„Das ist pure Eugenik“

Ein Verbot des PraenaTests scheitert am fehlenden politischen Willen, fürchtet Hubert Hüppe. Von Markus Reder
Foto: dpa | ist Beauftragter der Bundesregierung für die Belange behinderter Menschen.
Foto: dpa | ist Beauftragter der Bundesregierung für die Belange behinderter Menschen.
Herr Hüppe, Sie haben die Landesbehörden aufgefordert, die Einführung des Bluttests zur Früherkennung des Down-Syndroms zu verbieten. In Baden Württemberg, wo die Herstellerfirma Lifecodexx ihren Sitz hat, sieht Sozialministerin Katrin Altpeter (SPD) keine rechtliche Möglichkeit, den Test zu verhindern. Was denn nun? Kann sie den Test nicht verbieten oder will sie nicht?

Ihr Nein zu einem Verbot halte ich für eine politische Aussage, nicht für eine juristische. Dann soll die Ministerin doch bitte begründen, warum sie meint, dass der Test auf Down-Syndrom einem therapeutischen oder medizinischen Zweck dient. Dieser Test führt allein dazu, Menschen mit Down-Syndrom vorgeburtlich zu selektieren. Wer etwas anderes behauptet, betreibt Augenwischerei. Erschreckend finde ich, dass Ministerpräsident Kretschmann (Bündnis 90/Die Grünen), der sich sonst gerne so wertebewusst gibt, kein Wort dazu sagt. Die Aussage, den Test hätte das Forschungsministerium finanziert, kann nicht der Grund sein, einfach alles laufen zu lassen. Das wäre absurd.

So wie sich die Diskussion um den Test entwickelt, scheint ein Verbot aber höchst unwahrscheinlich.

Es fehlt nicht an der Möglichkeit ihn zu verbieten, es fehlt am politischen Willen. Aber die jetzige Auseinandersetzung hat zumindest ein Gutes: Es wird endlich über die Entwicklung der Pränataldiagnostik gesprochen. Die Pränataldiagnostik wurde damals mit der Begründung eingeführt, sie betreffe ausschließlich Hochrisikoschwangerschaften. Es ginge lediglich um extreme Erkrankungen und Behinderungen, die etwa zum Tod Kindes bei der Geburt führen könnten. In den siebziger Jahren gab es noch wenige Fruchtwasseranalysen. Inzwischen ist das längst Standard geworden. Aber keiner hat jemals über diese Entwicklung diskutiert. Jetzt wird endlich darüber gesprochen. Erstmals wird offen zugegeben, wie risikoreich jede Fruchtwasseruntersuchung ist. Eines von hundert Kindern stirbt dabei. Dennoch werden Frauen in diese Untersuchung hineingedrängt. Ihnen wird suggeriert, es sei unverantwortlich, diese Untersuchung nicht zu machen. Eine objektive Beratung des Arztes findet doch überhaupt nicht statt.

Der neue Bluttest ist wesentlich einfacher und risikoärmer als eine Fruchtwasseruntersuchung. Ist das kein Argument für den Test?

Absolut nicht. Gerade weil das so ist, wird der Druck weiter zunehmen. Es wird noch schwieriger werden für Frauen, die dieses Verfahren nicht wahrnehmen wollen. Diese Frauen gibt es auch. Das dürfen wir nicht vergessen. Sie geraten umso mehr unter Druck. „So ein einfaches Verfahren, Blut könne man doch mal eben abgeben“, wird es heißen. Ansonsten seid ihr selber schuld, wenn ihr ein Kind mit Behinderung zur Welt bringt. Vielleicht nicht morgen, aber übermorgen wird man dann Eltern mit behinderten Kindern sagen: „Tragt die Kosten und Lasten selber, Ihr ward vor der Geburt ja nicht einsichtig genug.“ Machen wir uns doch nichts vor: Bei diesem neuen Test geht es nicht darum, Krankheiten zu lindern, sondern behinderten Menschen vor der Geburt das Leben zu nehmen. Die ist pure Eugenik. Im Übrigen halte ich eine Fruchtwasseruntersuchung nur auf das Down-Syndrom hin für genauso illegal wie den Bluttest.

Welche Rolle spielen kommerzielle Interessen bei diesem PraenaTest?

Mit dem Bluttest soll Geld verdient werden. Je öfter er angewendet wird, umso mehr verdient die Herstellerfirma. Der Hersteller wird also ein großes Interesse daran haben, dass sich möglichst viele Frauen auf diese Weise testen lassen. In Amerika empfiehlt man längst allen Frauen diesen Test. Die Konsequenz ist klar: Es wird nicht mehr allzu viele Kinder mit Down-Syndrom geben. Aber offensichtlich halten viele die vorgeburtliche Selektion von Menschen mit Behinderung für einen Fortschritt. Da sieht man, wie weit wir inzwischen gekommen sind. Wie gesagt: Eugenik pur.

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