Nantes

Das christliche Erbe ist in Gefahr

Wieder brennt in Frankreich eine Kirche. Auch wenn die Ursache noch nicht endgültig geklärt ist, steht der Verdacht auf Brandstiftung im Raum. Denn die Statistiken sprechen für sich: Allzu oft wurden in der Vergangenheit christliche Stätten beschmiert, geschändet, zerstört. Ein Blick in ein Land, das für antichristliche Angriffe besonders anfällig scheint.

Brand in der Kathedrale von Nantes
Das Feuer in der spätgotischen Kathedrale war am Samstagmorgen ausgebrochen. Gegen 7.45 alarmierten Passanten die Feuerwehr, da Rauch aus der Kathedrale aufstieg und Flammen im Inneren zu sehen waren. Foto: Uncredited (Service départemental d'incendie et de secours SDIS 44/AP)

Mit der Ankündigung von Frankreichs Staatspräsident Emmanuel Macron, die Pariser Kathedrale Notre-Dame weitestgehend originalgetreu wiederaufzubauen, schien gerade ein wenig Ruhe in die hitzigen Debatten um den verheerenden Brand des Gotteshauses gekommen zu sein. Da brannte schon die nächste Kathedrale: Viele Franzosen dürften am Samstagmorgen an das Feuer in dem berühmten Wahrzeichen der Hauptstadt erinnert worden sein, als sie die Schlagzeilen lasen, die spätgotische Kirche Saint-Pierre-et-Saint-Paul in Nantes stehe in Flammen. 

Das Feuer löste tiefe Betroffenheit unter den Bürgern der sechstgrößten Stadt Frankreichs aus: Zahlreich erschienen sie am vergangenen Sonntag in der Basilika Saint-Nicolas, um dem Brand in der Kathedrale zu gedenken, die zu den bedeutendsten Werken der französischen Spätgotik zählt. Mögen die politischen und kulturellen Lagerkämpfe in Frankreich auch noch so ausgeprägt sein, in der Trauer um die teilweise Zerstörung einer einzigartigen kulturellen Stätte schien seltene Einigkeit zu herrschen – auch in Frankreichs erster Politik-Riege.

Macron spricht von "gotischem Juwel"

Präsident Macron, der zum Zeitpunkt des Brandes beim EU-Gipfel in Brüssel weilte, bekundete über den Kurzmitteilungsdienst „Twitter“ seine Anteilnahme: Nach Notre-Dame und der zweitgrößten Pariser Kirche Saint-Sulpice stehe eine weitere französische Kathedrale in Flammen, beklagte er. Den Einsatzkräften dankte er für all die Risiken, die sie auf sich genommen hätten, um „dieses gotische Juwel“ zu retten. Die jüngst ernannte Kulturministerin Roselyne Bachelot, die zusammen mit Premierminister Jean Castex und Innenminister Gérald Darmanin noch am Samstag die Schäden besichtigte, erklärte, der Brand berühre jeden im tiefsten Inneren und bereite ihr großen Kummer. 

Das Feuer in der spätgotischen Kathedrale war am Samstagmorgen ausgebrochen. Gegen 7.45 alarmierten Passanten die Feuerwehr, da Rauch aus der Kathedrale aufstieg und Flammen im Inneren zu sehen waren. Innerhalb von kurzer Zeit waren mehr als 100 Feuerwehrleute mit Löschfahrzeugen an der Kathedrale; gegen zehn Uhr galt der Brand als eingedämmt. Da das Feuer an drei weit voneinander entfernt liegenden Stellen in der Kirche wütete, gingen die Ermittler bald von Brandstiftung aus. Ein noch am Tag des Brandes in Polizeigewahrsam genommener Verdächtiger wurde jedoch am Sonntagabend wieder freigelassen. Dem 39-Jährigen aus Ruanda, der als Ehrenamtlicher für die Diözese Nantes arbeitete, konnte keine Verbindung zu dem Brand nachgewiesen werden. Der Mann war für die Schließung der Kathedrale am Freitagabend zuständig. In seiner Schilderung des Tagesablaufs hätten sich zunächst Widersprüche gefunden, hieß es. Gleichzeitig untersuchen die Ermittler aber auch die Elektrik in der Kathedrale auf mögliche Schwachstellen. Das Szenario einer Brandstiftung galt bei Redaktionsschluss jedoch noch immer als wahrscheinlichste Ursache für den Brand. 

