Berlin

Das junge Gesicht des Lebensschutzes

Die "Jugend für das Leben" wächst und schult ihre Mitglieder in Kommunikation und im Umgang mit den Medien.

Jugend für das Leben beim Marsch für das Leben 2020
Sie bildeten beim „Marsch für das Leben“ eine starke Gruppe: Die „Jugend für das Leben“ marschierte mit einem eigenen Banner in Berlin mit. Foto: Oliver Gierens

Stellen Sie sich vor, sie seien ein Dirigent, wie Barenboim hier in Berlin.“ Diesen Ratschlag gibt Kommunikationstrainer Richard Schütze an diesem Samstagvormittag rund 50 Jugendlichen, die aufmerksam zuhören. Einer von ihnen kommt nach vorne, Schütze mimt den kritischen Interviewer, fragt die jungen Menschen, wie sie es mit Trump oder der AfD halten. Denn diese Fragen könnten ihnen in Kürze tatsächlich vor laufender Kamera gestellt werden. Sie alle wollen gleich um 13 Uhr für das Leben, gegen Abtreibung oder aktive Sterbehilfe demonstrieren – beim „Marsch für das Leben“, der jedes Jahr in Berlin stattfindet. Und dafür wollen sie gut vorbereitet sein, nehmen an diesem Kongress der „Jugend für das Leben“ teil. Sie ist die Jugendorganisation der AlfA – Aktion Lebensrecht für Alle und will dem Lebensschutz eine junge Stimme geben. Richard Schütze hilft ihnen dabei, gibt gute Tipps, sich von kritischen Fragen nicht verunsichern zu lassen, immer positive Statements zu setzen. Nach und nach trauen sich immer mehr Teilnehmer, nach vorne zu kommen und die Interviewsituation durchzuspielen.

Die Frage der religiösen Motivation

Immer wieder kommt dabei auch die Frage der religiösen Motivation für den Lebensschutz auf. Die „Jugend für das Leben“ ist keine religiöse Organisation, dennoch sind viele Mitglieder im christlichen Glauben verwurzelt. Eine der Teilnehmerinnen, Annika, ist sich jedoch nicht sicher, ob sie gläubig ist. „Es spielt hier auch keine Rolle, ich will mich einfach für den Schutz des Lebens einsetzen“, sagt sie in der gespielten Interviewsituation zu Schütze.
Unter den Teilnehmern ist der Begriff „Jugend“ weit gefasst. Die Jüngsten hier sind 13 bis 16 Jahre alt, manche sind bereits über 30. Das Spektrum ist breit gestreut, aus allen Teilen Deutschlands sind Aktive dabei. Für die Vorsitzende Fabiola Kaminski ist es vor allem bemerkenswert, dass trotz der besonderen Corona-Situation so viele gekommen sind.

„Ich hatte mit weniger gerechnet“, meint sie im Gespräch mit dieser Zeitung. Dass den Veranstaltern des „Marsches für das Leben“ vorab zuweilen unterstellt wurde, er solle zu einer Art Anti-Corona-Demo umfunktioniert werden, kann sie nicht verstehen. „Es ist wichtig, gegen Corona zu kämpfen“, betont sie. „Wir halten uns an die Abstandsregeln, tragen Masken.“

Professionell kommunizieren

Nach dem Medientraining geht es mit Workshops weiter. Einer dreht sich um „Gewaltfreie Kommunikation“. Sandra Sinder, die selbst schwangere Frauen in Not berät, rät den Teilnehmern dazu, andere Menschen zu verstehen, sie nicht zu verurteilen, auch wenn sie einen anderen Standpunkt haben. Tadel, Vorwürfe oder Pauschalisierungen, so ihre Botschaft, seien eine Form von Gewalt – vor allem, wenn wir die Bedürfnisse anderer Menschen missachten würden. Mit dieser Einstellung sollten die jungen Menschen auch auf Abtreibungsbefürworter zu gehen.

Mit diesem Rüstzeug gestärkt, geht es schließlich um kurz nach 12 Uhr Richtung Brandenburger Tor. Die Sicherheitsvorkehrungen sind diesmal groß; in der Vergangenheit gab es Übergriffe von Gegendemonstranten, die den Marsch-Teilnehmern Holzkreuze aus der Hand gerissen und in die Spree geworfen haben. Das Brandenburger Tor wird wieder zur Grenze: Auf der Ostseite stehen die Abtreibungsbefürworter, gegenüber Richtung Siegessäule findet die Kundgebung zum „Marsch für das Leben“ statt. Johannes (20) ist extra aus der Schweiz angereist. Eigentlich wollte er heute in Zürich ebenfalls für den Lebensschutz demonstrieren, doch die Behörden haben den Zug verboten, zum ersten Mal durfte er nicht stattfinden.

