen, dann dürften wir nicht nur Vandalismus gegen christliche Stätten erleben, sondern eine staatlich geförderte Politik, um jeden Beweis armenisch-christlicher Präsenz zu tilgen. Vieles hängt davon ab, ob die russischen Friedenstruppen bereit sind, den Schutz der armenischen Christen zu garantieren.

Welche Rolle spielt die Türkei, insbesondere vor dem Hintergrund, dass es sich um ein NATO-Mitglied und um einen strategischen Partner Deutschlands handelt?

Die Türkei spielte eine entscheidende Rolle in Aserbaidschans Militäroffensive. Die Aserbaidschaner sind ein muslimisches Turkvolk. Das Land ist wichtiger militärischer und politischer Baustein in Erdogans offen erklärter, neo-osmanischer Ideologie. Dieses expansionistische Projekt kombiniert die Kräfte von Pan-Turkismus und Pan-Islamismus. Ohne die starke Unterstützung der Türkei hätte Aserbaidschan kaum eine Offensive gewagt. Baku agiert in starkem Maße als Stellvertreter Ankaras. Die Türkei hat Waffenmaterial und geschulte Militärberater nach Aserbaidschan transferiert. Besorgniserregend sind die türkisch-gestützten Dschihadisten aus Syrien.

"Die Türkei hat Waffenmaterial und geschulte Militärberater
nach Aserbaidschan transferiert. Besorgniserregend sind
die türkisch-gestützten Dschihadisten aus Syrien"

Natürlich ist die Türkei ein wichtiger NATO-Verbündeter Deutschlands und Aserbaidschan ein assoziiertes NATO-Mitglied. Beide Staaten werden von der US-geführten NATO als vitale Stützen angesehen, um sie gegen strategische Gegner   namentlich Russland, Iran und China   einzusetzen. Die NATO betrachtet sie als Instrumente, um diesen Mächten den Zugriff auf den ressourcenreichen muslimisch-türkischen Gürtel vom Balkan bis in die westchinesische Provinz Xinjiang zu verwehren. Das ist nichts anderes als eine moderne Variation des "Great Game" des 19. Jahrhunderts. Bereits das Kaiserreich und das Dritte Reich waren als Spieler in dieses geopolitische "Spiel" involviert und die Bundesrepublik bleibt als integrales NATO-Mitglied darin eingebettet.

Die Armenier haben darin wenig Wert für die westliche Allianz. Sie sind wirtschaftlich arm. Zudem bewahrt Russland seine Rolle als Beschützer gegen aggressive Ambitionen der türkisch-muslimischen Nachbarländer. Das Ergebnis: Moskau, nicht Washington, hat zuerst politisch, dann militärisch interveniert, um zu verhindern, dass ganz Bergkarabach überrannt wird.

Ist Russlands Kaukasus-Politik als konstruktiv oder destruktiv anzusehen? Geht es Putin um Stabilität oder um klassisches "divide et impera"?

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Russland war lange die dominierende Macht im Kaukasus. Als Bergkarabach im 19. Jahrhundert Teil des Russischen Kaiserreiches wurde, lebten armenische Christen und türkische Muslime größtenteils in Harmonie. Die große Kathedrale von Schuschi wurde unter dem Schutz des Zaren errichtet. Das Kulturleben   armenisch wie türkisch   florierte. Als Russland kollabierte, wurden die Armenier massakriert. Mit der Besetzung durch die Sowjets fand die ethnisch-religiöse Säuberung eine Pause, nur um mit dem Zusammenbruch der Sowjetunion neuerlich aufzuflammen. Aus armenischer Perspektive ist der russische Einfluss in der Region entscheidend. Das hat weniger mit Putins "divide et impera" zu tun, denn mit Russlands starkem Interesse an Stabilität in seinem Vorhof. Türkische Muslime sind nicht nur im Süden der Russischen Föderation stark vertreten, sondern auch in Moskau selbst. Der Kreml fürchtet sich vor einer Ausweitung des ethnisch-religiösen Konfliktes nach Russland, insbesondere wenn es sieht, dass die Türkei Islamisten gegen Christen im Kaukasus anheuert.