Kulturerbe-Beauftragter beklagt "schrecklichen Nihilismus"

Schockiert zeigte sich der französische Kulturerbe-Beauftragte Stéphane Bern. Gegenüber der Zeitung „Le Parisien“ erklärte er, er hätte es nie für möglich gehalten, dass jemand in der Kathedrale von Nantes mutwillig Feuer lege. Bern beklagte einen „schrecklichen Nihilismus“ und warf die Frage auf, „was aus unserer Gesellschaft geworden ist, wenn nichts mehr Sinn macht und Wert hat. Wir stehen vor dem Problem des Zusammenlebens, wenn man Kultstätten angreift.“ Deutliche Worte fanden insbesondere auch Politiker aus den Reihen der Opposition. Der ehemalige Parteivorsitzende der Republikaner und bekennende Katholik, Laurent Wauquiez, schrieb auf Twitter: „Es macht mich traurig, abermals eine Kathedrale brennen zu sehen. Unsere Zeit muss verstehen, dass sie ihre Wurzeln achten und schützen muss. Unsere kollektive Seele brennt.“

Auch wenn Einigkeit herrscht, dass das Unglück nicht mit dem Großbrand der Pariser Kathedrale Notre-Dame verglichen werden könne, sind die Schäden im Inneren der Kirche doch immens. Die große historische Orgel über dem Westportal mit ihren 74 Registern wurde vollständig zerstört. Die Orgelmeisterin Marie-Thérèse Jehan, die noch am Vorabend des Brandes auf dem Instrument geprobt haben soll, kommentierte den Verlust: „Das trifft mich ins Mark. Eine der größten und ältesten Orgeln Frankreichs ist unwiederbringlich verloren.“ Kulturministerin Bachelot verglich die zerstörte Orgel mit einem „Stich ins Herz“. Auch das Spitzbogenfenster aus kunstvollem Buntglas über dem Hauptportal fiel den Flammen zum Opfer. Dort klafft nun eine rußgeschwärzte Lücke. Mehrere Kunstwerke, darunter ein Gemälde des neoklassizistischen Kirchenmalers Hippolyte Flandrin, überstanden das Feuer nicht.

Frankreich weiß seine Kulturstätten nicht zu schützen

Die Abgeordnete der Republikaner, Valérie Boyer, beklagte, dass das Land seine Kulturstätten nicht ausreichend zu schützen wisse. Seit fast einem Jahr würden im Zuge einer grundsätzlichen Gleichgültigkeit die Brände von Kirchen, die teilweise auf kriminelle Motive zurückzuführen seien, massiv zunehmen. Ihr Parteikollege Jean-Louis Thiériot, zugleich Historiker und Essayist, nannte den Brand der Kathedrale in einem Gastbeitrag für die Tageszeitung „Le Figaro“ ein weiteres Glied in einer Kette von Vorfällen, die zusammen für eine „Verrohung der Gesellschaft“ stünden.

Ähnlich äußerte sich der rechtsnationale Politiker Philippe de Villiers: Der Brand solle die Eliten zum Nachdenken anregen, schrieb er auf Twitter. Der Untergang des Abendlandes sei im Gange. „Während des Lockdowns waren die Kirchen geschlossen. Jetzt brennen sie.“ Im Vergleich dazu beinahe zurückhaltend wirkte der Kommentar Marine Le Pens, Vorsitzende des rechten „Rassemblement National“: Es mache sie traurig, abermals ein „Schmuckstück unseres kulturellen und historischen Erbes“ teilweise von den Flammen zerstört zu sehen. Die Ursache des Feuers müsse bis ins kleinste Detail aufgearbeitet werden.

Der Brand der Kathedrale von Nantes ist bei weitem kein Einzelfall in Frankreich. In den letzten Wochen und Monaten kam es zu weiteren beunruhigenden Fällen. So wurde am 12. Juni ein Brandanschlag auf die Kathedrale von Rennes verübt, etwa 100 Kilometer nördlich von Nantes. Dieser Brand wird weiterhin untersucht. Und erst am 29. Juni wurde die Kirche im bretonischen La Dominelais durch ein Feuer verwüstet, ihr Holzaltar, Statuen, das Mobiliar und ein Kreuz zerstört. Der Bürgermeister der Stadt bezeichnete die Kirche danach als „unbrauchbar“. Auch hier wird die Ursache des Brandes noch untersucht. 

