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Das Impfstoff-Dilemma

Warum Katholiken nach Möglichkeit auf Impfungen mit den Vakzinen der Hersteller Astra Zeneca und Johnson & Johnson verzichten sollen, aber nicht müssen.
Impftermine für Astrazeneca
Foto: Julian Stratenschulte (dpa) | Das Vakzin von Astra Zeneca wurde von Forschern an der Universität Oxford mit Hilfe einer Zelllinie entwickelt, die aus dem Gewebe abgetriebener Kinder gezüchtet wurden.

Viele Katholiken sind verunsichert, wie sie sich zu den auf dem Markt befindlichen COVID-19-Impfstoffen verhalten sollen. Registriert wird hierzulande etwa, dass die US-amerikanische Bischofskonferenz Katholiken aufgerufen hat, bei der Wahl eines COVID-19-Impfstoffes nach Möglichkeit auf das Präparat des US-Pharmariesen Johnson & Johnson zu verzichten. Dessen Vakzin, das am Donnerstag auch eine EU-weite „bedingte Zulassung“ durch die Europäische Kommission erhielt, sei nicht nur wie Impfstoffe anderer Unternehmen an Zelllinien getestet worden, die aus dem Gewebe abgetriebener Kinder gezüchtet wurden, sondern auch mit Hilfe ebensolcher Zelllinien entwickelt und produziert worden, erklärten der Erzbischof von Kansas City, Joseph F. Naumann, und der Bischof von Fort Wayne South Bend, Kevin C. Rhoades, in Washington.

Die Zelllinie, die dabei verwendet wurde, trägt die Bezeichnung „PER.C6 cells“. Vergleichbares gilt auch für den COVID-19-Impfstoff des britisch-schwedischen Pharmakonzerns Astra Zeneca, mit Firmensitz in Cambridge. Dessen Vakzin wurde von Forschern an der Universität Oxford mit Hilfe einer Zelllinie entwickelt, die unter der Bezeichnung „HEK 293 cells“ firmiert. In Dänemark, Island und Norwegen haben die Behörden die Impfungen mit dem Präparat ausgesetzt, nachdem sich bei Dutzenden mit dem Vakzin geimpften Personen, Blutgerinnsel bildeten.

„Historische Zelllinien“

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Bei den Zelllinien PER.C6 und HEK 293 handelt es sich um sogenannte „historische Zelllinien“, die aus Zellen gezüchtet wurden, die aus dem Gewebe ungeborener Kinder gewonnen wurden, die in den 60er- und 70er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts abgetrieben worden waren. Die Zelllinien sind – wenn sie im Labor in entsprechenden Kulturen gehalten werden – praktisch „unsterblich“ und lassen sich dort beliebig vermehren.

Wie die US-Bischöfe weiterhin erklärten, seien die mRNA-Impfstoffe der Hersteller Biontech/Pfizer und Moderna ohne die Verwendung solcher Zellen entwickelt worden und daher – wo immer möglich – anderen vorzuziehen. In ihrer Erklärung erinnerten Naumann und Rhoades, dass Katholiken darauf bestehen sollten, das Pharma-Unternehmen damit aufhörten, Zelllinien, die aus dem Gewebe abgetriebener Kinder gewonnen wurden, für die Entwicklung von Impfstoffen zu verwenden. Viren benötigen lebendige Zellen, um sich zu vermehren. Impfstoffe, die mit einer abgeschwächten Virus-Variante entwickelt werden, lassen sich auch in Hühner- sowie anderen tierischen Zellen erfolgreich vermehren. Die Verwendung embryonaler Zellen ist also keineswegs erforderlich.

Kein Widerspruch zu „Dignitas Personae“

Der Aufruf der US-amerikanischen Bischofskonferenz deckt sich mit der Lehre der römischen Glaubenskongregation. Die hatte in ihrer 2008 erschienen Instruktion „Dignitas Personae über einige Fragen der Bioethik“ der Problematik ein ganzes Kapitel gewidmet und dabei festgestellt: Während es „unerlaubt“ sei, Impfstoffe mit Hilfe solcher Zellen herzustellen, dürften Katholiken – in Ermangelung ethischer Alternativen – auch von diesen Gebrauch machen. Das heißt: Kann ein Patient nicht zwischen ethisch einwandfrei und unethisch hergestellten Impfstoffen wählen, dann begeht er keine „cooperatio ad malum“, wenn er sich zum Schutz vor einer Infektion einen unethisch hergestellten Impfstoff injizieren lässt. Für viele fühlt sich das dennoch falsch an. Sie sollten berücksichtigen, dass moralische Intuitionen zwar oftmals eine Hilfe sind, aber noch lange kein moralisch richtiges Urteil garantieren. Im Übrigen ist niemand verpflichtet, einer diesbezüglichen Intuition nicht zu folgen. Er sollte sie nur nicht allen anderen vorschreiben wollen.

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