Werden sich die Aserbaidschaner mit der jetzigen Lösung langfristig zufriedengeben? Immerhin beansprucht der Kaukasusstaat das gesamte Territorium von Bergkarabach.

Wie Sie schon sagen: Aserbaidschan beansprucht ganz Bergkarabach und Ali hat seine Verpflichtung wiederholt, dieses Ziel zu erreichen. Er ist aber derzeit nicht in der Lage, den Krieg weiterzuführen, weil sich ihm russische Friedenstruppen entgegenstellen. Aserbaidschan würde jeden Krieg mit Russland verlieren, also musste es den Waffenstillstand akzeptieren. Sollte Russland - aus welchen Gründen auch immer - seine Rolle als Beschützer der Armenier aufgeben, dann ist ein sofortiger Ausbruch der anti-armenischen Gewalt anzunehmen.

Spielte Religion in diesem Krieg tatsächlich nur eine nachgeordnete Rolle, oder handelt es sich auch um einen zivilisatorischen Konflikt?

"Religion ist eine intrinsische Komponente
der Identität der beiden kriegsführenden Parteien"

Erzbischof Martirosyan zieht es vor, nicht von einem religiösen Konflikt zu sprechen. Er liegt unzweifelhaft richtig, dass er nicht explizit auf dem Boden theologischer Differenzen ausgetragen wird wie die einstigen Religionskriege in Europa. Aber Religion ist eine intrinsische Komponente der Identität der beiden kriegsführenden Parteien. Wenn aserbaidschanische Türken Armenier bekämpfen, dann wird der Konflikt zu einem zwischen Muslimen und Christen. Eine der Kriegstaktiken der Aserbaidschaner besteht darin, Symbole des christlichen Gegners zu profanieren oder zu zerstören. Mit importierten syrischen Extremisten könnte die Türkei den Konflikt in einen offen erklärten Dschihad umwandeln.

Welche Lehren ziehen die Armenier aus der Niederlage?

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Die tief gespaltene armenische Nation ist jetzt traumatisiert. Es ist nicht klar, welche Lehren sie daraus zieht. Manchmal neigen geschlagene und gedemütigte Völker nicht dazu, rationale Schlüsse zu ziehen, sondern wenden sich fatalen Fantasien zu. Man kann nur hoffen, dass die Armenier ihre militärische Schwäche realisieren und entsprechende Schritte unternehmen, um ein Gleichgewicht der Kräfte zu etablieren   eine Balance, die auf eigenen Ressourcen und die seiner Alliierten, vor allem Russland, fußt. Welche Hoffnungen die Armenier auch immer in ihre gewaltlose, pro-westliche "Samtene Revolution" von 2018 gesetzt haben, dass diese zum Schutz durch den Westen führe   sie wurden zerstört.

Welche Möglichkeiten hat Deutschland in der Region?

Deutschland hat immer die Möglichkeit, ein wichtiger humanitärer Akteur zu sein. Politisch hat es dagegen außerhalb des NATO-Rahmens wenig Spielraum. Aber Deutschland kann den Kurs von Präsident Macron unterstützen und dessen Bereitschaft, gegen das schädliche Verhalten der Türkei aufzustehen. Es kann auch innerhalb der NATO daran mitwirken, die Assoziierte Mitgliedschaft Aserbaidschans auszusetzen und für ein Ende der militärischen Unterstützung durch andere NATO-Mitglieder und Assoziierte NATO-Mitglieder plädieren   bis es bereit ist, mit den gewählten Repräsentanten von Bergkarabach zu verhandeln und die Selbstbestimmungsrechte zu achten, wie sie der Atlantik-Charta zugrunde liegen. Natürlich müsste es einen hohen Preis bezahlen, um diese Punkte energisch durchzusetzen.

John Eibner ist Internationaler Präsident von Christian Solidarity International (CSI). Er arbeitet seit über 30 Jahren als Menschenrechtsaktivist zum Schutz gefährdeter religiöser Gemeinschaften im Sudan, Kaukasus, Nahen Osten und in Nigeria. Er ist Co-Autor von "Religious Cleansing in Progress: War in Nagorno Karabakh" und Herausgeber von "The Future of Religious Minorities in the Middle East".

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