900 Kilogramm schweres Gipfelkreuz abgetrennt

Weitere Beispiele: Im Mai wurde ein Kalvarienberg in der Gemeinde Assé-le-Béranger mit einem Vorschlaghammer zerstört. Im Süden wurde das symbolträchtige Gipfelkreuz des Pic Saint-Loup am Sockel abgetrennt. Das 900 Kilogramm schwere Eisenkreuz über der südfranzösischen Stadt Montpellier, fast zehn Meter hoch, wurde Berichten zufolge mit einer Lötlampe oder Bohrern abgetrennt und am Gipfel hängen gelassen. Auch der Sockel wurde beschmiert: In roter Farbe prangen nun dort die Parolen "Larcins des sorcières hérétiques" (Verbrechen ketzerischer Hexen), "Le Pic Laïque" (der säkulare Gipfel) und "Witch Power" (Hexenkraft). Beide Vorfälle werden noch untersucht.

In den ersten elf Tagen des Monats Februar 2019 gab es in Frankreich mindestens zehn Fälle von schockierendem Vandalismus und der Schändung von Kirchen und christlichen Denkmälern, wie aus Berichten des in Wien ansässigen „Observatory on Intolerance and Discrimination against Christians“, einer christlichen Nichtregierungsorganisation, hervorgeht. Das Observatory fordert seit langem, dass das Bewusstsein der Öffentlichkeit für die zunehmende antichristliche Feindseligkeit in Frankreich endlich geschärft werden müsse. Zumindest medial sorgen die Berichte, die von der Organisation jährlich veröffentlicht werden, für eine erhöhte Aufmerksamkeit für dieses Thema. 

Als Folge der zahlreichen Vorfälle Anfang 2019 reichten die bereits erwähnte republikanische Abgeordnete Valérie Boyer zusammen mit anderen Abgeordneten einen Antrag ein, in dem sie fordern, einen Untersuchungsausschusses zu Präventionsmaßnahmen und der Bekämpfung der Schändung von Gotteshäusern und Friedhöfen in Frankreich einzusetzen. In dem Antrag wird bemängelt, dass das Innenministerium zwar jährliche Statistiken über antireligiöse, antisemitische, rassistische und fremdenfeindliche Vorfälle, einschließlich Angriffen auf Gotteshäuser, veröffentliche. Das Phänomen sei aber seit 2011 nicht mehr eingehend untersucht worden. Nach dem Brand von Nantes brachte Boyer ihr Bedauern zum Ausdruck, dass trotz des Anstiegs der Schändungen die in ihrer Resolution enthaltenen Forderungen noch immer nicht umgesetzt worden seien.

Auch bei Notre-Dame bleiben Fragen offen

Und auch der verheerende Brand der Pariser Kathedrale Notre-Dame darf in der Auflistung nicht vergessen werden: Weiterhin sind Fragen offen, die endgültige Ursache ist trotz mehrmonatiger Untersuchungen durch forensische Experten noch immer nicht gefunden. Auch fernab aller Verschwörungstheorien besteht ein öffentliches Interesse daran zu klären, wie es dazu kommen konnte. Selbst wenn das Feuer durch eine Reihe von Pannen und fehlgeschlagene Wartungsarbeiten verursacht worden sein sollte, so ist es doch bezeichnend für den heutigen Zustand der französischen Kirchen: unzureichend geschützt, unzureichend gewartet und anfällig für natürliche – und vom Menschen verursachte – Katastrophen.

Oft wird die Frage gestellt, ob die Zahl der Angriffe auf christliche Stätten in Frankreich tatsächlich zugenommen hat. Tatsächlich sind es fast drei Übergriffe pro Tag, wie aus der Statistik des Innenministeriums für 2019 hervorgeht: „Die Zahl der antichristlichen Vorfälle war im Laufe des Jahres mit 1052 registrierten Vorfällen, die sich in 996 Taten und 56 Bedrohungen aufteilen, stabil. Bei den gezählten Taten handelt es sich hauptsächlich um Angriffe auf religiöses Eigentum.“ In den sechs Monaten zwischen Januar und Juni 2019 gab es 625 Vorfälle (577 Taten und 48 Drohungen).