Daniel (34) und Selina (20) aus Fulda reihen sich ebenfalls in die Marsch-Teilnehmer ein. Zum ersten Mal ist die junge Frau beim Jugendkongress dabei. „Dass ungeborene Kinder eine Stimme bekommen, weil sie sich selbst nicht äußern können“, ist ihre Motivation. Für Fabiola Kaminski ist es nachvollziehbar, dass sich Jugendliche mit dem Thema Abtreibung auseinandersetzen. „Es trifft auch junge Menschen. Die eine sagt, ,ich hab da eine Freundin...‘, bei anderen ist das Thema im Schulunterricht aufgekommen.“ Die 25-jährige Deborah aus Halle (Saale) hat einen ganz anderen Zugang zum Thema. Sie studiert Medizin, will vielleicht Gynäkologin werden. „Menschen sollten füreinander da sein, in Beziehung zueinander leben“, meint sie. Abtreibung kommt für sie nicht in Frage. Deswegen geht sie zum zweiten Mal beim „Marsch für das Leben“ mit, der nun um 13 Uhr mit einer Kundgebung beginnt.

Fast 400 Abtreibungen pro Tag

„Fast 400 Abtreibungen gibt es pro Tag, das ist täglich eine ganze Grundschule“, ruft Fabiola Kaminski den Marsch-Teilnehmern von der Bühne aus zu, als sich die „Jugend für das Leben“ kurz vorstellen darf. Und Valentin, ebenfalls im Vorstand der Organisation, erzählt von seinem persönlichen Marsch. 350 Kilometer sei er diesen Sommer von Bregenz am Bodensee bis nach Freiburg gelaufen, und habe dabei mit Österreich, Liechtenstein, der Schweiz und Deutschland vier Länder durchquert.

Beim anschließenden Marsch läuft die „Jugend für das Leben“ als geschlossene Gruppe mit, viele tragen ein blaues T-Shirt mit dem Motto „Same life, same rights“. Auf einem Banner, das die Jugendlichen vor sich hertragen, steht in großen Lettern „Wir lieben das Leben“. Die Stimmung ist gut, aus den Lautsprechern tönen Lieder wie „Life is live“, „Wannabe“ oder „We are family“. Die jungen Leute singen mit, rufen Parolen wie „We are pro-life“ oder „Same life, same rights“. Hinter mancher Straßenecke stehen Demonstranten der Gegenseite, skandieren „Haut ab!“ oder „My body, my choice“. „Ob Kinder oder keine, entscheide ich alleine“, tönt es immer wieder laut in Sprechchören.

Doch die Polizei ist stark präsent, hält beide Gruppen konsequent auf Distanz. Sie rufen sich zwar gegenseitig ihre Parolen zu, doch kommen sich – anders als in Vorjahren – nicht zu nahe. Trotz des langen Marsches hält die Stimmung bis zum Schluss, die Jugendlichen singen am Ende immer noch die Lieder mit.
Erst als sie wieder am Brandenburger Tor ankommen und ihr Transparent einrollen, schlägt ein wenig die Müdigkeit durch. Viele sitzen auf dem Boden, verfolgen den ökumenischen Gottesdienst im Sitzen. Alexander (20) aus Fulda ist einer von ihnen, hat die ganze Zeit das Banner festgehalten. Eine Freundin hat ihn auf den Marsch aufmerksam gemacht, jetzt war er zum ersten Mal mit dabei. „Es war super, besser als erwartet. Ich bin zufrieden“, meint er rückblickend. Dass Abtreibung schlecht sei, das will Alexander mit nach Hause nehmen und noch stärker rüberbringen. Auch Fabiola Kaminski zeigt sich über den Verlauf gegenüber dieser Zeitung zufrieden.

Neue Mitstreiter wurden gewonnen

„Wir haben es geschafft, so viele neue Leute für die ,Jugend für das Leben‘ zu gewinnen und eine Menge an positiven Rückmeldungen erhalten“, erklärt sie auf Nachfrage. Besonders erfreut war sie über die hohe Beteiligung Minderjähriger. Fabiola Kaminskis Bilanz: „Schwangere Frauen sollten die Möglichkeit haben, sich auf ihr Kind freuen zu können, weil sie wissen, dass sie jede Unterstützung erhalten, die sie brauchen. Es scheint, als ob das vielen Jugendlichen, die zu uns kommen, im Ethikunterricht klar wird.“

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