Berlin

Das koloniale Erbe als Last

Deutschland ist in der Aufarbeitung seiner kolonialen Vergangenheit weiter als Belgien.

Nach dem Tod von George Floyd - Belgien
Wie an so vielen Stellen in Belgien wurde auch in Tervuren eine Statue von König Leopold mit roter Farbe beschmiert. Foto: Virginia Mayo (AP)

Belgien wird von seiner kolonialen  Vergangenheit eingeholt. In der Auseinandersetzung um die Deutungshoheit des kolonialen Engagements Belgiens im Kongo wird jedenfalls mit immer größerer Härte gekämpft. Denkmäler des damaligen Königs Leoppold II. - der Kongo war sein Privatbesitz - werden vom Sockel geholt oder mit Farbe besprüht. Andere nehmen den Monarchen leidenschaftlich in Schutz als Verteidiger belgischer Interessen in imperialen Zeiten. Dass in Belgien die aktuelle Rassismus-Debatte  mit besonderer Schärfe geführt wird,  liegt vor allem daran, dass sich das Land noch nie wirklich in öffentlichem Diskurs mit seiner Vergangenheit in Afrika auseinandergesetzt hat – und wirft zudem die Frage auf, wie Deutschland sich seiner Kolonialgeschichte stellt. Zum einen wegen historischer Parallelen: Das Deutsche Reich gehörte wie Belgien nicht zu den großen Kolonialmächten in Afrika. Brisanz hat die Frage für Deutschland aber vor allem deshalb, weil seine Kolonialhistorie – anders als in Belgien - schon seit langem Einfluss auf die deutsche Außen- und Entwicklungspolitik hat. Nicht ausgeschlossen, dass die aktuelle Debatte erneut zu Anpassungen führt.

Kolonialisierung mit Gewalt und Unterwerfung

Fest steht, dass die Geschichte der deutschen Kolonialisierung auch von Gewalt und Unterwerfung erzählt. Beispiel Deutsch-Ostafrika, heute Tansania, Burundi und Ruanda: Im März 1884 gründete der Kaufmann Carl Peters die Deutsch-Ostafrikanische Gesellschaft. Peters galt schon damals als Rassist und Gewalttäter, der von kolonialkritischen Zeitungen als „Hänge-Peters" bezeichnet wurde und in Afrika den Spitznamen „blutige Hand" trug. Ursprünglich wollte er Gold im heutigen Simbabwe schürfen. Da dies jedoch im Einflussgebiet Großbritanniens lag, änderte er seine Pläne. Im Osten des Kontinents schloss Peters sogenannte „Schutzverträge“ mit lokalen Herrschern. Doch die Verträge waren ein Bluff, denn die Regierung in Berlin hatte zuvor abgelehnt, die Reise zu unterstützen. Reichskanzler Otto von Bismarck hielt wenig von den Vereinbarungen, die er abschätzig als „ein Stück Papier mit einigen Neger-Kreuzen drunter" bezeichnete. Peters überzeugte Bismarck jedoch, indem er darauf hinwies, dass Belgiens König Leopold II. sein großes Gebiet im Herzen des Kontinents weiter nach Osten ausbauen wollte.

Das Deutsche Reich war damit Kolonialmacht. In Ostafrika ebenso wie in Südwestafrika, dem heutigen Namibia. Dort ist es die blutige Niederschlagung des Nama- und Herero-Aufstandes, die in die Geschichte einging, bei der bis zu 100.000 Männer, Frauen und Kinder starben - und die heute auf Partnerschaft setzende Entwicklungszusammenarbeit der Bundesrepublik Deutschland belastet. Auch wenn Tansania und Namibia seit Jahren schon zu den Schwerpunktländern der deutschen Entwicklungszusammenarbeit zählen und seitdem viel Geld in die Projektarbeit und staatliche Unterstützung geflossen ist, taucht immer wieder der Ruf nach Reparationen auf. Auch die Bundesregierung spricht inzwischen von Völkermord, wendet sich aber gegen Reparationen. Zuletzt sind die Nachkommen der Opfer im vergangenen Jahr mit einer Klage gegen die Bundesrepublik gescheitert. Die betroffenen Volksgruppen der Herero und Nama hatten auf eine Milliardenentschädigung gehofft. Ein Gericht in New York wies ihre Klage zurück. Deutschland sei immun gegen eine solche Klage, entschied die Richterin.

Geld für Entwicklungsprojekte udn eine offizielle Entschuldigung

Dennoch verhandelt die Bundesregierung seit 2015 mit der namibischen Regierung, um ein Abkommen zu schließen. „Wir haben immer gesagt, dass es nicht um eine rechtliche, sondern um eine politisch-moralische Frage geht", erklärte der deutsche Verhandlungsführer Ruprecht Polenz.

Berlin bietet unter anderem mehr Geld für Entwicklungsprojekte und eine offizielle Entschuldigung von höchster Stelle an. Die Klage in New York hatte die Verhandlungen ins Stocken gebracht. Nun hoffen alle Seiten, dass die Gespräche rasch abgeschlossen werden. Bei allem Hin und Her. Die Debatte um das Schuldeingeständnis gegenüber den Nama und Herero zeigt auch, wie wichtig es ist, sich früh der eigenen Geschichte zu stellen. Belgien hat das Thema offenbar nicht ernst genommen, obwohl unter Leopold II. bis zu fünf Millionen Menschen im Kongo ums Leben gekommen sein sollen. Jetzt rächt sich das Wegsehen.

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