Wenn man 996 Vorfälle durch 365 Tage im Jahr dividiert, kommt man auf durchschnittlich 2,7 pro Tag, in der ersten Hälfte des Jahres 2019 sogar auf mehr als drei pro Tag. Zu diesen Vorfällen gehören natürlich nicht die ungelösten Fälle spontaner Brände in Kirchen. Das Phänomen der antichristlichen Handlungen in Frankreich entging auch 2016 nicht dem Interesse der Regierung, als Père Jacques Hamel von Islamisten ermordet worden war. Bei der Vorstellung der Zahlen für jenes Jahr sagte das Ministerium selbst: „Es besteht die Notwendigkeit, christliche Stätten besonders zu bewachen, da an ihnen 90 Prozent aller im Jahr 2016 festgestellten Taten begangen wurden.“ 

"Aus den Zahlen des französischen Innenministeriums
geht hervor, dass die Angriffe auf christliche Stätten
in den zehn Jahren von 2008 bis 2018
um etwa 250 Prozent zugenommen haben"

Aus den Zahlen des französischen Innenministeriums geht außerdem hervor, dass die Angriffe auf christliche Stätten in den zehn Jahren von 2008 bis 2018 um etwa 250 Prozent zugenommen haben. Die Zahlen geben einen Überblick über dieses Phänomen, sagen aber nicht genug aus. Und leider führt der Mangel an Informationen manchmal zu Spekulationen darüber, wer oder was hinter diesen Vorfällen steckt. Kirchen und andere öffentliche christliche Symbole sind Zielscheiben für viele ideologische Gruppen – von Anarchisten bis zu radikalen Feministen, von Islamisten bis zur Antifa. Dass Frankreich offiziell ein laizistisches Land ist, hat nicht dazu beigetragen, die Kirchen und das christliche Erbe des Landes zu schützen.

Viele der jüngsten Vorfälle in Frankreich bleiben also ungelöst. Im Gegensatz zu anderen Ländern Europas treten die Täter und ihre Ideologie in Frankreich nicht immer offen zutage. Sollte tatsächlich eine Untersuchungskommission zur Schändung religiöser Stätten in Frankreich eingesetzt werden, wie es die Resolution der Abgeordneten Boyer vorsieht, würde das einen großen Teil dazu beitragen, die offenen Fragen zu klären.

Restaurierung wird Jahre in Anspruch nehmen

Die massiven Schäden an Kirchen und anderen christlichen Stätten, wie zuletzt eben in Nantes, können so aber nicht mehr rückgängig gemacht werden. Dabei blickt gerade die Kathedrale jener westfranzösischen Stadt, mit deren Bau 1434 begonnen wurde, ohnehin auf eine wechselvolle Geschichte zurück. Nachdem die Kirche, die sich durch ihre charakteristischen quadratischen Glockentürme ohne Turmspitze auszeichnet, während der Französischen Revolution als Pferdestall missbraucht worden war, gewann sie unter Napoleon ihre Würde als Kathedrale zurück. Über die Jahrhunderte hinweg wurde immer wieder an ihr gebaut; fertiggestellt wurde das Gotteshaus schließlich im Jahr 1891 mit dem Chor und der Vierung. Während des Zweiten Weltkriegs wurden Teile des Gotteshauses von Bomben der Alliierten zerstört. Und schon 1972 – die Restaurierung war noch immer im Gange – richtete ein Feuer bei Reparaturarbeiten neue Schäden an. Erst Mitte der 1980er Jahre erstrahlte die Kathedrale wieder im alten Glanz. 

Die private Stiftung „Fondation du Patrimoine“ hat nun bereits eine Spendensammlung zur Restaurierung gestartet. Und auch Wirtschaftsminister Bruno Le Maire kündigte an, der Staat werde seinen Teil dazu beitragen, die Kathedrale so schnell wie möglich zu restaurieren. Für Erleichterung sorgt indes, dass die Statik des Gebäudes wohl intakt ist – eine Einsturz des Gewölbes, wie er beim Großbrand von Notre-Dame lange Zeit befürchtet worden war, droht somit wohl nicht. Die Restaurierung des Gotteshauses, so sind sich Experten einig, werde aber dennoch Jahre in Anspruch nehmen.

Ellen Fantini ist Geschäftsführerin der in Wien ansässigen Nichtregierungsorganisation „Observatory on Intolerance and Discrimination against Christians"

 

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